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Zukunftsgeflüster

Wie in Duisburg die Stadt der Zukunft erfunden wird

21.02.2013 | 19:12 Uhr
Was hermachen soll sie ja auch, die „Morgenstadt“ der Fraunhofer Gesellschaft. Hauptsache, sie hat auch was unter der Haube.Foto: Fraunhofer IBP.

Duisburg/Essen.  Wie können wir unsere Heimat menschen- und umweltfreundlicher gestalten? Am Duisburger Fraunhofer-Institut und an der Essener Uni findet man Antworten. Alle elf Fakultäten arbeiten zusammen: Ingenieure sollen auch soziale Systeme verstehen, und Stadtplaner können Psychologie lernen.

Was kann uns heute noch verblüffen? Das Spieglein an der Wand, das den Demenzkranken durch seine Morgentoilette leitet, das verknüpft ist mit dem Arzneischrank und dem Pulsmesser im Boden? Oder diese unscheinbaren Deckenplatten im Saal, die mit ihrer chemischen Beschichtung die Luft von Gerüchen befreien? Vielleicht finden wir es aber auch charmant, überschüssige Wärme in die Decken zu leiten und im Betonkern des Gebäudes zwischenzuspeichern – bis es wieder kälter wird.

Solche Zukunftsideen sind bereits Gegenwart im „inHaus“ der Fraunhofer-Gesellschaft am Uni-Campus Duisburg – ein Schaukasten, auch für 70 Wirtschaftspartner. Nicht alles im „inHaus“ ist technisch neu – aber wer sich eine „Morgenstadt“ basteln will, findet hier schon eine Menge Bausteine. Morgenstadt, so heißt ein Forschungsschwerpunkt der Fraunhofer-Gesellschaft. Und „InHaus“- Projektleiter Klaus Scherer erklärt, welche Eigenschaften diese Stadt der Zukunft haben müsste: „Menschenzentriert, energieeffizient, sicher und mit schönem Design.“

Experimente sollen in Realwirtschaft umgesetzt werden

Energiewende und Bevölkerungswandel werden die deutsche Stadt nach Scherers Auffassung prägen. Nicht die Gimmicks werden also über die Zukunft entscheiden, wie der Transportroboter für Krankenhäuser, der im Duisburger „inHaus“ seine Runden dreht – sondern zum Beispiel dieser schnöde Kasten im Keller.

Klaus Scherer, Leiter des inHaus-Projekts der Fraunhofer-Gesellschaft. (Foto: Ilja Höpping)

Er macht aus Erdgas Hitze und Strom zugleich. Die Energieausbeute soll bei überragenden 90 Prozent liegen. „Der Pferdefuß ist nur das feste Verhältnis zwischen Strom und Wärme“, sagt Prof. Scherer. Eines ist immer zu viel. Wo also Energie oder Wärme zwischenspeichern? Eben im Betonkern! Die Hoffnung besteht, dass solche Experimente in handfeste Geschäfte münden – immerhin engagiert sich auch RWE im Keller der Zukunft.

Die größte Energiequelle: Sparen

Die wahrscheinlich größte noch nicht genutzte Energiequelle ist allerdings die Einsparung: „Schlecht eingestellte Heizungen“ gibt Scherer als Beispiel. Trivial? Warum kriegt der Mensch es dann einfach nicht gebacken, effektiv zu dämmen und zu lüften? Sensoren an Fenstern und Heizung etwa könnten verhindern, dass wir im Übermaß die Umwelt heizen. Im „inHaus“ überwachen Sensoren auch den Stromverbrauch jeder Stehlampe und zeigt ihn dem Nutzer an, etwa auf seinem Telefon.

Der Mensch, er rückt überall in den Mittelpunkt, schließlich hängen die größten Veränderungen an seinem Verhalten. Das ist auch der Ansatz des Schwerpunkts „Urbane Systeme“ an der Uni Duisburg-Essen. „Die Stadt ist so komplex, dass man sie nicht mehr disziplinär erforschen kann“, erklärt Professor Jens Gurr. Also arbeiten hier alle elf Fakultäten zusammen: Ingenieure sollen auch soziale Systeme verstehen, und Stadtplaner können Psychologie lernen. Seit dem Winter 2011 kann man also die „Stadt der Zukunft“ auch studieren.

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„Die Energiewende wird im Keller entschieden“

Der Architekt Michael Denkel arbeitet am Masterplan für Innovation City in Bottrop – und erklärt seine Vision der Stadt mit Zukunft.

Wie würde etwa Essen aussehen, wenn hier so viele Menschen Fahrrad fahren würden wie in Kopenhagen? Welchen Gewinn würde ein Umbau zur „Stadt der kurzen Wege“ bringen? Genau diesen Fragen geht man im Schwerpunkt „Urbane Systeme“ nach, den Jens Gurr und Alexander Schmidt leiten. Sie unterstützen auch die Stadt Essen bei der Diskussion um das „Leitbild Essen 2030“. Es soll auch den Politikern Mut machen. Denn natürlich kann man Städte umbauen und fahrradfreundlicher machen. Man muss es nur wollen.

Vom Brötchen zur Stadtplanung

Es läuft wieder auf den Menschen hinaus. Wie bekomme ich ihn dazu, seine Brötchen zu Fuß zu holen? „Er muss nicht über die große Straße gehen, sondern einen interessanten Weg. Ein bisschen grün, schöne Fassaden“, sagt Professor Schmidt, der Stadtplaner. Hört sich wieder so einfach an, aber warum sind unsere Städte dann nicht einfach so gebaut?

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Wie wohnt man in der Zukunft? Das Fraunhofer Institut hat sich zu dieser Frage Gedanken gemacht und zeigt Konzepte und Vorschläge im Duisburger "in-Haus".

Dasselbe mit dem Klimawandel: „Wir wissen, was wir tun müssten, aber wir tun es nicht“, sagt Gurr. Darum eröffnet der Schwerpunkt mit der Stadt Essen am Kopstadtplatz eine Agentur. Sie soll helfen, eine neue Klimakultur zu etablieren. Wie sie das macht? Indem sie die Menschen berät und überzeugt. Denn egal, ob wir nun Stichworte wie „Open Data“, Energie-Plus-Quartier, oder Work-Life-Integration fallen lassen – am Ende ist die Stadt der Zukunft reine Kopfsache.

Thomas Mader

Kommentare
23.02.2013
16:40
"Wie in Duisburg die Stadt der Zukunft erfunden wird"
von olvrkrg | #6

Aus einer der schmutzigsten Großstädte Deutschlands, die finanziell und planungstechnisch regelmäßig durch eklatantes Versagen aufgefallen ist, kommen...
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Wie in Duisburg die Stadt der Zukunft erfunden wird
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2013-02-21 19:12
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