Der Wunderglauben an den „Designer-Gott“

Auch anspruchsvolle Themen haben ihr Publikum: Wieder erreichte die Mercator-Matinée am Sonntag im Kultur- und Stadthistorischen Museum über 100 aufmerksame Zuhörer. Sie erlebten einen knapp einstündigen Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, der an den Universitäten Kassel und Stanford forscht und lehrt. Sein Thema „Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution“. Kutschera, seit 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie in Kassel, kämpft gegen den Kreationismus, also den Glauben, Gott habe die Welt und den Menschen so erschaffen wie im Alten Testament beschrieben.

Was ähnlich absurd sei wie der Glaube, dass die Erde eine Scheibe ist, sagte Kutschera mit Blick auf Gerhard Mercator. Doch nicht nur 46 Prozent der Amerikaner glauben an dieses übernatürliche Wesen sondern auch 30 Prozent der Deutschen, so Kutschera. Gefördert werde dieser Glaube von der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, einer 1979 im Schwarzwald gegründeten Vereinigung christlicher Fundamentalisten.

An rund 100 evangelikalen Schulen in Deutschland werde nach dieser Lehre unterrichtet, so Kutschera.

Dabei ist längst bewiesen, dass sich das Leben langsam entwickelt hat nach dem Darwin-Wallace-Prinzip der natürlichen Auslese. Kutschera hat mit seinen Forschungen wesentlich dazu beigetragen, dass heute auch Alfred Russel Wallace als Mitentdecker dieses Prinzips anerkannt ist. Der 1823 in armen Verhältnissen geborene Brite – „Landvermesser und Kartograph wie Mercator“ – habe sich alles selbst erarbeitet, so Kutschera, der Wallace „eines der größten Genies aller Zeiten“ nennt. Ohne akademische Ausbildung und ohne Geld habe er sich aufgemacht, die Entwicklung der Arten zu belegen. Er reiste in die Tropen und bracht 120 000 Präparate nach Europa. Sein wichtigstes Buch widmete er Charles Darwin, der Wallace zu Anerkennung verhalf.

Kutschera erläuterte zum einen die Evolutionsbiologie, den religiösen Wunderglauben hebelte er aber auch mit Argumenten aus, dass einem Gott schwere Fehler unterlaufen wären: Wie das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten, das schwere Erdbeben mit sich bringt. Oder die Hervorbringung von Arten, die – wie auf den Galapagos-Inseln – ihren Fluchtreflex verlieren und aussterben, sobald Räuber eingeschleppt werden.

Was fehle, sei eine evolutionäre Ethik, die darauf basiere, dass wir mit allen Lebewesen abstammungsverwandt sind, so Kutschera.