Duisburg schlägt Zeltlager für 300 Flüchtlinge in Walsum auf

Vor einem Jahr hatte die Stadt an der Römerstraße schon einmal ein Zeltlager für Flüchtlinge aufschlagen lassen. Es wurde dann unbenutzt wieder eingepackt.
Vor einem Jahr hatte die Stadt an der Römerstraße schon einmal ein Zeltlager für Flüchtlinge aufschlagen lassen. Es wurde dann unbenutzt wieder eingepackt.
Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Der Druck durch die steigenden Flüchtlingszahlen wird immer größer, sodass Duisburg jetzt doch auch wieder auf die Notlösung Zeltlager zurückgreift.

Duisburg.. In Walsum soll so schnell wie möglich eine Notunterkunft für Asylbewerber errichtet werden, gab die Stadt am Freitagnachmittag bekannt. Für 300 Flüchtlinge. Damit wird das Zeltlager im Stadtnorden doppelt so groß wie die im vergangenen Jahr bereits aufgebaute Anlage an der Römerstraße, die nach einigen Wochen ungenutzt wieder abgebaut wurde.

Geplanter Standort ist eine brach liegende Gewerbefläche in Aldenrade

Geplanter Standort ist diesmal eine brach liegende Gewerbefläche am Kerskensweg in Aldenrade, direkt an der A 59 und der Ausfahrt Walsum. Im Gegensatz zur Römerstraße ist dort der Untergrund kein Ascheplatz, sondern befestigt. Die Flüchtlinge sollen für etwa drei Monate in den Zelten untergebracht werden. Schon vor wenigen Tagen hatte Oberbürgermeister Sören Link nicht ausgeschlossen, dass Duisburg auf Zelte oder Container zurückgreifen muss. Auch landesweit entstehen bekanntlich aktuell große Zeltanlagen mit bis zu 1000 Plätzen.

„Unsere Unterbringungskapazitäten sind erschöpft“, so Stadtsprecher Peter Hilbrands. Allein im Juli mussten 500 neu zugewiesene Flüchtlinge untergebracht werden. Die Gesamtzahl liegt aktuell bei 2800. Hält der Strom von 100 Asylbewerbern pro Woche an, erwartet Sozialdezernent Reinhold Spaniel eine Gesamtzahl von 5000 Flüchtlingen Ende das Jahres.

Turnhalle der Frankenschule in Vierlinden als zusätzliche Notunterkunft

Erst Anfang der Woche hatte die Stadt angekündigt, dass die leer stehende Turnhalle der Frankenschule in Vierlinden zusätzliche Notunterkunft wird; in Neudorf wird ein altes Schulverwaltungsgebäude an der Memelstraße hergerichtet. Und wie berichtet will auch das Landesasyl im ehemaligen St. Barbara-Krankenhaus in Neumühl seine Belegungszahl von 600 auf 800 Plätze aufstocken.

All das braucht Zeit, die die Stadt nicht hat. „Auch einzelne Wohnungsangebote helfen derzeit nicht, weil der logistische Aufwand für eine bedarfsgerechte Betreuung und Verwaltung zu hoch ist“, so Hilbrands. Deshalb sollen jetzt schnell das Zeltlager her, „um Obdachlosigkeit zu vermeiden“. Schon Ende August soll das Zeltlager bezogen werden. Dabei arbeitet die Stadt wieder mit dem Landesverband des Deutschen Rotes Kreuzes zusammen, das schon an der Römerstraße die Zelte aufgestellt hatte.

OB Link sieht keinen Ausweg für die Unterbringung von Asylbewerbern

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hatte die Stadt angekündigt, in Walsum als letzte Notlösung ein Zeltlager für Flüchtlinge zu errichten. 24 weiße Zelte schlug das DRK damals daraufhin auf der Römerstraße auf. Bundesweit gab es empörte Proteste und Vorwürfe gegen die Stadt – die Notunterkunft wurde bekanntlich nie belegt und im Herbst des vergangenen Jahres wieder zusammengepackt.

Jetzt muss Oberbürgermeister Sören Link erneut die Zeltunterbringung erklären und verteidigen: „Trotz unserer Bemühungen können wir die Flüchtlinge, die uns zugewiesen werden, derzeit nicht so unterbringen, wie ich es mir wünschen würde. Deshalb führt für eine Übergangszeit kein Weg daran vorbei Zelte aufzubauen, wie es mittlerweile andere Städte auch tun mussten.“

Dieses Mal soll es keine Bilder von verschlammten Böden geben

Bilder von verschlammten Böden, auf denen die Zelte stehen, wie damals an der Römerstraße, soll es diesmal nicht geben: Das ehemalige Gelände eines Gartenbetriebes am Kerskensweg ist asphaltiert, möglicherweise kann eine leer stehende Halle nebenan auch genutzt werden. Direkt in der Nähe liegt außerdem die Sportanlage vom Sportverein Wacker Walsum. Ob es bei einer dreimonatigen Belegung bleibt, ist allerdings ungewiss. Die Zelte werden wieder beheizbar sein.

Als „blamabel“ hatte CDU-Fraktionschef Rainer Enzweiler das Zeltlager vor einem Jahr gegeißelt, Grünen-Fraktionssprecher Sait Keles hatte von einer „Schreckensvision gesprochen und der Flüchtlingsrat war die Stadt hart angegangen: „inakzeptabel“ und „beschämend“ sei die Unterbringung. Zugleich hatten sich um die Römerstraße aber viele Hilfsorganisationen und Kirchengemeinden auf die Flüchtlinge vorbereitet.

Christdemokraten sind verhaltener

Am Freitag klang es bei den Christdemokraten verhaltener: „Es nie akzeptabel, wenn Leute in Zelten untergebracht werden“, sagte der neue Bundestagsabgeordnete Volker Mosblech und Duisburger CDU-Vize, „aber was soll man denn machen, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen?“ Auch Container seien inzwischen knapp, erklärte Mosblech: „Und irgendwas müssen die Flüchtlinge doch über dem Kopf haben.“ SPD-Fraktionssprecher Oliver Hallscheidt hält die Lösung angesichts der Notlagen für „unvermeidlich“ und verweist auf Zeltunterbringungen andernorts.

„Die Stadt hat Wohnungen, auf die man zurückgreifen können“, bleibt dagegen Grünen-Ratsherr Keles bei seiner Ablehnung. Die Stadt könne beispielsweise ihre Immobilien-Tochter Gebag in die Pflicht nehmen. Auch habe seit den ersten Zeltplänen vor einem Jahr Zeit gehabt, an geeigneteren Lösungen zu arbeiten. Keles: „Ich bin nicht überzeugt, dass man die Zeltstadt nicht hätte verhindern können.“ Stattdessen habe der OB eine „Schaupolitik“ mit Runden Tischen betrieben.

Kommentar von Oliver Schmeer: Es macht es nicht besser

Die Zeit überholt sich selbst. Noch vor einer Woche war das Zeltlager für Flüchtlinge eine hypothetische Frage für Duisburg, an der sich aber festmachen ließ, dass sich die Maßstäbe unter der Flut der Flüchtlinge verschoben haben. Was vor einem Jahr als Unvermögen der Stadt galt und allerorten für Empörung sorgte, ist heute vielerorts – schlechter – Standard, um der Not Herr zu werden. Nur ist Duisburg jetzt eben überall.

Das macht die Sache aber nicht besser. Turnhallen und Zelte bleiben Zeichen der Überforderung, aber jetzt eben nicht nur beim einst gescholtenen Duisburg, sondern landauf, landab. Vor einem Jahr galten Zelte als tabu, jetzt sind es Turnhallen, die zu Schulbeginn nicht mit Flüchtlingen belegt werden sollen. Duisburg muss sich der Diskussion um seine Asyl-Unterbringung wieder stellen. Es muss dies mit Bedacht tun.