Duisburger reden Tacheles bei "Deutschland im Dialog"

Eine Duisburgerin berichtete von zahlreichen Einbrüchen. Ein besseres Miteinander, etwa in der Nachbarschaft, könnte dem entgegensteuern.
Eine Duisburgerin berichtete von zahlreichen Einbrüchen. Ein besseres Miteinander, etwa in der Nachbarschaft, könnte dem entgegensteuern.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Die Bundesregierung will wissen, was für die Bürger ein gutes Leben ausmacht. Die Volkshochschule lud 80 Duisburger zu "Deutschland im Dialog" ein.

Duisburg.. „Also Riester-Rente, die können Sie vergessen, junge Frau. Lassen Sie bloß die Finger davon.“ Die Älteren am Tisch zwei sind sich einig – und ganz froh, dass sie heute schon Rente beziehen. „Was macht für Sie gutes Leben aus?“ will die Bundesregierung von den Deutschen wissen. Die Volkshochschule hat dazu einen Dialog organisiert. Rund 40 Männer und Frauen sind der Einladung gefolgt. Die Themen „Miteinander leben“, Bildung, Innere Sicherheit, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit sind ihnen wichtig. An den Tischen entspinnen sich teils kontroverse Diskussionen. Später werden die Ergebnisse protokolliert und nach Berlin geschickt. „Diese Veranstaltung soll ein Seismograph sein, was die Bürger denken“, erklärt Moderator Arne Spieker.

Dass Frau Merkel sich tatsächlich durchliest, was die Leute denken, glaubt Lothar Gaspers nicht: „Die hat genug andere Sachen zu tun.“ Gattin Irene Gaspers ergänzt: „Ich finde es aber gut, dass es solche Veranstaltungen gibt. Sonst sagen die Leute ja immer nur hinter vorgehaltener Hand, was sie denken.“ Die Wanheimerorterin und ihr Mann sind sich in politischen Dingen meist einig – sie sind schon seit 47 Jahren verheiratet.

Knast-Erfahrung ist fast normal

Auch eine ehemalige Lehrerin, die mit am Tisch sitzt, kann viel über die gesellschaftlichen Zustände erzählen. Sie war an einer Förderschule beschäftigt, hat mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. „Als ich dort angefangen habe, hatten meine Schüler keine Knast-Erfahrung. Später war das fast normal.“ Ihr selbst ist das Thema Innere Sicherheit ebenso wichtig. Drei Mal wurde bei ihr zu Hause eingebrochen. Sie fühlt sich allein gelassen mit ihren Sorgen. Nun denkt sie darüber nach, die Stadt zu verlassen.

In verschiedenen Arbeitsgruppen diskutieren die Teilnehmer später, was genau ihnen etwa am Beispiel Gesundheit wichtig ist. Ein gerechtes System, bei dem Kassenpatienten nicht länger auf einen Termin warten müssen als Privatpatienten, werden dabei genauso genannt wie gesunde Ernährung oder mehr Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. So sollen sich beispielsweise auch Erwachsene und Senioren auf speziellen Spielplätzen fit halten.

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf erwünscht

Eine andere Dame wünscht sich, dass sich Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren lassen – nicht nur, wenn es um den Nachwuchs geht. Sie pflegt ihre kranke Mutter. Da sie bei ihrem Arbeitgeber die Stunden nicht reduzieren konnte, ist sie nun arbeitslos. „Und beim Arbeitsamt kümmert man sich nur darum, dass die Leute möglichst schnell in irgendeinen Job kommen.“

Zwei Regierungsmitarbeiterinnen haben an diesem Abend genau zugehört, was sich die Duisburger wünschen. 2016 will die Regierung überlegen, welche Bürger-Vorschläge tatsächlich umgesetzt werden können.

100 Veranstaltungen in Deutschland

Insgesamt 100 Veranstaltungen gibt es in Deutschland. Zusätzlich gibt es noch Gespräche, an denen auch Minister und die Kanzlerin teilnehmen. Pro Abend sind bis zu 80 Personen eingeladen, ihre Meinung zu sagen. Die Volkshochschule Duisburg hatte nicht nur Parteien und Vereine angesprochen, sich zu beteiligen, sondern ausdrücklich auch Privatpersonen, die sich sonst eher nicht öffentlich beteiligen. Interessierte, die sich beteiligen wollen, können das auch über die Seite www.gut-leben-in-deutschland.de tun.

Das sagen Duisburger

Lothar Gaspers (Rentner): In Deutschland kann man so lange gut leben, wie man gesund ist und genug Geld hat. Wenn was passiert, dann geht’s auch schon los. Ich habe keine Geheimnisse vor Frau Merkel, deshalb nehme ich hier gerne teil. Man sollte mal den Wasserkopf abschaffen, damit das Geld, das im System ist, auch richtig verteilt wird.“

Kader Yasar (Studentin): Ich interessiere mich für Politik und engagiere mich in der alevitischen Gemeinde. Der Glaube ist mir wichtig. Bildung spielt bei den Aleviten eine große Rolle. Ich studiere Bildungswissenschaften, das ist eine Mischung aus Sozial- und Politikwissenschaften. Wir waren uns an unserem Tisch eigentlich ziemlich einig.“

Folker Nießalla (Rentner): Mittlerweile bin ich in Rente, aber ich habe früher 30 Jahre als Richter für Familienrecht gearbeitet. Ich kenne viele Familiengeschichten. Mir ist wichtig, dass nicht alles durch-ökonomisiert wird. Später wurde Rechtsprechung als Dienstleistung betrachtet – und auch im Gesundheitswesen geht’s oft genug um Wirtschaftlichkeit.“

Irene Gaspers (Rentnerin): Die Politiker sollten viel öfter mal fragen, was die Leute denken und auch bei den Gesetzen mit Betroffenen reden. In den Fernseh-Talkshows kommt immer nur Politik-Prominenz zu Wort. Das finde ich nicht wichtig. Ich habe früher im Krankenhaus gearbeitet, da ging es oft nur noch ums Geld. Sämtliche Bereiche wurden privatisiert.“

Hasan Hüseyin Yasar (Lehrling): Meine Schwester hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Ich engagiere mich als Jugendvertreter, Politik ist schon wichtig. Nach der Ausbildung werde ich zu 95 Prozent übernommen. Ich hatte Glück, habe eine Bewerbung geschrieben und hatte dann die Stelle. Mir ist wichtig, dass ich einen zukunftssicheren Job habe.

Christel Atrih (Selbstständige): Mir ist wichtig, dass das Personal in den Ämtern freundlicher wird. Meine Mandanten haben oft mit Ämtern zu tun. Die Mitarbeiter, die auf ihren Sesseln sitzen, können sich oft nicht in die Probleme der Menschen hineinversetzen. Ich habe mich damals selbstständig gemacht. Aber das ist manchmal ganz schön hart.