Duisburger Initiative sucht Kontakt zu den Flüchtlingen

Die Aktion „Bake the world a better place“ war zum Beispiel schon an der Masurenallee zu Besuch.
Die Aktion „Bake the world a better place“ war zum Beispiel schon an der Masurenallee zu Besuch.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Eine Initiative organisiert Kaffeerunden vor Flüchtlingsunterkünften. Zugleich fordert der Flüchtlingsrat Mindeststandards für die Unterbringung.

Duisburg.. Wer sich auf Kaffee und Kuchen trifft, dem geht es nur selten in erster Linie um Getränk und Gebäck. Es geht um den Plausch, ein ruhiges Gespräch, erzählen zu können. Die Kannen voller Kaffee und Teller mit Kuchen, die Petra Kolominski und einige andere Frauen mitgebracht haben, sind also nur Mittel zum Zweck. Vor Flüchtlingsunterkünften möchten sie mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihnen damit ein wenig Raum für ihre Geschichten geben, die sie sonst kaum jemandem erzählen können.

Als Kolominski noch über der elterlichen Bäckerei lebte, damals keine zehn Jahre alt, beobachtete sie manchmal, wie sich Flüchtlingskinder aus der Nachbarschaft in den Laden wagten und fragten, ob sie die Endstücke der Kuchen haben könnten. „So bin ich auf die Idee mit Kaffee und Kuchen gekommen“, erzählt sie.

Asyl in Duisburg Unbeholfene Anfänge

In Internet-Foren stieß sie auf offene Ohren bei anderen Duisburgerinnen, die sie bei ihrem Vorhaben unterstützen wollten. „Ich dachte, dass es offene Einrichtungen sind, zu denen man einfach hingehen kann“, erzählt sie von den eher unbeholfenen Anfängen. „Das funktioniert so natürlich nicht.“ In den Unterkünften ist wenig Platz, die Fluchtwege müssen frei bleiben. „Jetzt machen wir es davor“, sagt Kolominski. Unterstützung kommt von den Falken, die Tische, Bänke oder Kaffeekannen zur Verfügung stellen. Den Kuchen bringen die Frauen selbst mit, 15 bis 20 engagieren sich.

Während die Gruppe in Duisburg von einer Einrichtung zur nächsten ziehen möchte, sollen die Aktionen an den verschiedenen Standorten den Boden dafür bereiten, dass andere Duisburger rund herum mit den Menschen in den Unterkünften ins Gespräch kommen – und so ihre Sorgen auch im Gespräch bleiben.

Anwohner an einen Tisch bringen

„Unser Ziel ist es, auch die Anwohner mit ins Boot zu holen. Viele wissen gar nicht, wer in den Gebäuden nebenan wohnt“, erzählt Kolominski. „Aber sobald sie an einem Tisch sitzen, ist plötzlich alles ganz einfach. Am Anfang geht es oft darum, erst mal herauszufinden, welche Geschichte der Mensch gegenüber mitbringt, woher er kommt, welche Sprache er mitbringt. Manchmal unterhält man sich über Probleme im Alltag, manchmal nach fünf Minuten auch über den Verlust des alten Lebens.“

Die „Mütter der Kompanie“ im Asylbewerberheim

Das Büro im Erdgeschoss ist wohnlich dekoriert. „Wir sind die Mütter der Kompanie“, stellen sich Anna Gerken und Manuela Günther vor. Die beiden Damen sind Hausverwalterinnen im Asylbewerberheim Koloniestraße. Das unscheinbare Haus ist eine der ältesten Unterkünfte.

Seit Mai 1987 ist es in Betrieb. Davor war’s ein Hotel. Insgesamt gibt es sechs Übergangswohnheime und drei Notunterkünfte. Die Stadt beschäftigt 23 Hausverwalter sowie Betreuer im Außendienst. Außerdem werden Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz und der Diakonie eingesetzt, um die Flüchtlinge zu betreuen.

Ein ruhiges Haus

Den meisten Nachbarn fällt gar nicht auf, dass Flüchtlinge an der Koloniestraße leben. Es ist ein ruhiges Haus, Stress gibt es selten. Und wenn, dann können sich Anna Gerken und Manuela Günther durchsetzen. Die beiden sind Ansprechpartnerinnen für die Bewohner – überwiegend sind es alleinstehende Männer. Sie achten auf Sauberkeit und klären Fragen.

„Die Jungs freuen sich über ein offenes Ohr und ein freundliches Wort“, weiß Gerken. 81 Bewohner zählt das Haus. „Wir sind ziemlich voll. Viele Asylbewerber wollen zur Koloniestraße, weil wir in der Nähe zur Innenstadt liegen.“ Zudem gibt es Einzelzimmer. Sie sind zehn Quadratmeter groß, ausgestattet mit Bett, Tisch und einem Stuhl. Bleiben die Flüchtlinge etwas länger, dekorieren sie die Zimmer oft selbst ein bisschen. „Ganz wichtig ist noch ein Spiegel“, sagt Anna Gerken und lächelt. Viele Flüchtlinge gehen tagsüber ins Fitness-Studio. „Das sind junge Männer, ihnen ist ihr Aussehen wichtig.“

Bei den Mitbewohnern beliebt

Ein Bewohner ist in Neudorf bekannt wie ein bunter Hund. Das Heim ist das Zuhause von Peter, dem Schwarzafrikaner, der mit seinem Reisigbesen die Straße fegt – und dabei meist vor sich hinbrabbelt oder manchmal wüst schimpft. „Eigentlich ist er bei den Mitbewohnern beliebt, weil er alles sauber hält“, weiß Horst Becker vom Sozialamt. Mehr als 15 Jahre lebte der Mann in einem Heim am Sternbuschweg. Sein Asyl-Status ist nicht geklärt. „Was ihm in seiner Heimat oder auf der Flucht passiert ist, wissen wir nicht.“

Manuela Günther interessiert sich für die (Lebens)-Geschichten der Bewohner – Mitleid mit ihnen hat sie nicht. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich sage immer: Kopf hoch, Ärmel hochkrempeln, weitermachen.“

Die 50-Jährige war 18 Jahre verheiratet. Nach der Trennung musste sie ganz von vorne anfangen. Sie übernahm einen Zwei-Euro-Job, ebenfalls im sozialen Bereich. So rutschte sie in die Asylbewerber-Betreuung. Anna Gerken war früher Reinigungskraft und bewarb sich auf eine freie Stelle. Seitdem möchte sie nicht mehr tauschen.

Flüchtlingsrat fordert Mindeststandards

Mit einer mehrmonatigen Unterschriftenaktion möchte der Duisburger Flüchtlingsrat auf die Bedingungen, in denen geflüchtete Menschen in Duisburg leben, aufmerksam machen. Der Rat der Stadt ist dazu aufgefordert, verbindliche Mindest-Standards für die Unterbringung einzuführen. Ein Interview mit Sprecher Frank Noroschat.

Herr Noroschat, wie ist die derzeitige Situation in Duisburg bei der Unterbringung von Flüchtlingen?

Frank Noroschat: Sehr unterschiedlich. Bei den Einrichtungen in Festbauweise ist die an der Kaiserswerther Straße in Huckingen ein Beispiel für ein absolut marodes Haus. Es ist heruntergekommen. Dann haben wir Turnhallen, die völlig inakzeptabel sind. Dort leben Menschen ohne Abtrennungen, ohne Schutz der Intimsphäre. Dort sind auch Familien mit Babys untergebracht. Das zeigt, dass wir in Duisburg kein wirkliches Konzept dafür haben, Personengruppen wie Alleinerziehende, Familien mit Kindern oder Menschen mit Behinderung gesondert oder in Wohnungen unterzubringen. Wer in Wohnungen kommt, ist hier allein dem Zufallsprinzip überlassen.

Der Flüchtlingsrat setzt sich für eine dezentrale Unterbringung in Wohnungen ein. Wie könnte das funktionieren?

Wir haben einen Leerstand von ungefähr 12 000 Wohnungen, Stand Dezember 2014. Bisher sind knapp 820 Geflüchtete in Wohnungen untergebracht, was nicht 820 Wohnungen bedeuten. Die gehören zum Teil der Gebag, Annington oder anderen Gesellschaften, Privaten weniger. Bisher ist das Verfahren so, dass man im gegenseitigen Einverständnis mit dem Vermieter oder der Gesellschaft die Wohnungen beschlagnahmt. Das dient als gegenseitige Absicherung. Aber wir haben immer noch mehr als genug Wohnungen, wo es auch dem Vermieter entgegenkäme, wenn mit der Stadt abgesicherte Mietverträge entstehen. Was hier fehlt, ist ein Konzept. Da gibt es zum Beispiel das Leverkusener Modell: Durch ein Clearing-Verfahren wird bei jedem Einzelnen geschaut, wo seine Probleme, seine Stärken sind, welcher Betreuungsaufwand gegeben und welche therapeutische Begleitung nötig ist. Danach wird gesteuert, wer in Wohnungen kommt.

Welche Kosten entstehen dabei für die Stadt?

Für sie hätte es finanzielle Vorteile. Bei einer durchgehenden Anwendung des Leverkuserner Modells spart sie jährlich etwa 1,5 Millionen Euro. Und die Stadt hat die Möglichkeit, Pufferungssysteme einzurichten. Das heißt: Die Häuser im Festbau fährt man als Zwischenlösung weiter, bis der Betreuungsaufwand der Menschen mit ihren individuellen Fluchtgeschichten geringer wird und sie in Wohnungen untergebracht werden können. Wenn der Stadt mit wenig Vorlauf Flüchtlinge zugewiesen werden, kann man sie auch zunächst dort unterbringen.

Wo liegt die Schwierigkeit, das Modell in Duisburg umzusetzen?

Neben der Einführung eines Clearing-Verfahrens muss die Stadt dafür sorgen, dass in jedem Stadtteil Anlaufzentren für Geflüchtete eingerichtet werden. Die Betreuungs- und Sozialarbeit muss dezentralisiert wird. Da wird die Stadt nicht umhin kommen, verstärkt Ehrenamtliche einzubinden. Und auch das passiert hier bisher eher ohne Konzept.