Duisburger wollen Hilfe für Flüchtlinge gut organisieren

In der Turnhalle stehen nun die Doppelstockbetten aneinandergereiht. 75 Personen sollen hier Platz finden.
In der Turnhalle stehen nun die Doppelstockbetten aneinandergereiht. 75 Personen sollen hier Platz finden.
Foto: Lars Heidrich/Funke Foto Heidrich
Was wir bereits wissen
Immer mehr Flüchtlinge kommen derzeit in Duisburg an. Helfer versuchen in Neuenkamp, die Ankunft der Menschen so gut wie es geht zu organisieren.

Duisburg.. Die ersten zusätzlichen Flüchtlinge könnten schneller als erwartet in Neuenkamp einziehen. Derzeit lässt die Stadt die Turnhalle neben der alten Hauptschule an der Paul-Rücker-Straße herrichten. Sie soll Platz für 75 Asylbewerber bieten. Nach anfänglichem Aufschrei der Neuenkämper, etwa bei einer Bürgerversammlung, engagiert sich nun ein so genannter Unterstützerkreis. Er besteht aus der Sozialraumkonferenz und dem Runden Tisch Neuenkamp und will das Zusammenleben der Flüchtlinge und Neuenkämper gestalten. Ein Gespräch mit den beiden Sprechern des Unterstützerkreises, Sieghard Schilling, Geschäftsführer des Diakoniewerks, und Martin Winterberg, evangelischer Pfarrer in „Alt-Duisburg“ und damit zuständig für den Stadtteil Neuenkamp.

Anfangs gab es Kritik an der Informationspolitik der Stadt, die die Neuenkämper nicht rechtzeitig informiert haben soll. Ist das jetzt besser geworden?

Schilling: Inzwischen ja. Wir hatten bisher zwei Treffen des Unterstützerkreises, bei dem sämtliche Einrichtungen und Vereine beteiligt waren, auch die Leiterin des Sozialamtes war vor Ort und hat im Zweifelsfall eine Standleitung zu uns. Wichtig ist uns: Es geht uns nicht um eine Diskussion, dass das Asylbewerberheim bitte woanders eröffnet werden soll. Von diesem Thema bleibt kein Stadtteil und kein Sozialraum verschont. Wir reden gerade darüber, wie wir die Hilfe organisieren können.

Dass die Turnhalle als Notunterkunft genutzt werden soll, ist neu.

Schilling: Ja. Momentan kommen jede Woche neue Busse. Da stehen bis zu 75 Personen vor dem Sozialamt. Die Stadt säuft ab. Deshalb werden schnell neue Unterkünfte benötigt. Da werden Doppelstockbetten aneinandergereiht, das ist keine schöne Form der Unterbringung und kratzt bedenklich an der Menschenwürde. Als Diakoniewerk haben wir uns entschlossen, für die erste Zeit eine halbe Stelle zu finanzieren, damit die Koordination der ehrenamtlichen Betreuung gesichert ist.

Wissen Sie schon, wer kommt?

Schilling: Nein, dass können alleinstehende Männer sein oder Familien mit Kindern. Entsprechend wird die Hilfe unterschiedlich ausfallen. Aber Sprachkurse braucht jeder. Das Interesse daran ist groß. Die Gebag wird uns eine weitere Wohnung zur Verfügung stellen, wir können wahrscheinlich das Dietrich-Krins-Weber-Zentrum nutzen und auch im Mittendrin, einem Projekt der Familienhilfe-sofort-vor-Ort des Diakoniewerkes wird bereits Hilfe geleistet.

Wenn zum Beispiel Familien mit Kinder kommen – gibt es dann Kapazitätsprobleme in den Kindergärten und der Grundschule?

Schilling: Es könnte sein, dass die Einrichtungen an ihre Grenzen stoßen und man beispielsweise auch auf Einrichtungen in Kaßlerfeld zurückgreifen muss. Gleiches gilt übrigens auch, wenn alleinstehende Männer kommen. Auch die wollen nicht den ganzen Tag in einer Turnhalle herumsitzen, sondern arbeiten und sich beschäftigen.

Eine Schmankerl für die Neuenkämper war, dass sie vielleicht die Turnhalle oder Teile der Schule für ihre Treffen benutzen können. Danach sieht es erstmal nicht aus.

Schilling: Ich will ausdrücklich nichts versprechen. Aber wenn der Zustrom weiter so ist, dann werden die Turnhalle und die Schule parallel betrieben. Die Schule soll ab Frühjahr 2016 als Unterkunft genutzt werden.

„Sorgen und Ängste Ernst nehmen“

Herr Winterberg, als Pfarrer hat Nächstenliebe für Sie eine besondere Bedeutung. Wer liegt Ihnen näher – die Flüchtlinge oder die Sorgen der Neuenkämper?

Ich habe beides im Blick. Ich nehme die Sorgen und Ängste der Menschen Ernst. In Gesprächen mit Älteren erinnert sich der eine oder andere an seine eigene Flüchtlingsgeschichte. Und bei Jugendlichen verweise ich auf die Erlebnisse, die die Großeltern haben. Nicht ohne Grund heißen die Straßen hier Ottweiler oder Neunkirchener Straße, Orte aus dem Saarland, von wo Menschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Neuenkamp kamen.

Schilling: Wir müssen Begegnungen zwischen den Menschen organisieren. Da muss mal der Bürgermeister in die Unterkunft gehen oder die Asylbewerber müssen den Neuenkämpern bei Aktivitäten helfen.

Winterberg: Begegnungen schaffen Verständnis. Ich hatte einen Fall in der Gemeinde, da hatte ein Mitbewohner große Befürchtungen, als eine Flüchtlingsfamilie in sein Haus einzog. Ein paar Wochen später habe ich ihn wiedergetroffen. Als er gesehen hat, wie die Menschen leben und dass ein paar elementare Dinge im Haushalt fehlen, hat er sich für die Familie eingesetzt. Ein anderes Gemeindeglied ist ehemaliger Lehrer. Er gibt nun Sprachkurse. Wir dürfen nicht vergessen, dass bereits Flüchtlinge in Wohnungen in Neuenkamp leben. Die werden wie selbstverständlich im Sozialzentrum Mittendrin mitbetreut.

Wie sieht’s mit finanzieller Unterstützung aus?

Winterberg: Die Kirchengemeinde Alt-Duisburg hat 15 000 Euro für die ehrenamtlichen Helfer zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld sollen Telefon- und Fahrtkosten ersetzt werden. Wie wir uns darüber hinaus engagieren, wollen wir im Presbyterium noch beraten.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Schilling: Mit der Neuenkamper Erklärung haben wir deutlich gemacht, dass bei uns Flüchtlinge willkommen sind. Aber es fehlt ein geistiger Überbau, eine Erklärung für ganz Duisburg. Damit die Ehrenamtlichen auch wissen, dass wir nicht nur dabei helfen, eine Flüchtlingsquote zu erfüllen. Asyl ist eines der Topthemen in Duisburg, aber die Parteien äußern sich kaum dazu.

Winterberg: Als Kirche und Diakonie waren wir führend bei den Anti-Pegida-Demos vor dem Theater dabei und haben deutlich gemacht, dass wir uns engagieren.

Neuenkamper Erklärung verabschiedet

Der Runde Tisch, die Sozialraumkonferenz und der Unterstützerkreis Neuenkamp haben in einer ihrer Sitzungen die Neuenkamper Erklärung unterzeichnet. Darin heißt es: „Wir stehen für ein friedliches, tolerantes Miteinander aller Menschen in Neuenkamp. Nach Duisburg kommen unterschiedliche Gruppen von Menschen, die hier ein neues Zuhause suche. Flüchtlinge oder Zuwanderer, sie alle haben ein Recht hier zu sein.“ Gleichzeitig wird betont, dass die Grundlage für das Zusammenleben geltendes Recht sein müsse. Mit Blick auf die Neuenkämper betonen die Unterzeichner: „Wir wollen auch die Ängste und berechtigen Sorgen ernst nehmen, indem wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass die Bedingungen, unter denen die Menschen zu uns kommen, akzeptabel für alle sind. Heimat ist da, wo Menschen Aufnahme finden und ein neues Zuhause haben.“

Bezirksvertretung: Turnhalle nur vorübergehend nutzen

Derzeit leben rund 2400 Flüchtlinge in Duisburg. Ein Teil der Asylbewerber lebt bereits in beschlagnahmten Wohnungen in Neuenkamp. Sie sind integriert in die Nachbarschaft und werden beispielsweise vom Sozialzentrum Mittendrin betreut. Gleichzeitig sucht die Stadt händeringend nach neuen Standorten für Notunterkünfte. Sozialdezernent Reinhold Spaniel brachte gar die Rheinhausen-Halle ins Spiel. In der Bezirksvertretung Mitte (BV) berieten die Parteien über sämtliche leerstehenden Gebäude.

Lothar Tacke (SPD) beantragte in der jüngsten BV-Sitzung allerdings, dass die Turnhalle nur so lange in Betrieb sein soll, bis die ehemalige Schule als Asyl-Standort in Betrieb genommen werden kann. „Wir wollen keine Zweiklassen-Unterbringung. Die einen müssen in Bettenburgen ohne Privatsphäre schlafen, die anderen in adäquaten Räumen“, so Tacke. Die BV-Mitglieder schlossen sich dem Antrag an.