Duisburger Zoo-Mitarbeiter weinen um erschossenen Orang-Utan

Aus Sicherheitsgründen hatte der Zoo Polizei und Feuerwehr zur Hilfe gerufen. Die Polizisten sicherten das Zoo-Gelände, beteiligten sich aber nicht an der Suche.
Aus Sicherheitsgründen hatte der Zoo Polizei und Feuerwehr zur Hilfe gerufen. Die Polizisten sicherten das Zoo-Gelände, beteiligten sich aber nicht an der Suche.
Foto: Stephan Eickershoff / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Zoo Duisburg hat untersucht, wie die zwei Orang-Utans ausbrechen konnten: Grund war offenbar ein fehlerhaft gesicherter Schieber im Affengehege.

Duisburg.. Der Schock sitzt noch merklich tief. Die gesamte Zoo-Spitze steht Dienstagmorgen bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz Rede und Antwort, nachdem gut 12 Stunden vorher Orang-Utan-Männchen Nieas am Montagabend mit einem Gewehr erschossen werden musste, als er über einen Zaun auf die Straße klettern wollte. „Nieas war wie ein Familienmitglied. Alle sind bedrückt und betroffen. Da sind Tränen geflossen“, schildert Zoo-Direktor Achim Winkler.

Nach den dramatischen Stunden am Vortag kann Winkler ungefähr nachzeichnen, was da im Affenhaus geschehen war. Ein erfahrener, langjähriger Pfleger hatte zum Dienstschluss einen Schieber zum Gehege nicht vorschriftsmäßig geschlossen. Trotz dreifacher Sicherung. „Das war menschliches Versagen, das man leider nie völlig ausschließen kann“, nimmt Winkler den total geschockten Mitarbeiter in Schutz.

Das 26 Jahre Affenmännchen, das im Zoo geboren wurde, schlüpfte dann in den rückwärtigen Pflegerraum des Orang-Utan-Areals in dem mehr als 50 Jahre alten Affenhaus. Nieas ist dann in dem Versorgungsraum auf das andere Orang-Utan-Männchen Bayu getroffen. Wie das möglich war? Winkler vermutet, dass Nieas den Schieber zu dem anderen Stall geöffnet hatte – gerade Orang-Utans sind ausgewiesene Tüftler.

Rivalenkampf zwischen zwei Orang-Utans

Zwischen den beiden Affen-Männchen kam es zum Rivalenkampf, „Geplänkel“, wie es Winkler beschreibt. Nieas zog den Kürzeren und flüchtete über ein offenes Oberlicht nach draußen auf das Dach des Pflegertraktes. „Außerhalb seines vertrauten Umfeldes geriet der Menschenaffe in Panik und rannte verschreckt hin und her“, so Winkler. Zunächst unklar war auch, wie viele Affen ausgebrochen waren – das Affenhaus ist unübersichtlich und verwinkelt. Auch die Pfleger mussten bei der Suche vorsichtig sein. Deshalb wurden auch Feuerwehr und Polizei alarmiert.

Laut Winkler trafen der herbeigerufene Diensthabende, der laut Notfall-Plan des Zoos in solchen Gefahrenmomenten auch schussberechtigt ist, und die Tierärzte in dem Moment ein, als der völlig verschreckte Affe über den neben dem Affenhaus gelegenen Außenzaun Richtung Carl-Benz-Straße klettern wollte. „Es blieb keine Wahl, wir mussten den Affen erschießen, um Schlimmeres zu verhindern“, berichtet Winkler.

Betäubungsschuss hätte Orang-Utan nicht schnell genug stoppen können

Denn ein panischer, aggressiver Oran-Utan ist lebensgefährlich und unkontrollierbar; sieben mal stärker als ein Mensch, sagt man, sind die eigentlich bedächtigen, mehr als 100 Kilogramm schweren Affen mit dem zottligen rot-braunen Fell, die sich in normalen Situationen selbst an die Hand nehmen lassen. Zwei Narkose-Pfeile wären nötig gewesen, um den Affen zu betäuben. Dafür blieb keine Zeit. Denn bis das Mittel gewirkt hätte, wären mindestens zehn Minuten vergangen. Mit unabsehbaren Folgen und Gefahren für Autofahrer auf dem Zubringer von den Autobahnen auf die Mülheimer Straße oder für Menschen rund um den Zoo. Mit einem gezielten Schuss wurde der Affe getötet. Winkler will nicht sagen, welcher Mitarbeiter abdrücken musste: „Das war schon schwer genug.“

Das jüngere, 12 Jahre alte Männchen Balu betäubten Zoo-Mitarbeiter anschließend mit dem Narkose-Gewehr und brachten ihn in die Stallungen zurück zu den anderen vier Orang-Utans. Der Zoo gab Entwarnung und die alarmierte Feuerwehr und die auch mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten, die das Gelände um den Zoo gesichert hatten, konnten wieder abrücken.

Zoo-Besucher wurden herausgeführt

Gefahren für die wenigen Tierpark-Besucher, die in der Dämmerung kurz vor Zoo-Schluss noch im Tierpark waren, habe nicht bestanden, versichert Winkler. Sie hätten sich entfernt vom Affenhaus auf der östlichen Seite der Zoo-Brücke befunden und seien sofort herausgeführt worden.

Kein guter Tag für den Zoo, der nach dem Tod des Delfinbabys vor einer guten Woche ohnehin wieder ins Visier von Tierschutzorganisationen geraten ist. So lässt der zoologische Leiter Jochen Reiter nicht unerwähnt, dass gerade Zoos wie der Duisburger es sind, die das Fortbestehen der vom Aussterben bedrohten Menschenaffen sichern.

50 Orang-Utans in Duisburg geboren

Seit Jahrzehnten ist der Duisburger Tierpark am weltweiten Zoo-Zuchtprogramm für bedrohte Tierarten wie die Orang-Utans beteiligt. Rund 50 Tiere sind seitdem hier zur Welt gekommen. Mittlerweile leben im Affenhaus nur noch Borneo-Orang-Utans und keine mehr der Sumatra-Art.

Ausbrüche von Tieren in Zoos sind keine Seltenheit. 1977 machte sich in Duisburg Gorilla Catou auf den Weg, 1993 Orang-Utan-Dame Susi. „Das waren harmlose Fälle“, so Zoo-Direktor Winkler. Im aktuellen Fall blieb bei dem großen Risiko des panischen Tieres keine Alternative als der tödliche Schuss.

Die Tierschutzorganisation „EndZoo“ hat indes Strafanzeige gegen den Zoo gestellt.