Duisburger Hospiz ist die letzte Herberge für Schwerkranke

Einfühlsamkeit, Nächstenliebe und hohe Qualifikationen im Bereich palliative Pflege und Beratung sind bei der Hospizarbeit unerlässlich.
Einfühlsamkeit, Nächstenliebe und hohe Qualifikationen im Bereich palliative Pflege und Beratung sind bei der Hospizarbeit unerlässlich.
Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services
150 Menschen verlassen jährlich ihr Zuhause, um sich im Hospiz St. Raphael auf den Tod vorzubereiten. Ein Ort, an dem kleine Dinge zu großen werden.

Duisburg.. Elisabeth (Name von der Redaktion geändert) wirkt anmutig, auch im Nachthemd. Die Fingernägel adrett gefeilt, die Haare frisch gebürstet. In der Hand hält sie eine Schnabeltasse. Sie frühstückt im Liegen. Für den Weg in den Gemeinschaftswohnraum ist sie seit einigen Tagen zu schwach. Vom Bett in ihrem kleinen Einzelzimmer aus blickt sie auf ein grünes Gartenstück. Sanft scheinen die Sonnenstrahlen durch das Fenster. Draußen lädt eine Terrasse mit Stühlen zum Verweilen ein. Doch die wird Elisabeth nicht mehr betreten können.

Die 88-Jährige hat Krebs im Endstadium. Der Tropf am Bettende führt kontinuierlich Schmerzmittel zu. Immer matter fühlt sie sich. Aber sie spürt keinen Schmerz mehr, während die Organe langsam versagen. Heute ist ein guter Tag. Keiner dieser düsteren, an denen sie sich Sorgen macht, an denen sie über das Sterben nachdenkt. Gleich kommen die Kinder zu Besuch ins Hospiz.

Dunkle Vorurteile abbauen

Hospiz kommt vom lateinischen „hospitium“, bedeutet Herberge. Ende der 80er Jahre entstanden die ersten stationären Einrichtungen der Sterbehilfe in Deutschland. Auch der Malteserorden, dessen Geschichte auf ein Spital in Jerusalem zurückgeht, entwickelte um 1990 eigene Modelle. Federführend bei der Planung war damals Mechthild Schulten. Heute leitet die 56-Jährige das Hospiz St. Raphael in Huckingen. „Wir sind lebensbejahend“, sagt sie und kämpft gegen das Vorurteil einer bedrückend-düsteren Sterbeeinrichtung an, das viele Angehörige erst beim Besuch ablegen würden. „Hospiz heißt: Leben bis zuletzt.“

Zwölf Zimmer stehen im St. Raphael für Patienten bereit, mit Möbeln aus hellem Holz und gemütlichem Parkett. In einer oberen Etage gibt es Besucherzimmer. In drei Schichten kümmert sich das 17-köpfige Pflegeteam um die Bedürfnisse der Patienten. Aufgenommen werden Menschen, die an einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung leiden, bei denen weitere heilende Therapien nicht mehr möglich oder gewünscht sind. 150 bis 200 Patienten leben und sterben jährlich in der Einrichtung. Wie Elisabeth leiden etwa 90 Prozent von ihnen an einer Tumorerkrankung.

Für die 88-Jährige war es ein schwerer Schritt, die eigene Wohnung zu verlassen. Vor Jahren hatte sie dort noch bis zuletzt ihren eigenen Mann gepflegt. Ein Abschied, der Spuren hinterlassen hat. Der eigene rückte mit dem Umzug ins Hospiz beängstigend näher. „Manchmal hat man einen schweren Tag, aber man muss dagegen ankämpfen“, sagt sie tapfer. Wenn sie sich Sorgen macht, dann meist um die Kinder, die doch so viel Arbeit mit ihrer Wohnungsauflösung gehabt hätten.

"Im Hospiz ändern sich die Dimensionen"

Pflegedienstleiterin Annette Helling und ihre Mitarbeiter sind für die palliativmedizinische Versorgung geschult, die Schmerzen und Krankheitssymptome lindert. Eng arbeiten sie mit den Hausärzten der Patienten zusammen. Medizin ist aber nicht alles. Ganz oft wird Annette Helling zur Wunsch-Erfüllerin. „Wir möchten den Patienten in der letzten Phase ihres Lebens alles bieten, damit die Zeit so angenehm wie möglich für sie ist.“ Für manche ist das ein Spaziergang, andere wollen ihr Haustier noch einmal streicheln. Auch rauchen oder Bier trinken gehört dazu. Einmal in der Woche gibt es Massagen, jede zweite Woche einen Kinoabend. Bei schönem Wetter können im Innenhof Geburtstage gefeiert werden.

Für einen Patienten mit Magensonde, der keine feste Nahrung mehr aufnehmen konnte, wurde gekocht: Einmal noch wollte er Grünkohl sehen und zumindest riechen können. „Im Hospiz ändern sich die Dimensionen: Die kleinen Dinge werden zu großen“, sagt Leiterin Schulten.

Für Elisabeth sind die Besuche der Familie die glücklichsten Momente. Sie hat viele Kinder, Enkelkinder, Urenkel. „Ich habe es doch schön weit gebracht“, sagt sie beim Betrachten der vielen Familienbilder, die sie im Zimmer umgeben. Beim letzten Besuch hat sie ein Heftchen geschenkt bekommen. Ein Spruch darin rührt sie noch immer zu stillen Tränen: „Mein Engel ist stets an meiner Seite“, zitiert sie, bevor ihre Stimme wegbricht.

Ohne Schmerz und Einsamkeit

Bei seelischen und spirituellen Nöten stehen immer Ansprechpartner bereit. Manchen gibt das Gebet mit der Seelsorgerin, einer Ordensschwester, Halt. Für muslimische Patienten wird auf Wunsch auch ein Imam gerufen. Aber ob gläubig oder nicht: Jeder Patient beschäftige sich mit der Frage, wie sich das Sterben anfühlt, sagt Annette Helling. „Niemand möchte mit Schmerzen sterben oder allein sterben.“ Diese Sorge aber könnte sie ihnen nehmen: „Das werden sie hier auf keinen Fall.“

Fast täglich werden werden Hospizmitarbeiter auch mit Patienten-Fragen nach eigenen Jenseitsvorstellungen und Tod konfrontiert. „Jeder muss eine Antwort auf die Frage haben, was er persönlich erwartet“, meint Helling. „Ich weiß, dass es für mich ein Danach gibt und ich in eine Geborgenheit gehe“, sagt die Christin.

Hoffnung auf das ewige Leben

Die Osterbotschaft der Auferstehung, die allen Gläubigen Erlösung und ewiges Leben nach dem Tod verspricht, gibt auch Hospiz-Gründerin und Leiterin Mechthild Schulten Kraft bei ihrer Arbeit: „Ich kann mich getrost in die Hand unseres Herrgotts geben und ihm vertrauen“, ist die 56-Jährige überzeugt. Als Katholikin möchte sie nach dem Ideal der Nächstenliebe leben und arbeiten. Im Hospiz sei das auf ganz besondere Weise möglich, so Mechthild Schulten: „Wir sehen in dem Kranken und Schwachen Jesus Christus.“

Als belastend empfindet sie ihre Tätigkeit nicht: „Ganz im Gegenteil: Diese Arbeit ist enorm bereichernd angesichts der Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der modernen Gesellschaft.“ Sie sensibilisiere für einen anderen Umgang mit dem Leben: „Was man allemal lernt, ist, das Wichtige von dem Unwichtigen zu unterscheiden.“

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