Duisburger Sternsinger bringen Segensgrüße zu den Menschen

Die Sternsinger der Karmel-Gemeinde bringen die Segenswünsche in die Haushalte
Die Sternsinger der Karmel-Gemeinde bringen die Segenswünsche in die Haushalte
Foto: Fabian Strauch/WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Sternsinger bringen Segensgrüße in Duisburger Haushalte und sammeln für Kinder auf den Philippinen. Bei der Karmel-Gemeinde gibt es sogar nur Könige.

Unbedingt wollte Joann diesmal dabei sein. Im vergangenen Jahr musste sie ihre beiden großen Schwestern Syann und Lyann, die zusammen mit anderen Kindern der Karmel-Gemeinde am Innenhafen als Sternsinger Segensgrüße ins Haus brachten und Spenden sammelten, schweren Herzens alleine ziehen lassen. Diesmal darf sie endlich mitmachen.

Doch plötzlich ist die Fünfjährige ganz eingeschüchtert durch die vielen größeren Kindern, die sich zur Generalprobe im Gemeindehaus eingefunden haben, und hält sich lieber am Jackenzipfel ihrer Mutter Mylinh Thieu fest. Das gibt Sicherheit. Doch die schiebt sie sanft in den Raum mit den Worten: „Ich geb dir ganz viel Kraft.“ Joann traut sich, trollt sich zu ihren Schwestern und als sie dann auch noch ein Königsgewand bekommt, strahlt sie völlig zufrieden mit sich und der Welt und verfolgt mit großen Augen, was die „Großen“ machen.

„20* C + M + B + 15“

Die proben gerade ihren Auftritt. Und dazu gehört nicht nur, die Lieder noch einmal zu singen, sondern auch die richtigen Worte an der Haustür zu wählen. Die Leiterinnen und Leiter der Gemeinde-Jugendgruppen übernehmen die Aufgabe als Begleiter der Sternsinger. Aber jetzt mimen sie auch mal die Menschen, denen die Kinder begegnen werden.

Christopher und Antonia sind allerdings schon alte Hasen als Sternträger und Könige. Christopher schmettert trotz seiner Jugend mit etwas rauer, tiefer Stimme „Wir kommen daher aus dem Morgenland ...“ Und Antonia stellt der „unbekannten Frau“, die ihnen die Wohnungstür geöffnet hat, eine entscheidende Frage. Allerdings etwas zu leise für die Anfänger im Sternsingerrund.

Energisches Auftreten

„Halt! Stopp! Wichtige Frage!“, unterbricht Mirjam Pesch (22), eine der Gruppenleiterinnen, die Vorführung und fordert Antonia auf, „sag das nochmal laut!“ Die zeigt sich dadurch keineswegs in ihrem Eifer gebremst, holt tief Luft und brüllt in einschüchternder Lautstärke durch den Raum: „Wollen Sie einen Segensspruch für die Tür?“

Segensspruch? Der fragende Blick verrät die Neulinge. Gruppenleiterin Katrin Kellner (27) hält die Klebezettel mit der Aufschrift „20* C+M+B+15“ hoch: „Was bedeutet das? Nicht Caspar, Melchior und Balthasar, wie manche Menschen glauben.“ „Nee, das ist ganz falsch“, ruft Antonia dazwischen, „das heißt Christus mansionem benedicat, und das heißt Christus segne dieses Haus.“

Nicht überall gerne gesehen

Die Beantwortung der nächsten Frage aus der Runde überlässt sie aber der Gruppenleiterin. „Was ist, wenn uns einer die Tür vor der Nase zumacht? Klingeln wir dann noch mal?“, will einer der Sternsingeranwärter wissen. „Nein“, sagt Katrin Kellner, „wenn uns jemand gesehen hat, und trotzdem die Türe schließt, dann gehen wir eben wieder.“

„Wenn jemand den Segensspruch ablehnt, das finde ich nicht so schlimm. Es gibt türkische Familien, die das nicht möchten. Das ist für mich völlig in Ordnung, wir wollen ja nicht missionieren“, sagt Mirjam Pesch. Was die Kinder aber oft treffe, sei der Umgang mit ihnen an der Wohnungstür. „Etwa wenn die in den 12. Stock gelaufen sind und die Leute ihnen dann die Tür vor der Nase zuschlagen, obwohl sie gesehen haben, wer zu ihnen kommt.“

Keine bibelmäßige Rollenverteilung

Das Besondere der Karmel-Sternsinger sei, dass die Kinder nicht mehr in der „bibelmäßigen Rollenverteilung“ zu den Menschen in der Gemeinde gehen, betont Mirjam Pesch. Sie treten alle als Könige auf, aber keiner hat ein dunkel gefärbtes Gesicht.

„Seit einigen Jahren merken wir, dass es immer weniger Menschen gibt, die mit dieser kirchlichen Tradition nichts mehr anfangen können“, sagt Mirjam Pesch. Und das läge nicht nur daran, dass es auch viele türkische Familien in dem Bereich gibt, in dem die Kinder Spenden sammeln. „Aber wenn wir denen erklären, wofür wir sammeln, unterstützen die Menschen oft gerne die gute Sache.“

Engagement für andere

Das ist auch der Grund, weshalb Mylinh Thieu ihre drei Mädchen bei der Karmel-Gemeinde in die Königskleider schlüpfen lässt. „Sie lernen dadurch, sich für andere zu engagieren. Ich selbst bin mit meinen Eltern vor 35 Jahren vor dem Krieg aus Vietnam geflohen. In Duisburg hat uns die katholische Kirche sehr geholfen.“

Ihre Eltern sind Buddhisten, sie selbst ist katholisch erzogen worden, und ihre älteste Tochter hat in der Weihnachtszeit den Part eines Hirten im Krippenspiel einer evangelischen Gemeinde übernommen. Mylinh Thieu findet das gut: „Meine Kinder sollen verschiedene Religionen kennenlernen und sich dann frei entscheiden.“ Joann, die Jüngste, hat sich entschieden. Zumindest dafür, dass sie heute mit ihren Schwestern ein Sternsinger sein möchte. Unbedingt!

Spenden für Kinder auf den Philippinen