Die „Mütter der Kompanie“ haben ein offenes Ohr

Das Büro im Erdgeschoss ist wohnlich dekoriert. „Wir sind die Mütter der Kompanie“, stellen sich Anna Gerken und Manuela Günther vor. Die beiden Damen sind Hausverwalterinnen im Asylbewerberheim Koloniestraße. Das unscheinbare Haus ist eine der ältesten Unterkünfte. Seit Mai 1987 ist es in Betrieb. Davor war’s ein Hotel. Insgesamt gibt es sechs Übergangswohnheime und drei Notunterkünfte. Die Stadt beschäftigt 23 Hausverwalter sowie Betreuer im Außendienst. Außerdem werden Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz und der Diakonie eingesetzt, um die Flüchtlinge zu betreuen.

Den meisten Nachbarn fällt gar nicht auf, dass Flüchtlinge an der Koloniestraße leben. Es ist ein ruhiges Haus, Stress gibt es selten. Und wenn, dann können sich Anna Gerken und Manuela Günther durchsetzen. Die beiden sind Ansprechpartnerinnen für die Bewohner – überwiegend sind es alleinstehende Männer. Sie achten auf Sauberkeit und klären Fragen. „Die Jungs freuen sich über ein offenes Ohr und ein freundliches Wort“, weiß Gerken. 81 Bewohner zählt das Haus. „Wir sind ziemlich voll. Viele Asylbewerber wollen zur Kolonie-straße, weil wir in der Nähe zur Innenstadt liegen.“ Zudem gibt es Einzelzimmer. Sie sind zehn Quadratmeter groß, ausgestattet mit Bett, Tisch und einem Stuhl. Bleiben die Flüchtlinge etwas länger, dekorieren sie die Zimmer oft selbst ein bisschen. „Ganz wichtig ist noch ein Spiegel“, sagt Anna Gerken und lächelt. Viele Flüchtlinge gehen tagsüber ins Fitness-Studio. „Das sind junge Männer, ihnen ist ihr Aussehen wichtig.“

Ein Bewohner ist in Neudorf bekannt wie ein bunter Hund. Das Heim ist das Zuhause von Peter, dem Schwarzafrikaner, der mit seinem Reisigbesen die Straße fegt – und dabei meist vor sich hinbrabbelt oder manchmal wüst schimpft. „Eigentlich ist er bei den Mitbewohnern beliebt, weil er alles sauber hält“, weiß Horst Becker vom Sozialamt. Mehr als 15 Jahre lebte der Mann in einem Heim am Sternbuschweg. Sein Asyl-Status ist nicht geklärt. „Was ihm in seiner Heimat oder auf der Flucht passiert ist, wissen wir nicht.“

Manuela Günther interessiert sich für die (Lebens)-Geschichten der Bewohner – Mitleid mit ihnen hat sie nicht. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich sage immer: Kopf hoch, Ärmel hochkrempeln, weitermachen.“

Die 50-Jährige war 18 Jahre verheiratet. Nach der Trennung musste sie ganz von vorne anfangen. Sie übernahm einen Zwei-Euro-Job, ebenfalls im sozialen Bereich. So rutschte sie in die Asylbewerber-Betreuung. Anna Gerken war früher Reinigungskraft und bewarb sich auf eine freie Stelle. Seitdem möchte sie nicht mehr tauschen.