Der Club der über Hundertjährigen

Erich Nepp (101), Elfriede Telizin (100) und Katharina Goebel (100) beim Sitztanz.
Erich Nepp (101), Elfriede Telizin (100) und Katharina Goebel (100) beim Sitztanz.
Foto: Stephan Eickershoff
Was wir bereits wissen
Im Lene-Reklat-Seniorenzentrum in Rheinhausen wohnen vier Bewohner, die über 100 Jahre alt sind. Alt fühlen sie sich die Duisburger nicht.

Duisburg.. Erich Nepp ist nicht zu überhören. Er sitzt in seinem Zimmer, Nummer 217, und hat die „Demo“-Taste seines Keybords gedrückt. Nun dudelt das Instrument „My heart will go on“. Er summt ein bisschen mit. Die Lautstärke verzeihen ihm seine Nachbarn im Lene-Reklat-Seniorenzentrum. Nepp ist etwas schwerhörig, aber er ist ja auch schon 101.

Der Senior ist gewissermaßen Mitglied im Club der über Hundertjährigen. Der besteht aus vier Bewohnern des Awo-Cura-Hauses in Rheinhausen. Herr Nepp ist der Hahn im Korb. Außer ihm haben noch Katharina Göbel (100), Elfriede Telizin (100) und Minna Kuhnke (106) ein stolzes Alter erreicht.

Die Mitbewohner reden alle über Krankheiten und Pillen

Alt, das stellt Elfriede Telizin direkt klar, fühle sie sich nicht. „Die Jahre vergehen nur schneller, wenn man älter ist.“ Und die Mitbewohner redeten alle über Krankheiten und Pillen. „Das will ich gar nicht hören. Schmerzen muss man selbst aushalten. Ich hab’ immer gerne gelacht.“ Beim Heim-Karneval hat sie sich als einzige ihr eigenes Kostüm organisiert.

Elfriede Telizin ging als Polizistin – mit Polizei-Teddy am Rollstuhl, Mütze, Handschellen und echtem Schlagstock. Elfriede Telizin ist aber eine friedliebende Person, nimmt an fast allen Angeboten teil, die den Senioren vom Sozialen Dienst gemacht werden. Sie besucht die Sitztanzgruppe, macht Gymnastik – auch im Sitzen – und malt. Ihr Zimmer ist voller selbst gestalteter Bilder. Vögel und Blumen haben es ihr besonders angetan. „Ich mag lebendige Gemälde, keine Landschaften.“ Bis vor zwei Jahren hat sie noch zu Hause gelebt.

Beim Sitztanz geht es um den Spaß

Erich Nepp tanzt gerne. Wenn im Glückauf-Café des Hauses zum Seniorentanz eingeladen wird, hat er Damenwahl. „Dann ist er kaum von der Fläche zu kriegen“, erzählt Desirée Neubert, Leiterin des Sozialen Dienstes. Wenn die Bewohnerinnen nicht mehr können, sind eben die Mitarbeiterinnen dran. „Ich tanz’ alles, Tango, Walzer, was sie wollen.“ Bevor er ins Seniorenheim zog, war Erich Nepp regelmäßiger Gast des Tanzcafés. Und wenn einmal in der Woche Sitztanz angeboten wird, singt der 101-Jährige mit – „Ich flieg, flieg...“.

„Beim Sitztanz geht es um den Spaß, dass man sich ein bisschen streckt und sich gegenseitig an die Hände nimmt“, erklärt Desirée Neubert. Grundsätzlich sei es gut, wenn die Bewohner frühzeitig umziehen, damit sie noch möglichst viel am Leben teilnehmen können. Trend sei aber, dass die meisten Senioren erst kommen, wenn sie nicht mehr alleine zu Hause leben können. Einige versterben bereits nach wenigen Monaten, weiß Jens Rockhoff, Leiter des Seniorenzentrums.

Frauen sind in der Mehrzahl

Im Schnitt sind die Bewohner zwischen 70 und 80 Jahre alt. Die Frauen sind in der Mehrzahl. 66 Damen und nur 30 Herren wohnen an der Friedrich-Ebert-Straße 147. „Es ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen älter werden als Männer“, weiß Desirée Neubert. „Schade“, sagt Betreuer André Hencke (24) und seufzt.

„Wenn man ruhig bleibt und sich nicht so schnell aufregt, wird man auch alt“, gibt Katharina Göbel dem jungen Sozialpädagogik-Studenten einen guten Ratschlag. Sie hat ihr Leben lang Sport getrieben, war Leichtathletin bei Borussia Duisburg und ist immer gerne geschwommen. „Das macht auch was aus.“ Das Leben im Heim hat die 100-Jährige vorher getestet, bevor sie endgültig umzog. Sie besuchte die Kurzzeitpflege. Wenn das Wetter gut ist, kommt manchmal eine gute Freundin vorbei und schiebt sie im Rollstuhl spazieren. Die Freundin ist auch schon 90.

Besondere Pflege brauchen die über Hundertjährigen übrigens nicht. Desirée Neubert hat beobachtet: „Die Rheinhausener sind ein besonderer Schlag – einfach lebensfroh.“