Ein Duisburger zieht ins türkische Parlament

Ziya Pir ist müde. Die Stimme des Deutsch-Türken am dritten Morgen nach der historischen Parlamentswahl in der Türkei ist rau. Er hat wenig geschlafen in den vergangenen Tagen. Zusammen mit seiner Partei, der prokurdischen HDP, hat der Mann, der zuletzt in Meiderich gelebt hat, den Sprung in die Nationalversammlung geschafft und damit wesentlichen Anteil daran, dass die von Präsident Recep Tayyip Erdogan angestrebte verfassungsändernde Mehrheit verfehlt wurde.

Man könnte also meinen, Pirs Müdigkeit sei einer langen Wahlparty geschuldet. „Leider nicht“, sagt er. „Wir haben zwar etwas Großartiges geschafft, aber es liegt ein Schatten darauf.“ Der türkische Wahlkampf ist zermürbend. Die Parteien und ihre Spitzenkandidaten gehen sehr hart gegeneinander vor, die Stimmung ist aufgeheizt. Dieses Mal endete der Wahlkampf gar blutig. Vier Menschen starben bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der HDP am Freitag in Diyarbakir, mindestens 220 weitere wurden verletzt. Auch Pir war an diesem Tag in der Kurden-Metropole, hatte vor der Explosion noch eine Wahlkampfrede gehalten.

Dem 45-Jährigen geht das Erlebte nahe. Und es bestärkt ihn in seiner politischen Mission: „Es ist Zeit, endlich Frieden zu schließen in der Türkei. Jahrzehnte türkisch-kurdischer Konflikte haben Zehntausende Opfer auf beiden Seiten gefordert. Damit muss Schluss sein“, sagt Pir. Seine Stimme klingt jetzt nicht mehr verkatert. Er ist hellwach. Der Kampf für Gleichberechtigung, für die Rechte von Minderheiten ist sein Thema.

Das war es schon zu Beginn seiner politischen Karriere. 1999 trat der damals in Köln lebende Ziya Pir dem Deutsch-Türkischen Forum der CDU bei, „weil ein gewisser Roland Koch eine hässliche Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft geführt hat, die sich zu einer ausländerfeindlichen Grundstimmung entwickelte“, erklärt er. Pir wollte mit seinem Engagement in der CDU „von innen heraus etwas an der Ausländerpolitik der Partei ändern“.

2002 war er im Auftrag des damaligen Regierungschefs Erdogan an der Entwicklung einer Organisation für Auslandstürken beteiligt: der UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten). „Ursprünglich sollte die UETD eine unabhängige Lobbyorganisation für in Europa lebende Türken sein“, erklärt Pir. Mit den Jahren wurde sie aber immer mehr zum verlängerten Arm der Erdogan-Partei AKP. Damals dachte Ziya Pir noch, mit Erdogan könnte es Frieden zwischen Türken und Kurden geben. Aber der einst von Erdogan angestoßene Friedensprozess ist ins Stocken geraten.

2005 stieg Ziya Pir aus der UETD aus und kehrte der Politik den Rücken. Der 45-Jährige konzentrierte sich auf sein Geschäft, gründete mit einem Geschäftspartner eine Firma im Gesundheitssektor und lebte fortan in London und Meiderich. Bis vor einigen Monaten die prokurdische HDP auf ihn zu kam und ihn bat, als Abgeordneter bei der türkischen Parlamentswahl zu kandidieren.

Dass die Partei ausgerechnet ihn auf ihre Liste stellen wollte, hat mit der Familiengeschichte von Ziya Pir zu tun. Kemal Pir, ein Onkel von Ziya, war einer der Mitgründer der kurdischen Arbeiterpartei PKK. „1982, also bevor die PKK den bewaffneten Kampf aufgenommen hat, ist mein Onkel an den Folgen eines Hungerstreiks im Gefängnis gestorben. Für viele Kurden wurde er zur Symbolfigur des friedlichen Kampfes für Gleichberechtigung. Die HDP hat mich nach langen Diskussionen davon überzeugt, dass jemand mit dem Namen Pir im Parlament den Kampf meines Onkels weiterführen muss“, erklärt Ziya Pir seine Motivation, alle Zelte in Meiderich abzubrechen und nach Ankara zu ziehen.

Sein Wunsch nach Frieden und Gleichberechtigung geht so weit, dass er sogar gut mit einer Koalition der islamisch-konservativen AKP und der ultra-rechten MHP leben könnte, wenn diese eine Verfassung nach dem Beispiel des Grundgesetzes schaffen würde, die die Menschenrechte in den Vordergrund stelle. „Die deutsche Verfassung ist beispielhaft“, sagt Pir.

Pir will mit seiner HDP daran mitwirken, dass die Türkei nach 13 Jahren alleiniger AKP-Herrschaft – die meiste Zeit mit Erdogan als Regierungschef – wieder ein westliches Demokratieverständnis entwickelt. Doch zuvor muss er noch seine Wohnung in Meiderich auflösen und eine neue in Ankara finden.