Duisburgs Bildungsdezernent glaubt an die Sekundarschule

Thomas Krützberg ist seit zwei Jahren Beigeordneter für Familie, Bildung und Kultur in der Stadtverwaltung.
Thomas Krützberg ist seit zwei Jahren Beigeordneter für Familie, Bildung und Kultur in der Stadtverwaltung.
Foto: Lars Heidrich/FUNKE Foto Serivce
Was wir bereits wissen
Thomas Krützberg ist seit zwei Jahren Beigeordneter für Familie, Bildung und Kultur. Im Sommer-Interview äußert er sich über die „Baustellen“ in seinem Dezernat.

Duisburg.. Zwölf Jahre lang hat er das Jugendamt geleitet, im Mai 2013 wählte der Rat Thomas Krützberg zum Dezernenten für Familie, Bildung und Kultur. Im WAZ-Sommergespräch äußert sich der 55-Jährige zu den wichtigsten Herausforderung in seinem Dezernat: Inklusion, Sekundarschule und die kürzlich verlängte „Opernehe“.

Die Schullandschaft erscheint – auch inhaltlich – als Dauerbaustelle. Ist das tatsächlich so?

Thomas Krützberg: Für eine Stadt gibt es gerade im Schulbereich große Probleme. Wir stellen Material und Gebäude, vom Land kommen Erlasse und Schulrechtsänderungsgesetze – genannt Schräg – in einer Häufung, die ich noch nie erlebt habe. Die Arbeit ist sehr anstrengend, weil sie nicht aus einer Hand kommt. Wir möchten nicht nur Bleistifte und Toilettenpapier beschaffen, sondern auch inhaltlich mitbestimmen. Unsere Eltern wohnen hier und nicht in Düsseldorf.

Erleben wir nicht eine fundamentale Änderung der Schullandschaft?

Krützberg: Über die Hauptschule haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt. Die Einführung der Sekundarschule war in Süd, Nord und Rheinhausen erfolgreich. Die wichtigste Änderung ist für mich die Inklusion.

Bei der Sekundarschule bleiben Bedenken. Wie optimistisch sind Sie, dass sie sich etablieren kann?

Krützberg: Ich bin sicher, dass es sehr schnell geht. Da wird gute Arbeit geleistet, die Klassen sind kleiner, das längere gemeinsame Lernen wird sich durchsetzen. Die Sekundarschule wird keine „Restschule“, sondern ein gleichwertiges Angebot, wo Schüler durch die Kooperationen auch das Abitur machen können. Es war ein Fehler, nicht erneut mit den bisher guten Ergebnissen gezielt zu werben. Wir brauchen auch Geduld. Diese neue Schulform gibt es seit einem Jahr. Die Idee des längeren gemeinsamen Lernens ist jedenfalls ein guter Ansatz.

Mit der Inklusion kommt ein weiteres schwieriges Thema obendrauf.

Krützberg: Hier muss Seriösität vor Geschwindigkeit gehen. Wir haben den inklusiven Schulentwicklungsplan aufgelegt. In anderen Städten ist die Inklusion mit der flächendeckenden Schließung von Förderschulen verbunden worden. Ich halte das für den falschen Weg. Sie sind eine große Stärke der Schullandschaft. Auch die Eltern sehen die Vorteile.

Wie geht es weiter?

Krützberg: Wir müssen Jahr für Jahr lernen, welche Schüler wir in den inklusiven Unterricht übernehmen können. Eine wichtige Frage ist: Wie können wir auch Kinder übernehmen, die für Regelschulen eine große Herausforderung darstellen?

Auch da geht’s nicht ohne das Land.

Krützberg: Wir werden ein wenig allein gelassen. Der Lehrerschlüssel ist nicht entsprechend erhöht worden. Wir versuchen, das durch Integrationshelfer auszugleichen. Das Land muss nachlegen.

Wird das noch passieren?

Krützberg: Kurzfristig, zum nächsten Schuljahr wohl nicht. Aber bei der Evaluation kann ich mir nicht vorstellen, dass es Kommunen gibt, die keine Probleme haben. Festzustellen ist: Das erste Jahr des gemeinsamen Unterrichts haben wir relativ geräuschlos hinter uns gebracht. Bei den Anmeldungen für das nächste Schuljahr können wir alle Elternwünsche erfüllen.

Stichwort Zuwanderung: Rund 100 Kinder kommen derzeit pro Monat hinzu. Wie gehen Sie damit um?

Krützberg: Die Spitze der Zuwanderung aus Südosteuropa haben wir wohl hinter uns. Allerdings bewegen sich diese Menschen in der Stadt. Das ist sehr problematisch.

Wurden zu viele Schulen geschlossen?

Krützberg: Das wurde auf der Grundlage damals aktueller Zahlen beschlossen. Heute sind es 3000 Kinder mehr. Für Zuwanderer und Flüchtlinge müssen wir Schulraum bereitstellen.

Viele Kinder – ist das nicht eine gute Nachricht?

Krützberg: Natürlich freue ich mich darüber. Das ist ein Potenzial für Duisburg. Eine multikulturelle Stadtgesellschaft muss nicht nur zu sozialer Benachteiligung führen – das ist auch ein Pfund, mit dem eine Stadt wuchern kann, wenn sie es entsprechend nutzt. Daran fehlt es leider noch an vielen Stellen.

Lässt sich die bildungsferne Tradition vieler Zuwanderer aus Südosteuropa überwinden?

Krützberg: Wir machen die Erfahrung, dass die Eltern erkennen, dass Bildung ihren Kindern viele Vorteile bringt. Ich bin kein Sozialromantiker. Aber ich glaube, das viele ihre eigene und die Situation ihrer Kinder auf Dauer verbessern wollen. Es gilt deshalb, Regeln ordungsrechtlich durchzusetzen, aber auch Elternarbeit zu machen, damit die Erwachsenen Fuß fassen. Aber in fünf Jahren lösen wir das nicht.

Müssen wir uns an Brennpunkte in einigen Stadtteilen gewöhnen?

Krützberg: Für EU-Bürger können wir keine Zuweisung machen. Es darf keine Schrottimmobilien geben und Vermieter, die damit Geld machen, wir brauchen angemessenen Wohnraum. Hochfeld hat sich durch gezielte Projekte deutlich beruhigt. Auf diesen positiven Erfahrungen sollten wir aufbauen.

In der Jugendhilfe ächzen viele Städte unter wachsenden Ausgaben. Wie sieht es in Duisburg aus?

Krützberg: Mit zwei Prozent pro Jahr haben wir seit langem die geringsten Steigerungsraten bei den Hilfen zur Erziehung. Das wird so bleiben. Sorgen bereitet uns der U3-Ausbau. 2008 hatten wir 300 Plätze, jetzt fast 4000. Damit bieten wir zwar viel, schaffen auch Arbeitsplätze. Das kostet 20 Mio € mehr als noch vor zwei Jahren. Der Bund bezahlt zwar die Steine,, nicht aber die Mitarbeiter. Die Stadt muss Personal abbauen – schwierig wenn ich laufend neue Kitas eröffne. Das sprengt zwar das Budget, aber es ist ein Gesetz, das wir auch gerne umsetzen, um vielen Kindern frühzeitig Bildungschancen zu eröffnen.

Pfiffige Ideen für die Zukunft der Festivals gesucht

Als Kulturdezernent hatten Sie keinen „Stallgeruch“. Hat sich der Argwohn gelegt?

Krützberg: Krützberg: Ich habe mich als jemand vorgestellt, der lernen und zuhören will und der keine Versprechungen macht. Die Einarbeitung im kulturellen Bereich war sehr schwierig, weil es sehr viele Sparten gibt. Sicher wird mir heute noch mancher vorwerfen, dass ich nicht weiß, wie eine Fuge komponiert wird. Aber ich denke ich konnte mich einigermaßen etablieren.

Dazu wird auch die gelungene Verlängerung der Opernehe beitragen. Was ist der wichtigste Effekt für Duisburg?

Krützberg: Wichtig ist zunächst, dass das Verfahren ohne öffentliches Getöse gelaufen ist. Es gab keine Schlacht um das Geld. Entscheidend war der gemeinsame Wille, diese Ehe zu retten. Duisburg kann so dokumentieren, dass diese Stadt nicht nur ein großes Angebot in der freien Szene, sondern auch in der Hochkultur hat.

Was, wenn es nicht gelungen wäre?

Krützberg: Es wäre wohl der Anfang vom Rückbau der Hochkultur gewesen. Dann wären Theater und Philharmoniker wahrscheinlich ebenfalls stark ins Wanken geraten.

Gibt es einen Zwischenstand zum Kulturentwicklungsplan?

Krützberg: Ein schwieriges Thema. Die Resonanz mit 120 Teilnehmern zum Auftakt freut mich sehr. In den Arbeitsgruppen war die Beteiligung nicht mehr ganz so hoch, aber das ist normal. Die Diskussionsfreudigkeit ist so groß, dass wir wohl bis ins 1. Quartal 2016 brauchen. Ich möchte von den Kulturschaffenden ihre Sicht der Dinge hören – die Entscheidung wird aber der Rat auf Grundlage eines Verwaltungsvorschlages treffen.

Ihre wichtigste Aufgabe für die zweite Jahreshälfte?

Krützberg: Der Abschluss der Arbeiten an der Wiedereröffnung des großen Saals der Mercatorhalle, die Neuorganisation der DMG zu einer schlagkräftigen Tourismus-Truppe, die Fortsetzung der Festivals über 2016 hinaus. Wir müssen deren Struktur überprüfen und ein Konzept vorlegen. Dazu braucht es pfiffige Ideen. Wir sollten aber die Festivals ebenso wie das Büro beibehalten. Ob es inhaltliche Verschiebungen gibt, müssen wir noch besprechen. Wenn wir überzeugend darlegen, was wir erreicht haben und erreichen können, wird das ein gutes Argument sein, den Etat nicht anzutasten.