Der Moment, in dem bei der Duisburger Loveparade die Zeit stehen blieb
30.12.2010 | 06:00 Uhr 2010-12-30T06:00:00+0100Duisburg.Tausende kamen am 24. Juli nach Duisburg, um zu feiern. 21 Menschen verloren bei einer Massenpanik ihr Leben. Die Verantwortung will bis heute niemand übernehmen. Ein persönlicher Rückblick auf die Duisburger Ereignisse von Thomas Richter.
Als ob die Zeit stehen bleiben würde. . .
Ich erinnere mich noch genau an jenen Moment, als ich von der Katastrophe erfuhr. Als Reporter zwängte ich mich durch die Massen in der überfüllten City. Ich sollte über jene Menschen berichten, die sich vom Hauptbahnhof auf dem Weg zum Partygelände befanden. Dann plötzlich unser Fotograf am Telefon: „Komm schnell zum Tunnel, es ist was Schreckliches passiert. Die reden sogar von Toten.“
19 Menschen verloren an diesem 24. Juli 2010 im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße ihr Leben, zwei weitere erlagen kurz darauf im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Sie waren in Scharen nach Duisburg gekommen, um zu feiern und Spaß zu haben. 21 von ihnen kehrten nicht wieder heim. Tausende wurden körperlich oder seelisch verletzt. Viele sind es noch heute. Die Loveparade – was als Fest der Liebe geplant war, endete in einer Katastrophe.
Eine Katastrophe, die ganz Duisburg für Wochen in Schockstarre zurückließ und seine Menschen nachhaltig verändert hat. Eine Katastrophe, für die bis heute keiner der Beteiligten die Verantwortung übernehmen will. Eine Katastrophe, die ratlos und wütend und traurig und zornig macht. Eine Katastrophe, die den Ruf und das Bild dieser Stadt in aller Welt mit prägen wird.
Vielleicht auf ewig.
Seit diesem Tag habe ich viele Gespräche mit Betroffenen geführt. Und sie alle berührten mich im tiefsten Innern. Etwa wenn Angehörige erzählen, wie ihr Kind traumatisiert heimkam und seitdem nicht wiederzuerkennen ist. „Da sitzt plötzlich ein anderer Mensch vor dir“, so ein verstörter Vater. Oder der Arzt, der als einer der ersten Notfall-Mediziner im Tunnel eintraf und später bestürzt feststellte: „Das war wie im Krieg!“ Oder der Notfallseelsorger, der versuchte, in den schwersten Stunden seelischen Halt zu geben – und später feststellte, dass ihn die Ereignisse psychisch so sehr mitgenommen hatten, dass er selbst eine Therapie brauchte. Oder die Überlebenden, die bis heute nicht zur Rampe zurückkehren können. Aus Angst, innerlich daran zu zerbrechen.
Ein neues Jahr steht uns bevor. Das ist immer auch die Zeit der Wünsche. Ich wünsche mir für 2011, dass die Menschen, die bei der Loveparade ihr Kind oder ihren Partner verloren haben, einen Weg für sich finden, um weiterzuleben. Ich wünsche mir, dass sie Antworten darauf erhalten, wer für den Tod ihrer Liebsten verantwortlich ist.
Ich wünsche mir aber auch, dass sich die Staatsanwaltschaft bald durch die Flut der Fakten und Akten gearbeitet hat und dann jene präsentiert, die sie juristisch ins Visier nimmt. Ich wünsche mir, dass die Stadtspitze ihr Schweigen bricht und die Größe aufbringt, sich bei den Angehörigen persönlich zu entschuldigen. Ich wünsche mir, dass die Rettungskräfte, Ersthelfer und Krankenhaus-Mitarbeiter endlich jene Anerkennung erfahren, die ihnen längst zusteht. Ich wünsche mir einen Oberbürgermeister, der erkennt, dass er den Rückhalt in seiner Verwaltungs-Belegschaft und in Großteilen der Bevölkerung längst verloren hat.
Artikel, Fotos, Videos und ausgewählte Beiträge zur Loveparade in Duisburg und den Folgen – etwa zur Abwahl von Adolf Sauerland als OB und dem politischen Neuanfang in Duisburg – finden Sie auf unseren fünf Spezialseiten.
Aber Silvester ist auch die Zeit der Vorsätze. Und wir als WAZ-Redaktion haben uns fest vorgenommen, so lange kritisch zu berichten, bis diese Katastrophe aufgeklärt ist.

23:30
Auf ein Neues auch in diesem Jahr 2011. Bei VOX läuft gerade noch ein Jahresrückblick des Jahres 2010, und die Love Parade hat auch dort breiten Raum eingenommen. Insbesondere Hans-Ulrich Jörges (Stern) hat in dieser Sendung in seinem Kommentar darauf hingewiesen, dass bisher alle der kollektiv Verantwortlichen immer noch im Amt sind, und das sei einer der großen Skandale des vergangenen Jahres. Dem ist nichts hinzuzufügen.
19:33
#111 von magucken3
Auch ich möchte mich für Ihre Worte bedanken.
Sie sind mir Ansporn und geben mir Kraft für das was ich (und andere) tun.
Ihnen und Ihren Angehörigen wünsche ich auch viel Kraft, wie den anderen Betroffenen auch.
Und wenn Sie in diesem Forum manch bitteren Beitrag lesen mussten, versuchen Sie darüber weg zu sehen.
Einen besinnlichen Rutsch ins neue Jahr wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie aber trotzdem.
Axel Krause
19:16
@#131 von wattearvolt , am 31.12.2010 um 18:58
Zu: Vereinfacht gesagt: es war KEIN Ev. Kirchen- oder Katholikentag !!
Ganz genau. Es gab Schaulustige, Raver, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und und und ... auf der Loveparade.
Daneben waren viele Menschen auf der Loveparade auch im beruflichen Einsatz (z.B. die Polizisten etc.)
Hier wäre im übrigen Dezernent Karl Janssen gefragt, der müßte sich im Bereich Jugend eigentlich auskennen und er hätte diesen Aspekt in der Planung zur Loveparade mit einbringen müssen.
Und zum Tunnel:
Und Vorwarnungen gab es viele, u.a. auch der nachfolgend Kommentar:
sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen?
also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war schon ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten?
ich fass es nicht!!!!
ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen.
#34 von klotsche , am 07.06.2010 um 15:30
http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Duisburger-Loveparade-viel-kleiner-als-geplant-id3067213.html#1037284
Thomas Richter wird sich sicher noch an seinen Artikel: Duisburger Loveparade viel kleiner als geplant (04.06.2010) erinnern. ;-)
18:58
@HeinzK.
Offensichtlich haben Sie Kant nicht einmal im Ansatz verstanden.
18:58
Nö -, weil die Besucher der Loveparade keine homogene Gruppe ist.
#130 von HeinzK. , am 31.12.2010 um 18:40
Vereinfacht gesagt: es war KEIN Ev. Kirchen- oder Katholikentag !! Und die Computersimulationen waren bezüglich dieser Veranstaltung einfach nur virtuell. Ist denn dann eigentlich auch nur virtuelles Geld für die Gutachter geflossen ??
18:40
#129 von thiesbuerger , am 31.12.2010 um 18:36
Zu: das passt doch ganz gut zu den Besuchern der Loveparaade,nicht wahr?
Nö -, weil die Besucher der Loveparade keine homogene Gruppe ist.
Adressat des Zitats waren Sie. ;-)
18:36
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
das passt doch ganz gut zu den Besuchern der Loveparaade,nicht wahr?
18:30
@#125 von wattearvolt , am 31.12.2010 um 17:43
Zu: Wer bis heute die Begriffe Schuld und Verantwortung nicht differenzieren kann, für den ist das Durcharbeiten des Blogs schwere Kost.
Ich schreibe hier auch nicht für oder gegen Sauerlandfreunde, denn dies ist vergebene Liebesmüh und im übrigen ist mir meine wenige Zeit auch zu schade. Daher gehe ich in der Regel auch auf gewisse Provokationen aus dieser Ecke nicht ein. Ob von Usern wie Aufklärung statt Vorverurteilung - und wie sich die wenigen Sauerlandfreunde noch nennen. Ihnen allen gemein ist, daß diese keine inhaltlichen Beiträge liefern, sondern sich auf Pöbeleien, Verunglimpfungen usw. beschränken. Zudem hat keiner der Sauerlandfreunde den Beweis erbracht, daß die Loveparade hätte gefahrlos in Duisburg durchgeführt werden können.
Herr Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist im übrigen eben auch nicht der große Aufklärer, im Gegenteil, er versucht zu vertuschen. In dem Punkte hätte thiesbuerger recht, wenn er schreibt:
Man legt sich die Dinge eben so zurecht, wie sie einem passen.
Herr Sauerland - auf dem die Äußerung von thiesbuerger m.E. zutrifft - hat sogar versucht, die kritische Aufarbeitung zu verhindern. Auch hier erbringe ich gerne den Beweis - http://www.computerwoche.de/netzwerke/web/2351674/
Die Reaktion aus dem Netz ließ natürlich nicht lange auf sich warten.
Erst hierdurch wurde mir - wie vielen anderen auch - xtranews.de erst bekannt. ;-)
Auch in 2011 gilt mein Engagement den Opfern, den Hinterbliebenen und den verletzten Menschen.
Wie ich schon mal in einem anderen Thread (1) zitierte, lasse ich auch hier nochmal Immanuel Kant zum Thema Aufklärung zu Wort kommen:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufklärung?
In diesem Sinne hoffe ich, daß die Aufklärung nicht an den Sauerlandfreunden vorbei zieht.
(1) http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Junge-Union-Duisburg-waehlt-umstrittenen-Vorsitzenden-Joerg-Brotzki-wieder-id4106087.html#1519946
18:29
Dem Stadtrat der Stadt Duisburg wünsche ich Nachdenken, Nachfühlen
Überdenken,Umkehr
Rückschau halten.
Mehr Respekt vor den Bürgern der Stadt !
Den Bürgern der Stadt Duisburg einen guten Übergang ins neue Jahr und ein gesegnetes 2011.
18:09
Zu : #111 von magucken3 , am 31.12.2010 um 08:54
Danke für die netten Worte. Wir können 21 Tote nicht wieder ins Leben zurückholen, die Verletzten und Traumatisierten nicht wieder gesund machen, aber wir können dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werden.
Ich wünsche allen einen guten Rutsch und uns allen ein gutes Jahr 2011!