Ein bewegtes und bewegendes Leben

„Wir wollen der Geschichte ein Gesicht geben, indem wir Menschen und ihre Lebenswege vorstellen“, formulierte Dr. Susanne Sommer im Gespräch mit der NRZ einmal den Anspruch des Zentrums für Erinnerungskultur. Und wer könnte geeigneter dazu sein, im Rahmen der Ausstellung „Jüdisches Leben in Duisburg 1918 bis 1945“, diesem Geschichtsabschnitt ein Gesicht zu geben, als der in Duisburg aufgewachsene Schriftsteller Walter Kaufmann. Der heute 91-Jährige ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden aus Duisburg. Am kommenden Mittwoch, 24. Juni, wird er im Kultur- und Stadthistorischen Museum am Innenhafen ab 19 Uhr aus autobiografischen Texten lesen. Begleitet wird er von seinem Verleger Volker Dittrich, der ein Hörfeature über das Leben Kaufmanns gemacht hat. Und dieses sehr bewegte und bewegende Leben ist es allemal wert zu erzählen und gehört zu werden.

Kaufmann, Sohn einer jüdischen Verkäuferin, wurde in Berlin geboren. Als Adoptivkind kam er nach Duisburg. In Duissern wuchs er bei seinen Adoptiveltern Dr. Sally und Johanna Kaufmann auf. Sein Vater war Rechtsanwalt und der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Duisburg. Ab 1933 spürt auch Walter Kaufmann als Neunjähriger schon, dass sich etwas grundlegend verändert. Seine Hockey-Freunde vom Club Raffelbeg begegnen ihm mit subtilem Antisemitismus, von Seiten seiner Schulkameraden am Realgymnasium (heute Steinbart) schlägt ihm unverhohlener Judenhass entgegen.

In der Reichspogromnacht 1938 wird sein Elternhaus in der Prinz-Albrecht-Straße in Duissern verwüstet. Seine Adoptiveltern werden danach verhaftet und deportiert, erst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz, wo sie in den Gaskammern ermordet werden.

Walter Kaufmann gelingt 1939 die Flucht aus dem damaligen Deutschen Reich mit einem Kindertransport über die Niederlande nach Großbritannien. Mit Beginn des Krieges wird er dort als „feindlicher Ausländer“ interniert und 1940 per Schiff nach Australien verschleppt. Nach 18 Monaten in einem Wüstencamp wird er freigelassen. Anschließend schlägt sich der 17-Jährige als Obstpflücker und Landarbeiter durch, dient vier Jahre als Kriegsfreiwilliger in der australischen Armee, arbeitet nach 1945 als Straßenfotograf, auf einer Werft, im Schlachthof und als Seemann bei der Handelsmarine

Erst 1949 begann er mit dem Schreiben. Sein erster Roman „Stimmen im Sturm“, in dem er seine Duisburger Kinderjahre verarbeitet, erschien 1953 in Australien in englischer Sprache. Vier Jahre später siedelt Kaufmann aus Australien in die DDR über. Dort fährt er auch für die Handelsmarine zur See, macht die Schriftstellerei aber Ende der 1950er Jahre zu seinem Hauptberuf. Staatstragend ist Kaufmann, der seine australische Staatsbürgerschaft behalten hat, in der DDR wohl nicht gewesen. Seine Stasi-Akte enthält an die 20 Decknamen von Leuten, die ihn bespitzelt haben.

In seinen Büchern hat Kaufmann immer wieder Ereignisse aus seinem Leben verarbeitet. Nun wird er noch einmal in Duisburg daraus lesen.