Eindringliche Momente des Gedenkens

Das Ensemble Salvocal schuf mit seinen Liedern die passende Atmosphäre im Gedenk-Gottesdienst am Freitagabend in der Salvatorkirche.
Das Ensemble Salvocal schuf mit seinen Liedern die passende Atmosphäre im Gedenk-Gottesdienst am Freitagabend in der Salvatorkirche.
Foto: Ute Gabriel / FUNKE Foto Services
Bewegender Gottesdienst anlässlich des Kriegsendes vor 70 Jahren am Freitagabend in der Salvatorkirche. Warnung vor dem Neofaschismus von heute.

Duisburg..  Ein biblisches Zitat besagt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Es steht sinnbildlich für Sünden der Vergangenheit, die uns in der Gegenwart einholen. Pfarrer Armin Schneider führte in seiner Predigt am gestrigen Freitagabend aus, dass wir nicht dazu verdammt sind, die Fehler unserer Eltern und Großeltern zu wiederholen, sondern aus ihren Fehlern lernen und neu anfangen können. „Wir sind frei, um für eine bessere Gegenwart und Zukunft zu leben“, sagte der Evangelische Superintendent des Kirchenkreises Duisburg den rund 150 Besuchern, die anlässlich des 70. Jahrestages des Weltkriegsendes dem Gottesdienst in der Salvatorkirche beiwohnten.

Es war eine eindringliche, teils sehr ergreifende Zeremonie. Das lag an den Liedern, die das Ensemble Salvocal vortrug. Das lag aber auch am gemeinsamen Gedenken. Schneider und Sarah Süselbeck, Pfarrerin an der Salvatorkirche, erinnerten an die bis zu 50 Millionen Todesopfer, die der Zweite Weltkrieg forderte, und an das große Leid, dass dieser Krieg über die Völker der Welt brachte. „Und wir müssen heute alles dafür tun, dass sich diese Schrecken der Vergangenheit nicht wiederholen.“

Durch das Vortragen von Einzelschicksalen wurde die Tragödie greifbar

Eindrucksvoll waren auch die Momente des Gedenkens an alle Opfer, die Krieg und Faschismus forderten. Um die unfassbaren Zahlen von Millionen Betroffenen greifbar zu machen, schilderten Vertreter des Evangelischen Bildungswerks und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes einige Einzelschicksale. Wie etwa das der Deportierten. Zu ihnen gehörte die jüdische Familie Gärtner aus Marxloh: Vater und Mutter starben im Konzentrationslager Riga, ihr zehnjähriger Sohn Jakob in Auschwitz. Jakob Gärtner war nur eines von 130 jüdischen Kindern, die allein aus Duisburg deportiert wurden. Es wurde auch der Zwangsarbeiter gedacht. Wie jene russische Frau, die nach Deutschland verschleppt wurde, um in einer Fabrik Flugzeugteile zu montieren. Als sie später heimkehrte, nahmen ihr die Landsleute die erzwungene Arbeit für die Deutschen übel. „Wir hatten nur die Schande“, schrieb sie in einem Brief von 1990, aus dem Auszüge vorgetragen wurden. Auch das Schicksal der Bombenopfer, Widerstandskämpfer, Soldaten, Verletzten und Vermissten kam zur Sprache. Viele Gottesdienstbesucher waren angesichts der Schilderungen emotional berührt.

In seiner Predigt sagte Schneider, dass die Trauben unserer Väter und Großväter vergiftet waren mit dem Gift des Nationalsozialismus. Er sprach Dank und Anerkennung an alle Widerstandskämpfer aus: „Sie haben dem Gift der sauren Trauben widerstanden.“ Er forderte, dem erstarkten Neofaschismus im Hier und Jetzt entschlossen entgegenzutreten – egal, ob es Glatzköpfe mit Springerstiefeln oder Biedermänner in Anzügen sind.

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