Der Trost eines bewölkten Himmels

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„…ich glaube nicht an eine glückliche Kindheit. Alle Kinderzimmer sind Baustellen irgendwie, die man am besten nie wieder betreten sollte.“ Es ist ihr illusionsfreier Blick auf das Leben, der den Texten Lütfiye Güzels den abgeklärten Charme einer traurigen Philosophin verleiht. Mit „Hey. Antiroman“ hat die Duisburgerin nach vier Gedichtbänden nun erstmals ein Büchlein mit kurzen Prosa-Texten veröffentlicht, in dem sich die stilsichere und lakonisch formulierende Autorin treu bleibt.

„Mein Bruder stirbt im März 1976. Da ist er vierundzwanzig und ich vier. Die großen Aufnahmen von ihm im Goldrahmen werden versteckt. Mal liegen sie eingewickelt in Handtüchern im Keller. Mal auf dem Dachboden. Wir verstecken sie vor Mutter. Warum weiß ich nicht…“ Es sind sehr persönliche Geschichten, die Lütfiye Güzel erzählt. Erinnerungen, Gefühle und Abgründe ihres Lebens werden in scheinbar beiläufigen Assoziationen zu spontanen kleinen Erzählungen, denen dann aber immer wieder Gedichte folgen. Zwischendurch besucht die Filmliebhaberin ihre Lieblings-Regisseure Pedro Almodovar in Madrid und die Kaurismäki-Brüder im tristen Helsinki.

Dann berichtet die Autorin vorsichtig aus ihrem Leben als Schriftstellerin, in dem sich die blendende Sonne selbstverständlich wie auch sonst im tristen Grau ihrer pfleglich abgedunkelten Realität vornehm zurückhält: „Er zeigt mit die Bühne und die Anlage und wo ich meinen Büchertisch aufstellen kann. Dann schlägt er mir einen Termin vor und zum Ende des Gesprächs sagt er dann: Wir können aber kein Honorar zahlen! Es ist immer dasselbe. Ihre Waschmaschine ist kaputt. Sie bestellen den Handwerker und sagen dann: Ich kann sie aber nicht bezahlen.“

Wer als Leser keine weichgespülten Muntermacher und flotte Pointen erwartet, sondern den Trost eines bewölkten Himmels schätzt, der sollte dieses Buch unbedingt lesen, das am Ende wieder zum Anfang zurückkehrt: „Mein Bruder stirbt im März 1976... Ich schreibe nicht unter welchen Umständen. Denn das würde erfunden klingen und hier höre ich auf.“