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Die goldenen Nadeln von Laar

20.12.2009 | 08:00 Uhr
Die goldenen Nadeln von Laar

Sie stricken für die Jugendlichen des Friedensdorfes in Oberhausen, die Damen des Handarbeitskreises von St. Ewaldi.

„Nein sagt man zu schnell.” Gut, dass Marlis Erping nochmal über die Frage ihrer Bekannten Ingelore Hoffmann nachgedacht hat. Die, für das Friedensdorf Oberhausen aktiv, wollte wissen, ob Marlis Erping nicht mal ein paar wärmende Mützen für die jungen Friedensdorf-Bewohner bringen könnte. „Ich habe doch so schon genug zu tun”, entschuldigte sich die rührige Laarerin. Immerhin ist Marlis Erping hoch engagiert in ihrer Gemeinde St. Ewaldi. Doch Ruhe fand sie nach der Frage nicht. „Im Bett ist mir die Geschichte durch den Kopf gegangen.” Aus dem Nein wurde ein Ja. Ein Jahr ist das her.

Und von Mützen-Bringen allein ist längst nicht mehr die Rede. Seither glühen im Tiefparterre des Gemeindehauses die Strick- und Häkelnadeln. Marlis Erping hat einen munteren Handarbeitskreis um sich geschart: Ursula Grawan, Margret Müller, Josefine Rüschenschulte, Hildegard Muders, Käthe Weyers, Anna Hein, mit drahtigen 90 die Seniorin der Runde. Und Else Schade, das Nesthäkelchen, sie verbessert auf „Neststrickelchen”, der fingerfertigen Damenriege.

Die Wolle, die sie da in den vergangenen zwölf Monaten verarbeitet haben, dürfte so manches Schaf nackt gemacht haben. Was sich da an diesem Abend auf dem Tisch türmt, würde einem mittleren Strickwarenladen zur Ehre gereichen. So um die 153 Garnituren aus Mütze und Schal liegen dort, sowie einige Pullover, Stulpen, Pulswärmer oder Decken für die Rollstuhlkinder, die sich in die bunte Produktpalette eingeschlichen haben – in allen nur erdenklichen Farben und Farbkombinationen.

Klar doch, es kommt immer drauf an, was an Wolle gespendet wird, und was die Damen an Wolle für obendrein gespendetes Geld ergattern. Und dann sind der Farbauswahl keine Grenzen mehr gesetzt, wenn die Nadeln fliegen.

Heimarbeit

Das tun sie zwar auch an den gemeinsamen Abenden, doch werden die mitunter zum Schwätzchen, zum Austausch von Gemeindeneuigkeiten und Ideen genutzt. Also ist für das Gros der Fernsehabend auch der Strickabend. „Hier wird eigentlich am wenigsten gemacht. Mehr schafft man zu Hause, in der Runde lachen und reden wir dafür mehr”, lacht Ursula Grawan. Heimarbeit mit Herzenswärme, die verletzte junge Menschen aus den Krisengebieten der Welt wärmen sollen.

„Wir haben einen guten Griff getan”, strahlt Marlis Erping, die so etwas wie die Mutter Courage der Gruppe ist. „Das sind alles Frauen, die viel machen.” Oft sogar mehr, als das persönliche Wohlbefinden zulässt. „Manchmal tun mir schon die Finger ein bisschen weh”, sagt Ursula Grawan, ohne darüber klagen zu wollen. „Oder der Nacken”, steuert Marlis Erping bei.

Wenn's nicht mehr geht, bleiben halt die Nadeln mal liegen. Immerhin stricken und häkeln sie für den guten Zweck, nicht für Ruhm und Ehre. Auch wenn Anna Hein, die Seniorin, von Marlis Erping kurzerhand den Titel „Strickweltmeisterin” verpasst bekommt. „Gottlob ist das hier noch in Ordnung”, sagt die 90-Jährige und zeigt mit dem Finger auf ihre Stirn, „und auch die hier”, und hebt ihre Hände.

35 Jahre lang hat die Seniorin unter den Seniorinnen „Basar gemacht”. Den gibt es so nicht mehr. „Jetzt mache ich halt etwas für Kinder. Das wurde mir in die Wiege gelegt. Wir waren acht Kinder.”

„Not sehen und handeln”, so schlicht fasst Marlis Erping das Engagement der Gruppe zusammen, der leider, leider der Nachwuchs fehlt. Dieses „Not sehen und handeln” bezieht sie aber auch auf das direkte Umfeld des Gemeindehauses. „Armut hat wieder ein Gesicht in unserem Stadtteil Laar. Das ist schon wichtiger als unsere Strickerei.”

Und so gehen die engagierten Gemeinde- und Caritasmitglieder hinaus und fragen, wo Hilfe vonnöten ist. Dabei orientieren sich sich an Hildegard von Bingen. „Die hat sich um die Armen gekümmert”, sagt Marlis Erping. Oder einfacher ausgedrückt: „Man muss die Menschen froh machen. Das ist unser Motiv.”

Und wenn man dabei auch noch seinen Spaß hat – umso besser.

FRIEDENSDORF OBERHAUSEN

Das Friedensdorf International hilft seit 42 Jahren kranken und verletzten Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten, denen in ihrer Heimat medizinisch nicht geholfen werden kann. Sie werden in europäischen Kliniken behandelt Die Schwere der Erkrankungen und Verletzungen erfordert meist einen monate-, manchmal auch jahrelangen Heilaufenthalt. Nach abgeschlossener medizinischer Versorgung kommen die Kinder ins Friedensdorf, zur Rehabilitation. Die ersten Kinder kamen übrigens im Dezember 1967 aus Vietnam. Rund 1000 Kinder aus aller Welt werden jedes Jahr im Rahmen der Einzelfallhilfe versorgt.

Neben der Einzelfallhilfe sind Projekte in den Heimatländern der Kinder ein zweites wichtiges Standbein der Arbeit des Friedensdorf. Vor Ort wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Beide Arbeitsbereiche sind unabdingbar miteinander verknüpft.

„Unser schönstes Ziel ist es, dass unsere Arbeit einmal nicht mehr notwendig ist, weil es keine Kriege mehr gibt.” Das sagte Ronald Gegenfurtner – wohl wissend, dass dieses Ziel gerade jetzt wieder in weite Ferne gerückt ist. Afghanistan findet keine Ruhe, Irak, Afrika – überall gibt es immer wieder Krieg und Terror.

Günter Putz

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