Der Hüter des Osterkerzen-Lichts

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Das Osterfeuer verströmt eine fast magische Anziehungskraft. „Die Menschen spüren die Macht und Energie der Flammen. Sie genießen die Stille, kommen zur Ruhe und finden ein Stück weit zu sich selbst, wenn sie ins Feuer schauen“, erklärt Rolf Seeger. Der 56-Jährige ist seit 1990 der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wanheimerort. In diesen 25 Jahren hat er in Osternächten stets auf dem Vorplatz der Gnadenkirche an der Paul-Gerhardt-Straße die Holzscheite angesteckt, die in einer rostigen Feuerpfanne akkurat aufgestapelt sind. Das Prozedere wird er auch an diesem Karsamstag übernehmen – ab halb zehn soll das Feuer brennen, um 22 Uhr beginnt dann der Gottesdienst.

„Diese Osterfeier ist auch nach so vielen Jahren noch etwas Besonderes für mich“, berichtet der Pfarrer. „Ich fühle eine gewisse Anspannung, weil so viele Menschen so viel Herzblut in diesen Abend gesteckt haben.“ Vorbereitet und durchgeführt wird die Zeremonie in der Gnadenkirche, die im Jahre 1909 eingeweiht wurde, von einem rund zehnköpfigen Team. Selbst verfasste Texte werden vorgetragen, es gibt Gesang und Gitarrenmusik. Das Thema, um das sich alle Beiträge drehen, lautet diesmal: „Grenzen annehmen, Grenzen bewahren, Grenzen überwinden“. Seeger betont, dass er stets versucht, Textpassagen aus der Bibel mit aktuellen Bezügen zu verknüpfen. Das ist auch diesmal so.

Wichtigster Moment eines jeden Osterfeuers ist jener, wenn der Pfarrer an den lodernden Flammen die große Osterkerze entzündet. Diese ist weiß, etwa einen halben Meter lang und trägt als Aufschrift die Jahreszahl der Entzündung – diesmal also 2015. „Sie steht dann ein Jahr neben dem Altar und wird zu allen feierlichen Gottesdiensten entzündet – etwa bei Taufen“, erklärt Pfarrer Seeger. Drei Taufen soll es auch an diesem Ostersamstag geben. Doch zurück zur großen Osterkerze: Den Docht anzuzünden ist gar nicht so leicht. „Dafür muss ich sehr nah ans Feuer ran – und da herrschen beachtliche Temperaturen“, sagt der Pfarrer und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Wenn man Pech hat, verschmoren einem vorne die Haare.“ Einmal angezündet, gilt es für Seeger, die kleine Flamme der großen Osterkerze zu schützen und ohne, dass sie erlischt, ins Innere der Kirche zu tragen. An ihr werden dann mehrere kleine Osterkerzen entzündet, die durch die Sitzreihen wandern. „Wir wollen das Licht weiterreichen. Es ist ein Symbol dafür, dass sich das Osterlicht ausbreitet.“ Ist in den vergangenen 25 Jahren denn mit dem Osterfeuer schon mal etwas schief gelaufen? „Zweimal mussten wir es wettermäßig ausfallen lassen“, erinnert sich Seeger. Und schaut dabei mit leicht skeptischen Blick auf die Sturm- und Schlechtwetterwarnungen fürs Wochenende. „Tja, und einmal hatte ich die große Osterkerze so lang ans Feuer gehalten, dass fast die ganze Spitze weggeschmolzen war.“