Duisburger Mercatorhalle darf wohl erst in einem Jahr wieder öffnen

Betreten der Baustelle verboten: In der erst fünf Jahre alten Mercatorhalle wird jetzt das Innerste nach außen gekehrt.
Betreten der Baustelle verboten: In der erst fünf Jahre alten Mercatorhalle wird jetzt das Innerste nach außen gekehrt.
Foto: WAZ FotoPool
Fehlende Abschottungen zu den nächsten Brandabschnitten, nicht abgesicherte Kabelschächte. Die eigentlich routinemäßige wiederkehrende Prüfung hat etliche, teils lebensgefährliche Mängel in der Duisburger Mercatorhalle zu Tage befördert. Bis die Halle wieder genutzt werden kann, wird es wohl September 2013.

Duisburg.. Erhebliche Brandschutzmängel haben Oberbürgermeister Sören Link veranlasst, die Mercatorhalle aus Sicherheitsgründen zu schließen. Ab sofort finden in der Halle selbst, im kleinen Saal und im Tagungs- und Konferenzbereich keine Veranstaltungen mehr statt. Überprüfungen der weiteren Gebäudeteile des City-Palais haben keine weiteren Brandschutzmängel ergeben. „Für mich steht die Sicherheit der Besucher und Mitarbeiter an erster Stelle“, erklärte Link, der sich nach Beratungen mit dem Verwaltungsvorstand zu diesem Schritt entschied.

Die Halle wird vermutlich erst zur Spielzeit 2013/14 wieder nutzbar sein, sagt Stadtsprecherin Anja Huntgeburth, also im nächsten September. Die Duisburg Marketing GmbH will Ausweichorte für alle gebuchten Konzerte, Konferenzen und andere Veranstaltungen finden. Das wird schwer genug werden, denn allein bis Ende des Jahres sind es über 100 Termine.

Keine Abschottungen zu den nächsten Brandabschnitten

Schon länger ist der Wurm drin in der Mercatorhalle. War die Evakuierung bei der Eröffnungsfeier im April 2007 einem kleinen Küchen-Brand geschuldet und mithin eher ein Probealarm, drohte 2011 bereits die Schließung wegen baulicher Mängel: Damals wiesen die Treppenstufen auf den Rängen Höhenunterschiede auf, was zu einer tödlichen Stolperfalle hätte werden können. 2008 hatte man erst vergessene Geländer angebracht. Und schon 2009 hatte sich die Stadt Duisburg einem Prozess angeschlossen, weil vieles im City-Palais nicht mängelfrei war.

Im Rahmen der wiederkehrenden Prüfung, die alle drei Jahre zusammen mit dem TÜV durchgeführt wird, wurden Fachleute bei der Beseitigung von Mängeln stutzig, befürchteten eine Systematik, die sich jetzt leider bestätigte. Die spielfreie Sommerzeit hatte man nutzen wollen, genauer hinzusehen, weil Teile der Decke zur Kontrolle abmontiert werden mussten. Und da entdeckten Brandschutz-Sachverständige, dass es keine Abschottungen zu den nächsten Brandabschnitten gibt.

Versorgungs- und Kabelschächte entsprechen nicht der Norm

Veranstaltungssäle dieser Größenordnung müssen der F90-Norm genügen, sie müssen also 90 Minuten lang einem Feuer standhalten, bevor es auf ein nächstes Gebäudeteil übergreift. Versorgungs- und Kabelschächte spielen dabei eine gefährliche Rolle. Die Schächte in der Mercatorhalle sind offenbar nicht abgesichert, entsprechen trotz der Bestätigung des staatlich bestellten Gutachters nicht der Norm. Was seit dem tödlichen Flughafenbrand von Düsseldorf vorgeschrieben ist, wurde auf dieser Baustelle nicht eingehalten.

Die Stadt prüft nun zivil- und strafrechtliche Schritte gegen diverse am Bau beteiligte Firmen, Planer und Gutachter, da „alle von Brandschutzmängeln betroffenen Bereiche vor Erstinbetriebnahme als sicher abgenommen waren“, erklärt Stadtsprecher Frank Kopatschek. Gegen den Projektleiter des City-Palais auf städtischer Seite läuft derweil ein Gerichtsverfahren wegen Untreue. Er wurde im letzten Sommer vom Dienst suspendiert, weil er während des Baus die Hand aufgehalten haben soll.

Gastronomen im City-Palais befürchten Umsatzeinbußen wegen Schließung

Die Stimmung bei den Gastronomen im City-Palais war am Mittwoch eher gedrückt. Gerüchteweise hatten sie bereits von der vorläufigen Schließung der Mercatorhalle erfahren. In der Branche sorgte die Nachricht für kollektives Kopfschütteln.

Für Weinhändler Jonni Zyta ist die Konzerthalle der wichtigste Baustein im Gastronomie-Konzept. Die aktuelle Entwicklung trifft ihn schwer. „Dass es so dramatisch aussieht, ist schockierend. Vor und nach den Konzerten war hier eine Menge los. Die Abende haben wir auch einkalkuliert. Der Umsatzausfall ist langfristig schwer zu kompensieren“, so der Inhaber von City-Vinum. Mathias Blazey vom Eiscafé Bocconcino bestätigt: „Wir sind abhängig von den Konzerten. Die Schließung bedeutet für uns einen Umsatzverlust.“

"Erstmal weitersehen"

Im City-Palais ist die Schließung natürlich das Thema des Tages. „Gäste fragen, was da los ist. Es wäre sehr schade, wenn die Halle länger geschlossen wird. Sie hat uns immer eine gute Resonanz gebracht. Die Leute, die kamen, waren immer nett und freundlich. Die Atmosphäre an den Konzertabenden war immer schön“, erzählt Alexandru Ditu von Gusto del Caffé. Metin Karacali von der Currybar hat bereits seit längerem einen Rückgang an Besuchern in der Mercatorhalle festgestellt. Er hofft, dass die Folgen deshalb nicht so gravierend ausfallen werden. „Vor fünf Jahren lief die Halle super. Aber irgendwie ist es immer weniger geworden. Jetzt muss man erstmal weitersehen“, sagt Karacali.

Ein anderes Thema ist die Frage nach der Sicherheit im City-Palais. Jochen Braun, Geschäftsführer des Westspiel-Casinos, fühlt sich sicher in seinem Bereich. „Das Gebäude ist in verschiedene Brandabschnitte unterteilt. Wenn es in der Currybar brennen würde, die ja nur wenige Meter von unserem Eingang entfernt ist, würde uns das trotzdem nicht tangieren“, erklärt Braun. Da er noch nicht alle Details kenne, könne er nicht sagen, ob das Casino durch Begrenzungen von Laufwegen eingeschränkt werde.

Zahlen und Fakten zur Mercatorhalle und zum City-Palais

Das Gebäude:

Eigentümer des City-Palais ist die Hannover Leasing GmbH & Co.KG, das Objekt gehört zum geschlossenen Fonds „Substanzwerte Deutschland 2“. Erworben wurde es 2006 für rund 100 Mio Euro. Gesamte Mietfläche: 35 600 qm, davon 13 500 für die Mercatorhalle, 4800 qm für die Einkaufs- und Gastromeile. Hinzu kommen 670 Parkplätze. Projektentwickler war die LEG Standort- und Projektentwicklung. Die Mercatorhalle wurde allerdings im Rohbau übergeben und von der Stadt in Eigenregie ausgebaut. Das kostete über 40 Millionen Euro.

Das Recht:

Das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt bei Bauwerken eine Gewährleistung für fünf Jahre ab Abnahme vor. Ist vertraglich jedoch die VOB festgehalten, sind es nur zwei Jahre. Allerdings gilt die Gewährleistungspflicht nur, wenn man sich auch treu verhalten hat, wie Rechtsanwalt Jörg Messerschmidt erklärt. „Wer arglistig täuscht, ist in der Schadensersatzpflicht, die nach fünf Jahren nicht verjährt ist.“ Und hier geht es nicht nur um die Herstellung eines adäquaten Brandschutzes, sondern auch um Einnahmeausfälle.

Die Philharmoniker:

„Erschüttert“ zeigte sich am Mittwoch der Intendant der Duisburger Philharmoniker, Dr. Alfred Wendel. Das Publikum werde geschockt sein „und auch wir hatten uns auf einen schönen Saisonauftakt gefreut“. Laut Terminplan beginnen am 17. September die Proben in der Mercatorhalle. „Eine Sicherheitsgefährdung muss natürlich ausgeschlossen sein. „Günstig wäre, wenn man im laufenden Betrieb reparieren könnte, aber das müssen die Experten entscheiden“, so Wendel.

Die Vermarktung:

125 Veranstaltungen bis zum ersten Quartal 2013 sind eigentlich in der Mercatorhalle gebucht. Die Betreiberin DMG muss jetzt fieberhaft Ersatzräume suchen, notfalls Termine absagen. Die Kostenfolgen sind ungewiss. Dieter Nuhr hat sich für den September angesagt, Jürgen von der Lippe kommt im Oktober. Nicht zu vergessen die Philharmonischen Konzerte. Möglicher Ersatzort: das stillgelegte Theater am Marientor.