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Gastbeitrag zum Jahrestag...

Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen

18.07.2011 | 19:26 Uhr
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
Das Archivbild zeigt Ruhr.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen nach dem Trauergottesdienst für die Opfer der Loveparade am 31. Juli 2010. Zum Jahrestag der Katastrophe schreibt der ehemalige WDR-Intendant in einem Gastbeitrag auch über die Verantwortung von Ruhr.2010 und das Versagen der Medien. Foto: ddp

Duisburg.In einem Gastbeitrag zum Jahrestag der Loveparade schreibt Fritz Pleitgen über die Verantwortung von Ruhr.2010 und das Versagen der Medien. Pleitgen erinnert an die Leiden der Opfer und kritisiert die Reaktion „der politischen Klasse“ in Duisburg.

Als Geschäftsführer des Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hatte Fritz Pleitgen noch in der Nacht der Loveparade-Katastrophe den Mut, moralische Verantwortung zu übernehmen. In seinem Gastbeitrag zum Jahrestag der Loveparade schreibt Fritz Pleitgen über die Verantwortung von Ruhr.2010, das Versagen der Medien vor und die Reaktion der politischen Klasse in Duisburg nach der Katastrophe:

„Ein Jahr danach. Es ist die Zeit der bitteren Erinnerungen. Zum Jahrestag der Loveparade kehren die Schrecken mit voller Wucht zurück. Die Leiden der Hinterbliebenen und der Schwerverletzten gehen in der Flut der Berichte fast unter.

Am späten Abend des 24. Juli ging ich durch die Straßen zum Duisburger Hauptbahnhof. Ich wanderte durch eine Stadt im Ausnahmezustand. Blaulicht, Sirenengeheul, die Straßen voll mit Menschen. Die Einen feierten wie berauscht, die Anderen irrten völlig verstört herum.

Wir von der Ruhr.2010 hatten uns für die Loveparade ausgesprochen und „das größte Musikfest der Welt“ in unserem Programm mitgenommen, wie auch „Extraschicht“ und „Jedem Kind ein Instrument“. Das war ein Fehler. Ohne Vertrag und ohne finanzielle Beteiligung hatten wir mit der Organisation nichts zu tun.

Vielleicht hätten unsere Experten, die soeben „Still-Leben A 40 “ sicher über die Bühne gebracht hatten, die organisatorischen Mängel erkannt und gestoppt, sagte ich mir in den dunklen Stunden vor einem Jahr in Duisburg. Eine Hypothese! Aber ich fühlte mich moralisch mitverantwortlich, sagte es auch und bleibe dabei.

Grobe Fahrlässigkeit

Der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen war Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH, als es zur Loveparade-Katastrophe kam. Foto: dapd

Wie ist es Anderen ergangen? In den Medien hatte es kein Wort der Warnung gegeben, obwohl Platz und Zugang bekannt waren, spätestens nach einer Begehung mit der Presse. Keine Meisterleistung! Warnungen sollen im Netz gestanden haben, erfuhr ich nachträglich. Leider bin ich kein Netznutzer. Die Journalisten waren es in diesem Fall offensichtlich auch nicht. Nach der Katastrophe wussten sie allerdings, dass es so kommen musste.

Hochrangige Politiker von Regierung und Opposition hatten sich für die Loveparade ausgesprochen. Kein Vorwurf deshalb, aber sie hätten dazu stehen können. Wie alle anderen Befürworter hatten sie sicher nicht damit gerechnet, dass sich eine fröhliche Technoparty durch grobe Fahrlässigkeit in ein Monster verwandeln könnte. Man hatte doch zeigen wollen, dass das Ruhrgebiet auch jungen Menschen, deren Abwanderung man stoppen will, Attraktionen bieten kann.

Fritz Pleitgen am 31. Juli 2010 an der Unglücksstelle. Foto: ddp

Der Oberbürgermeister ist ein redlicher Mann. Er hat von der Loveparade gewiss einen Imagegewinn für Duisburg erhofft. Dass er sich der Katastrophe nicht gewachsen zeigte, gibt er selbst zu. Zu spät. Vertrauen und Ansehen sind dahin. So kann der Oberbürgermeister seiner Stadt nicht mehr dienen. Bitter, aber wahr. Und die übrige politische Klasse? Warnungen hat sie öffentlich nicht verlauten lassen. Musste der Stadtrat nach einer solchen Katastrophe nicht zusammenstehen und in Sondersitzungen Schaden von Duisburg abwenden? Mir nicht bekannt. Stattdessen ging man in den Urlaub, um danach als Hauptaufgabe die Abwahl des Oberbürgermeisters zu betreiben. Gab es nichts Wichtigeres, als die Tragödie zum Machtwechsel nutzen zu wollen?

Zeichen der Hoffnung

Tröstlich waren und sind die aufrichtigen Bemühungen aus der Bürgerschaft, der Opfer der Loveparade und dem Ansehen der Stadt gerecht zu werden. Sie sind die Hoffnung, dass Duisburg doch als eine Stadt mit Haltung wahrgenommen wird. Über die schrecklichen Geschehnisse vom 24. Juli 2010 darf kein Gras wachsen. 21 junge Menschen sind gestorben. Viele Besucherinnen und Besucher werden ihr Leben lang traumatisiert sein, einige sind für immer berufsunfähig. Es ist zu hoffen, dass diese Menschen ausreichend unterstützt werden.

Die Sicherheitsmaßnahmen sind inzwischen verschärft worden. Doch das wird nicht reichen. Wenn es um Großveranstaltungen geht, müssen die Sicherheitsfragen statt hinter verschlossenen Türen in aller Öffentlichkeit behandelt werden, damit nicht wieder Menschenleben für irgendwelche Interessen, selbst ehrenwerte, riskiert werden.“

Fritz Pleitgen

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Kommentare
20.07.2011
17:50
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von taosnm | #46

#45 denkstewohl
Die sollten keine Glaskugel befragen, sondern einfach davon ausgehen, dass sehr, und zwar wirklich sehr viele Menschen gleichzeitig durch den Tunnel und über die Rampe mussten. Das konnten sie anhand konkreter Zahlen ermitteln. Diese konkreten Zahlen hatten zum Ergebnis, dass die Genehmigung rechtswidrig war, u.a. Und jeder mässig begabte Mensch weiss, dass man sich in einem dunklen, sauerstoffarmen und überhitzten Tunnel nicht wohlfühlt. Da ist die Stampede vorprogrammiert und unausweichlich, und wer das nicht weiss, sollte einen anderen Job machen. Und wenn ich zusätzlich weiss, dass es sich nicht um einen Kirchtentag, sondern um eine Techno-Party handelt, dann weiss ich auch, mit welchen Menschen ich kalkulieren muss.

Wenn ich in einer 30er-Zone 100km/h fahre, nehme ich nicht billigend in Kauf, jemanden zu töten, was ich nicht wirklich will, doch die Möglichkeit, dass es passiert, ist gross. Wenn ich mich jedoch an die Gesetze halte, wie es auch und gerade Beamte zu tun haben, reduziere ich nicht nur das Risiko, sondern vermeide auch, mich schuldig zu machen.

Es gibt inzwischen knallharte Fakten, und ich verstehe nicht, warum Fehlverhalten immer noch schöngeredet werden soll.

20.07.2011
16:33
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von denkstewohl | #45

Es ist schon mehr als unverschämt, Menschen unterstellen zu wollen, sie haben Tote und Verletzte für die Genehmigung einer Spaßveranstaltung billigend in Kauf genommen.

Ausgehend davon, dass Planern und Verantwortlichen der Flaschenhals Tunnel bewusst war, hat man wohl damit gerechnet, dass in den Spitzenzeiten nicht alle angereisten Besucher bis zum Gelände durchkommen würden. Es hat wohl keiner ernsthaft in Erwägung gezogen, dass durch einige Drängler eine Stampede ausgelöst werden könnte.

Ein fataler Fehler.
Aber heute muss man seine Sicherheitsplanung offenbar so auslegen, als hätte man es nur mit Schwachsinnigen zu tun.

20.07.2011
12:55
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von taosnm | #44

#43 HeinzK1
Mein Beitrag wurde natürlich gelöscht, gut, ich war sehr unbeherrscht, weil wütend. AS mit seinen Fragen über Fragen. Wer glaubt denn ersthaft, dass er ehrliche Antworten hören will. Das wäre für einen normalen Menschen doch gar nicht zu ertragen, denn die Antworten werden fürchterlich sein. Nein, die StA interessiert ihn offensichtlich nicht, weil er ein völlig anderes Interessensgebiet hat.

20.07.2011
12:15
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von HeinzK1 | #43

@#42 von taosnm , am 20.07.2011 um 12:07

Sicher erinnern Sie sich noch an die Pressekonferenz am 25. Juli 2010 im Rathaus:

Adolf Sauerland, Oberbürgermeister von Duisburg, sagt auf der Pressekonferenz am Tag nach der Loveparade: Wir haben alle Fragen, die wir beantwortet haben wollen, und diese Beantwortung dieser Fragen, die uns allen unter den Fingernägeln brennen, übernimmt jetzt die Staatsanwaltschaft.

...Es gibt viele Fragen, die heute nicht beantwortet werden können. Sie müssen verstehen, wir alle haben hohes Interesse daran, dass wir auf alle Fragen Antworten bekommen und dann aber auch die richtigen Antworten bekommen.... (zitiert nach NDR, 28.07.2010 23:05 Uhr)[1]

Die richtigen Antworten haben die Bürger von Duisburg über 300.000€ gekostet und stammen von der Düsseldorfer Anwaltskanzlei.

Ihn interessiert doch anscheinend gar nicht, daß die StA-Duisburg die Loveparade in Duisburg für rechtswidrig und nicht genehmigungsfähig hielt. ;-)

[1] http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/loveparade122.html
.

20.07.2011
12:07
Blockierter Kommentar.
von taosnm | #42

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

20.07.2011
06:49
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von HeinzK1 | #41

@#39 von taosnm , am 20.07.2011 um 00:13

Zu: Ja klar, doch er hat mit dem Argument Aufklärung sein Verbleiben im Amt gerechtfertigt. Eine solche Anweisung hätte er natürlich auch von Tahiti aus mailen können.

Scheinbar hat Herr Oberbürgermeister Adolf Sauerland jetzt einen neuen Grund, um im Amt zu bleiben:

Noch heute ist Sauerlands Blick seltsam leer, wenn er über die Loveparade spricht. Er atmet tief ein und aus. Er gähnt während des Interviews und steht auf, um das Fenster zu öffnen, setzt sich wieder hin und formuliert manche Sätze in Zeitlupentempo. Adolf Sauerland sieht sich selbst ein Stück weit als Opfer:

Es ist ja nicht nur die Ketchup-Attacke, es ist die Art und Weise, wie über Sie geredet wird. Mir gehts darum, in der nächsten Zeit, mit meinen Kolleginnen und Kollegen, die als Beschuldigte aufgerufen sind, den für sie so unheimlich schwierigen Weg gemeinsam durchzufechten.

Doch nicht wenige in der Stadtverwaltung halten diese Solidaritätsbekundungen für eine Farce. Ein Neuanfang in Duisburg sei mit Sauerland nicht mehr möglich, sagen Mitarbeiter, die ihren Namen nicht im Radio hören möchten. ... (Barbara Schmidt-Mattern, Deutschlandfunk[1] 19.07.2011 · 18:40 Uhr)[2]

[1] http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/07/19/dlf_20110719_1840_8a01057b.mp3
[2] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1508246/
.

20.07.2011
01:02
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von turnaround | #40

#39 taosnm

Dann schon eher aus Fort Lauderdale - wäre er nur dort geblieben... :-) Tahiti kann er sich nicht leisten, es sei denn auf Kosten der Duisburger Steuerzahler. Da haben wir bisher noch keine Städtepartnerschaft, kann aber noch werden. Wenn man 2 Familien zu ernähren hat und ein Häuschen in Mülheim baut, reichen die Mittel für Tahiti nun mal nicht. Oh, Mann, bevor ich anfange politisch unkorrekt zu werden ... gute Nacht!

20.07.2011
00:13
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von taosnm | #39

#38 turnaround
Ja klar, doch er hat mit dem Argument Aufklärung sein Verbleiben im Amt gerechtfertigt. Eine solche Anweisung hätte er natürlich auch von Tahiti aus mailen können.

19.07.2011
23:58
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von turnaround | #38

#37 taosnm
Die Mitarbeiter waren doch ohnehin - ohne die Anweisung von Sauerland - verpflichtet, der Staatsanwaltschaft Unterlagen auszuhändigen und Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Dazu bedurfte es keiner Anweisung des Herrschers aller Reussen. Aber trotzdem - Dank dafür, King Sauerland.

19.07.2011
23:47
Der Schrecken kehrt mit Wucht zurück - von Fritz Pleitgen
von taosnm | #37

Er hat ja auch schriftlich, in diesem Fall sogar mit seiner eigenen Unterschrift erklärt, dass er Aufklärung betrieben hat, nämlich, indem er seine Mitarbeiter anwies, der Staatsanwaltschaft Fragen zu beantworten. Ist doch allerhand, oder?

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