Die 50 offenen Fragen zur Loveparade
01.08.2010 | 14:51 Uhr 2010-08-01T14:51:00+0200
Duisburg.Die meisten Fakten zur Loveparade-Tragödie sind noch ungeklärt. Wir haben die 50 wichtigsten Fragen aufgeschrieben.
60 Fahnder der Kölner Polizei und fünf Staatsanwälte aus Duisburg ermitteln. In dieser Woche beginnt auch die politische Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe. Mittwoch wird der Landtag seine Sommerpause unterbrechen. Der Innenausschuss trifft sich zu einer Sondersitzung. Die meisten Fragen zur Entstehungsgeschichte der Loveparade, zur Ursache des Unglücks und zum Ablauf des Nachmittags am 24. Juli sind noch ungeklärt. Wir haben die 50 wichtigsten aufgeschrieben.
Die Stadt
1. Wie stark war der Druck des Oberbürgermeisters auf Stadtverwaltung und Rat, die Loveparade nach Duisburg zu holen?
2. Welche Argumente brachten die Gegner der Veranstaltung ins Spiel?
3. Waren dies auch Sicherheitsargumente?
4. War in der Stadtverwaltung Duisburg bekannt, dass es schon bei den Paraden in Essen und Dortmund zu kritischen Lagen gekommen ist?
5. Haben die Planer bei der Stadt eine Beratung ihrer Kollegen aus Berlin, Dortmund und Essen angefordert?
6. Hat es diese Beratung gegeben?
7. Innerhalb der Stadtverwaltung gab es Sicherheitsbedenken gegen die Veranstaltung, wie alle Dokumente belegen. Wer waren die Bedenkenträger?
8. Welche Bedenken haben sie geäußert?
9. Die Stadtspitze sah Einwände schließlich als entkräftet an. Haben die zuständigen Beamten diese Bedenken weiterhin gehabt?
10. Haben sie sich danach an den nächst höheren Vorgesetzten gewandt (Kommunalaufsicht bei der Bezirksregierung), um, wie es das Beamtenstatusgesetz vorschreibt, diese Bedenken dort zu Protokoll zu geben?
11. Welche Rolle spielte bei der Erstellung des Sicherheitskonzepts der Panikexperte Michael Schreckenberg?
Stadt und Veranstalter
1. Wurde von Seiten der Stadt die Kompetenz der Firma Lopavent GmbH geprüft?
2. War der Stadt Duisburg bekannt, dass das Unternehmen Lopavent kaum Erfahrung mit Großveranstaltungen hatte (Ausnahme: Loveparade)?
3. War der Stadt Duisburg bekannt, dass Lopavent die Loveparade 2010 lediglich mit einem Deckungsbetrag von 7,7 Millionen Euro absicherte?
4. Welche Teilnehmerzahl hat Lopavent gegenüber der Stadt Duisburg als realistisch genannt?
5. Hat Lopavent die Stadt Duisburg genötigt, keine Prognose der tatsächlich erwarteten Zuschauerzahlen öffentlich abzugeben, um sein eigenes PR-Manöver (die Behauptung, es gebe 1,4 Millionen Teilnehmer) abzusichern?
6. Zu welcher Zahl an Ordnern hat sich Lopavent gegenüber der Stadt verpflichtet?
7. Welche Zahl an Ordnern wurde tatsächlich eingesetzt?
8. Welche Subunternehmen stellten die Ordner und an welchen Stellen des Veranstaltungsortes?
9. Wie waren die Ordner ausgebildet?
Die Zuständigkeiten
1. Lopavent hatte auf dem Gelände einschließlich der Tunnel-Zugänge und der Rampe die ausschließliche Sicherheits-Verantwortung. Das Terrain galt rechtlich als Privatgelände. Wieso ist in Duisburg eine Massenveranstaltung mit vielleicht mehr als 500 000 Besuchern wie eine private Geburtstagsfete behandelt worden?
2. War dies bei vorangegangenen Paraden in Berlin, Dortmund, Essen auch der Fall oder gab es eine andere Rechtskonstruktion?
3. Wird dies bei anderen Massenveranstaltungen wie Rhein in Flammen, Kieler Woche, Münchner Oktoberfest, Berliner Silvesterparty so gehandhabt?
4. Warum ist bei Sicherung von Mega-Veranstaltungen dieser Art nicht grundsätzlich der oberste Polizeichef eines Landes, der Innenminister, zuständig?
5. Waren die Innenminister Wolff (FDP) und Jäger (SPD) in irgendeiner Weise in die Vorbereitungen und Genehmigungsverfahren der Loveparade eingebunden oder wussten sie von den Bedenken, die in Duisburg von Polizei, Feuerwehr und Verwaltungsmitarbeitern geäußert worden waren?
Tunnel und Gelände
1. Wer hat vorgeschlagen, den Tunnel als einzigen Zugang zu nutzen?
2. Wer hat die Tunnel-Lösung endgültig entschieden?
3. Wurden Alternativen diskutiert – zum Beispiel Zugänge über die A 59 oder direkte vom Hauptbahnhof aus?
4. Warum wurden Alternativen abgelehnt?
5. Haben Polizei und Feuerwehr grundsätzliche Bedenken gegen den Tunnel gehabt?
6. Haben sie diese grundsätzlichen Bedenken vorgetragen?
7. Haben sich leitende Beamte nach einem möglichen Zurückweisen der Bedenken an die nächst höheren Vorgesetzen gewandt, wie es ihnen das Beamtenrecht (Remonstration, Artikel 36, Beamtenstatusgesetz) vorschreibt?
8. In welchen Dienststellen sind diese Bedenken aufgeschlagen?
9. Warum wurde das Gelände eingezäunt?
10. Gibt es Hinweise darauf, dass nur durch eine Einzäunung das Gelände als „privat“ erklärt werden konnte und die Stadt damit aus der (finanziellen) Verantwortung zum Beispiel für die Sicherheit und die nachträgliche Müllentsorgung entlassen war?
24. Juli, morgens
1. Wer blockierte am Morgen des Veranstaltungstages in der Stadtverwaltung Duisburg die Herausgabe der Genehmigungsunterlagen an die Polizei?
2. Warum wurde dies blockiert?
3. Die Polizei hat gegen 12 Uhr erkannt, dass der Veranstalter viel zu wenige Ordner einsetzt. Wie intensiv hat sie auf die Einhaltung der Vereinbarungen gedrungen?
4. Warum wurde die Route der Floater (Musik-Lkw) nicht vom Ausgang der Rampe ins Gelände wegverlegt, obwohl sie dazu beitrug, dass der Menschen-„Pfropf“ entstand?
5. Gab es im Bereich Rampe/Gelände weitere Hindernisse, zum Beispiel Verkaufsstände? Warum standen Absperrgitter mitten im Weg, die am Rampenfuß später zu tödlichen „Stolperfallen“ wurden?
24. Juli, nachmittags
1. Wieviel Einsatzkräfte der Polizei befanden sich am Nachmittag auf dem Gelände, im Tunnel, vor dem Gelände und in der Stadt?
2. Bei „Gefahr im Verzug“ muss die Polizei eingreifen.Warum hat der Einsatzleiter der Polizei vor Ort nicht sofort das Kommando übernommen, als die Veranstalter um 15.30 Uhr wegen eigener Unfähigkeit um Hilfe baten?
3. Wurde die Bitte um Hilfe zeitnah übermittelt?
4. Stimmt es, dass der zuständige polizeiliche Verbindungsbeamte beim Lopavent-Einsatzleiter kein Funkgerät zur Verfügung hatte?
5. Welche Rolle spielten Probleme mit dem Funknetz und der Totalausfall des Mobilfunknetzes?
6. Warum war eine Polizeikette mitten in der Rampe nötig, die zwischen 16.01 Uhr und 16.40 Uhr aufrecht erhalten wurde?
7. Warum wurde die zweite Rampe, die als Weg für abreisende Teilnehmer dienen sollte, nicht wesentlich früher für zuströmende Teilnehmer geöffnet, umdie Hauptrampe zu entlasten?
8. Wieso hat die Polizei nicht die Tunnelzugänge selbst geschlossen, als sie feststellen musste, dass die Menschen am Fuß der Rampe „extrem zusammengedrängt“ wurden und der Veranstalter entgegen der Verabredung es nicht schaffte, die Eingänge abzuriegeln?
9. War der Landesinnenminister als oberster Chef der NRW-Polizei in der Nähe, als sich die Ereignisse im Tunnel und an der Rampe zuspitzen? Wenn ja, in welcher Rolle war der Innenminister vor Ort?
10. Es gibt Berichte, wonach Helfer 30 Minuten brauchten, um aus den „Bereitstellungsräumen“ zu den Opfern im Tunnel/Rampen-Bereich zu gelangen. Ist bei der Bergung wirklich alles gut gegangen?

20:02
Sieh auf zu den Sternen.
Gib Acht auf die Gasse.
-Wilhelm Raabe-
www.loveparade2010doku.wordpress.com
11:48
Zu den 50 offenen fragen. Warum hat man nicht das THW angefordert zur Absperrungshilfe. Es geht ja auch bei etlichen anderen Veranstaltungen.
10:25
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
23:44
hallo, gracht #91, 04.08.2010 um 15:17!
...das war auch eine frage, meiner meinung nach
die unsinnigste überhaupt!
sita cuisses, philosophus mansisses!
23:37
hallo und guten abend, derwesten!
kompliment, die von mir angesprochenen seiten
und kommentarfunktionen habt ihr wieder geöffnet,
daumen hoch!
(siehe #51, am 02.08.2010 um 00:40!)
mfg
17:42
zu:
- Ist es wahr, dass der bequemere (und aus heutiger Sicht auch sichrere) Weg aufs Gelände von Norden nicht für das Fußvolk freigegeben wurde, weil dies der VIP-Eingang der kurzen Wege bleiben sollte?
- Ist es wahr, dass die VIP sogar mit Auto bis ans Gelände und den Eingang, zum Teil sogar auf das Gelände durften? Z.B. Oliver Pocher und Weib ?
Während allen anderen zwei Kilometer Fußmarsch verordnet wurde?
#3 von Ruhrfan , am 01.08.2010 um 15:21
leider ist es wahr, das der eingang im norden des geländes, ausschließlich für vip und presse vorgesehen war. die polizei fungierte an den strassensperren und diesen eingang herum als ordner/kontrolleur für vip-bändchen-besitzer und anwohner. ich selber hatte das glück, ich weiss nicht ob und zu welcher zeit ich sonst im tunnel gewesen wäre, ein bändchen zu besitzen. ich habe während dem weg zum vip-bereich ein foto gemacht, dessen bedeutung ich mir erst tage später bewusst war. auf dem bild ist ein leerer tunnel und kreisverkehr im bereich des vip-eingangs zu sehen während sich gleichzeitig ein erschreckendes bild auf der anderen seite des geländes abspielte. seitens des veranstalter-teams wurde im vorfeld scherzeshalber vom gemeinen fußvolk gesprochen, welches einen langen marsch zum gelände vollziehen musste und die privilegierten kamen innerhalb von 5 minuten aufs gelände.
17:33
Die wichtigsten Fragen fehlen immer noch:
1) Warum wurde nicht das gesamte Gelände genutzt, obwohl sich bei Nutzung des südlichen Teils etliche sichere Zu- und Ableitungswege und somit immense Entlastugen ergeben hätten ?
2) Welche Summen flossen an wen, um die Genehmigung in letzter Sekunde zu realisieren ? - Dass damit bis zum allerletzten Zeitpunkt (eigentlich sogar noch länger) gewartet wurde, spricht eine erschreckend klare Sprache. Druck auf den Veranstalter bis zuletzt, auf dass der Geldbeutel immer lockerer sitzen musste.
17:14
zu:
- Ist es wahr, dass der bequemere (und aus heutiger Sicht auch sichrere) Weg aufs Gelände von Norden nicht für das Fußvolk freigegeben wurde, weil dies der VIP-Eingang der kurzen Wege bleiben sollte?
- Ist es wahr, dass die VIP sogar mit Auto bis ans Gelände und den Eingang, zum Teil sogar auf das Gelände durften? Z.B. Oliver Pocher und Weib ?
Während allen anderen zwei Kilometer Fußmarsch verordnet wurde?
#3 von Ruhrfan , am 01.08.2010 um 15:21
leider ist es wahr, das der eingang im norden des geländes, ausschließlich für vip und presse vorgesehen war. die polizei fungierte an den strassensperren und diesen eingang herum als ordner/kontrolleur für vip-bändchen-besitzer und anwohner. ich selber hatte das glück, ich weiss nicht ob und zu welcher zeit ich sonst im tunnel gewesen wäre, ein bändchen zu besitzen. ich habe während dem weg zum vip-bereich ein foto gemacht, dessen bedeutung ich mir erst tage später bewusst war. auf dem bild ist ein leerer tunnel und kreisverkehr im bereich des vip-eingangs zu sehen während sich gleichzeitig ein erschreckendes bild auf der anderen seite des geländes abspielte. seitens des veranstalter-teams wurde im vorfeld scherzeshalber vom gemeinen fußvolk gesprochen, welches einen langen marsch zum gelände vollziehen musste und die privilegierten kamen innerhalb von 5 minuten aufs gelände.
15:17
Merken einige Kommentatoren nicht, wie unsinnig ihre Fragen hier sind?
11:47
Zu Ihrer Frage Nr. 9 am 24. Juli nachmittags: Ja, liebe WAZ, der Innenminister Jäger - selbsternannter Aufklärer mit angeblicher weißer Weste - war vor Ort. Und zwar genau zum Zeitpunkt der Katastrophe. In Minute 2:40 eines youtube-Videos von einem Interview mit Rainer Schaller ist er lachend zusammen mit dem stellvertretenden Polizeipräsidenten v. Schmeling im VIP-Bereich zu sehen. Die Kamera des WDR zeigt währenddessen sogar Szenen vom Chaos auf der Rampe, es ist 16.50 Uhr - also mitten in der schlimmsten Phase. Hier das Video: http://www.youtube.com/watch?v=DloSDzByYG4
Der oberste Polizei-Dienstherr von NRW und der Chef der lokalen Polizei entspannt auf der VIP-Tribüne, während ein paar Meter weiter Menschen sterben: Was sagt das über Verantwortlichkeiten vor Ort, Einsatzorganisation und Kommunikation? Und warum haben wir von Herrn Jäger auf seiner PK nicht gehört, dass er genau zur fraglichen Zeit vor Ort war? Und warum sind es nicht Journalisten, sondern Blogger, die hier die Recherche machen? Liebe WAZ, es wäre einmal an der Zeit, hier hart nachzufragen, anstatt das Märchen von der guten und fehlerlosen Polizei zu glauben. Die hat genausoviel Dreck am Stecken wie Veranstalter und Stadverwaltung.