Ein Wochenmarkt der Superlative

Samstags um 10 Uhr. Am Marktplatz in Hochemmerich halten zwei Busse. Eine Gruppe aus Krefeld steigt aus dem ersten. Der volle Bus aus Hochfeld leert sich fast komplett. Von der Moerser Straße laufen Fußgänger auf den Platz zu. Mit Taschen und Beutel in der Hand stürzen sie sich ins Getümmel. Das Gedränge zwischen den 120 Ständen wird größer. Wer sich hier nicht auskennt, benötigt für die 10 000 Quadratmeter schon einen Kompass.

Vom Polsterer zum Kartoffelhändler

Oder Rudi Lisken. Der Kartoffelgroßhändler aus Rheinhausen stellt auf einem Rundgang sein zweites Zuhause vor: Einen Wochenmarkt, den es seit 1901 gibt und der als größter am Niederrhein gilt. Das Thermometer zeigt 20 Grad, am Himmel ist keine Wolke zu sehen. „Wenn der Wind nicht wäre, würde ich vom perfekten Marktwetter sprechen“, sagt Lisken. Er rechnet an diesem Samstag mit 7000 bis 8000 Besuchern. Jeden Vierten von denen begrüßt Lisken per Handschlag - so kommt es dem Beobachter zumindest vor.

Zwischen Gulaschkanone und den Textilienverkäufer spricht der 81-Jährige über seine ersten Erinnerungen an den Marktplatz. „Ich bin in der Günterstraße aufgewachsen. Im Zweiten Weltkrieg mussten wir bei Fliegeralarm immer zum Marktplatz fliehen. Darunter liegt ein Bunker, in dem wir uns immer verkrochen haben“, erzählt Lisken. Nach dem Krieg arbeitete er als Sattler und Polsterer, später verdiente er sein Geld bei Krupp. Anfang der Sechzigerjahre machte sich Lisken selbstständig. 1961 bot er erstmals seine Kartoffeln auf dem Markt an. „Die ersten Jahre waren schwer. Erst nach acht, neun Jahren hat sich das Geschäft rentiert“, sagt Lisken.

Nun ist er seit Jahrzehnten eine Institution auf dem Markt, mittlerweile sogar Sprecher der Händler. Lisken hat sie alle kommen sehen. Auch Händler, die meinten, am ersten Tag Gewinn machen zu können. Die meisten sind wieder weg.

Reinhard Pospiech ist geblieben. Sein Caffe Strada ist auf dem Wochenmarkt nicht mehr wegzudenken. „Als ich vor zehn Jahren hier meinen Stand eröffnet haben, musste ich lange Zeit dazubuttern“, sagt Pospiech. Doch seine Geduld zahlt sich aus. Pospiech hat expandiert, unter seinen Pavillons finden mittlerweile 80 Gäste Platz. „Ich kann mich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Am Mittwoch hat es zuletzt etwas nachgelassen, dafür sind die Plätze am Samstag bei gutem Wetter meistens belegt.

Rudi Lisken rührt in seinem Kaffee und erklärt das Erfolgsgeheimnis seines Bekannten. „Das ist das Kommunikationszentrum des Marktes“, sagt der . „Es kommt oft vor, dass sich alte Bekannte nach Jahren wieder zufällig auf dem Markt treffen. Die gehen dann erstmal hierhin zum Kaffeetrinken, um sich zu unterhalten.“

In Sichtweite des Caffe Strada ist der Stammplatz der Familie Lisken. Vor dem Stand drängeln sich die Kunden. Rudi Lisken junior wiegt die Kartoffeln ab. Ehefrau Jutta bedient am anderen Ende des Standes weitere Kunden. Mutter Helga hält die Tüten bereit. „Unser Enkel Daniel arbeitet auch noch mit. Der ist gerade mit dem Transporter unterwegs“, sagt Lisken senior.

Seine Familie ist beileibe nicht der einzige, die mit mehreren Generationen auf dem Marktplatz vertreten ist. Da ist Achim Petkens aus Aldekerk. Seine Familie verkauft bereits seit 1948 Obst und Gemüse in Rheinhausen. Kurz darauf eröffnete Metzger Horst Heinen seinen Marktstand. Er feierte im Vorjahr 60. Jubiläum auf dem Wochenmarkt. Während der Rumelner eine Rippe zerteilt, erzählt er eine Anekdote. „Wenn früher am Samstagmorgen Markt war, dann ist die Familie schon am Donnerstagabend mit der Ware aus Straelen losgefahren. Die haben das Fleisch damals noch in der Handkarre transportiert“, sagt der Metzger.

Der Markttag neigt sich dem Ende entgegen, der Appetit auf Frankfurter Kranz nimmt zu. Für diesen Kuchen ist Marlies Schwietz bekannt. Waren aus ihrer Bäckerei gehen mittlerweile auch schon seit 49 Jahren über die Ladentheke. Die Gruppe aus Krefeld schlägt beim Frankfurter Kranz auch zu. Ihre Taschen quellen mittlerweile über. Rudi Lisken schaut sich um, sieht Schlangen beim Metzger, Bäcker, beim Fisch- und Blumenhändler. Er genießt kurzzeitig den Trubel: Dann muss Lisken wieder Hände schütteln.