Ein besonderer Abend mit Zimerman
22.06.2008 | 16:46 Uhr 2008-06-22T16:46:33+0200MERCATORHALLE. Außergewöhnliches Konzert mit einem stillen, kompromisslosen Star.
Krystian Zimerman zählt seit 30 Jahren zu den stillsten und kompromisslosesten Stars am Klavierhimmel. Wenn es um die Durchsetzung seiner künstlerischen Vorstellungen geht, reist er nicht nur mit dem eigenen Flügel um die Welt, sondern auch gleich mit mehreren Tastaturen. So auch jetzt in der nahezu vollbesetzten Mercatorhalle im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr. Dass er beim Wechsel von Bach nach Beethoven auch die in Anschlagsdruck und Spieltiefe unterschiedlich präparierten Tastaturen austauschen ließ, zahlte sich aus.
Eiserne Konsequenz, technische Brillanz
Dabei kommt es ihm nicht etwa darauf an, bei Bach einen Cembalo-ähnlichen Klang zu erzielen, sondern den duftigen Tanz-Charakter der Partita Nr. 2 in c-Moll so charakteristisch und schwerelos wie möglich herauszuarbeiten. Und da mag man über manches Detail in Sachen Tempo und Phrasierung streiten. Zimerman weiß, was er für richtig hält, und setzt seine persönlichen Botschaften mit eiserner Konsequenz und superber technischer Brillanz um.
Beethovens letzte Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 nahm er klanglich etwas schwerer, aber keinesfalls zergrübelt oder resigniert. Die klischeebehaftete Vorstellung, dass es sich um das "Alterswerk" eines deprimierten Künstlers im Endstadium handeln soll, habe ihm das Verständnis für diese Musik lange verstellt, betont der Pianist heute. Zimerman erinnert daran, dass der Komponist gerade einmal 51 Jahre alt gewesen ist und trotz schlimmer persönlicher Krisen vor künstlerischem Tatendrang strotzte. Und so interpretiert Zimerman das Werk als Ausdruck eines gereiften, immer sensibler reagierenden Menschen. Seine Darstellung legt beredtes Zeugnis von der Feinfühligkeit und dem Selbstbewusstsein Beethovens ab und klingt unter Zimermans Händen erstaunlich natürlich und logisch.
Auch die Vier Klavierstücke op. 119 aus Brahms' Spätzeit atmen nichts Greisenhaftes. Zimerman taucht die rhapsodisch-fantasieartig geformten "Gesänge" in warm getönte Farben, spielt mit großem Atem und fein nuancierter Anschlagskultur. Angesichts der faszinierenden Musikalität von Zimermans Klavierspiel vergisst man, welche spieltechnische Souveränität ein solcher Umgang mit der Musik erfordert. Technische Brillanz gehört in der Tat nicht zu den Attributen, die Zimerman in den Vordergrund stellen möchte. Und die ausgewählten Werke von Bach, Beethoven und Brahms verbieten zudem jede virtuose Selbstdarstellung.
Bewältigt mit Grandezza
Etwas anders verhält es sich bei den "Variationen über ein polnisches Volksthema" op. 10 seines polnischen Landsmanns Karol Szymanowski. Ein funkelndes Jugendwerk von überbordender Fantasie, reich gespickt mit dankbaren technischen Finessen, die Zimerman mit Grandezza bewältigt, ohne die musikalische Linie zu vergessen.
Ein besonderer Klavierabend, wie immer, wenn Krystian Zimerman auftritt.

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