Bundeswehr setzt auf mobile Kraftwerke aus Duisburg

Solarmodule auf einer Länge von 36 Metern lassen sich aus dem Container klappen — auch Laien sollen den Aufbau innerhalb einer Stunde schaffen.
Solarmodule auf einer Länge von 36 Metern lassen sich aus dem Container klappen — auch Laien sollen den Aufbau innerhalb einer Stunde schaffen.
Foto: Multicon Solar
Was wir bereits wissen
Mit Anlagen der Duisburger „Multicon Solar AG“ will die Bundeswehr in Krisengebieten Strom gewinnen. Entwickelt wurde das System für zivile Zwecke.

Duisburg.. Was hinter den tristgrauen Hallenwänden neben der A42 in Beeckerwerth gebaut wird, will die Bundeswehr bald in Krisengebieten einsetzen. Es sieht aus wie ein gewöhnlicher Übersee-Container, doch im Inneren verbirgt sich modernste Technik:

Wenn die Solarsegel wie bei einem Satelliten auf eine Spannweite von 36 Metern ausfahren, entsteht ein mobiles Kraftwerk, das ein Feldlager mit Strom versorgen kann. „Multicontainer“ hat die Firma „Multicon Solar AG“ ihre Entwicklung genannt. Bisher sei sie konkurrenzlos und durch ein europaweites Patent geschützt, sagt Multicon-Manager Sven Leinardi. Vor allem aber ist der Container die große Hoffnung des Duisburger Unternehmens mit rund 80 Mitarbeitern, das in den 90er-Jahren aus dem Stahlbau hervorging und die Höhen und Tiefen der Solarbranche mitmachte: „Wir investieren unseren ganzen Glauben in dieses System und sind überzeugt, dass es sich durchsetzen wird“, sagt Leinardi.

Sichere Stromversorgung überall

Die Bundeswehr als einer der ersten Abnehmer ist dafür keine schlechte Adresse. „Der Solarcontainer ermöglicht eine sichere Stromversorgung, die überall verfügbar ist. Das ist für unsere Arbeit von unschätzbarem Wert“, sagt Michael Schulz, Technischer Regierungsamtsrat bei der Bundeswehr. Die setzt bisher in Krisengebieten ausschließlich Dieselgeneratoren ein: „Die Treibstoffbeschaffung für die Generatoren ist oft eine sehr gefährliche Aufgabe. Wir können daher Menschenleben schützen, wenn wir fossilen Kraftstoff einsparen, und wir steigern damit die Durchhaltefähigkeit der Truppe.“

Mit dem Bundeswehr-Auftrag erhofft sich die Duisburger Firma, einen Fuß in die Tür weiterer Militärs zu bekommen. Gerade im Bereich „smart energy“ sei die Bundeswehr in der Nato ganz vorne mit dabei, sagt Leinardi. Im Juni wird ein Multicontainer bei einer Nato-Übung in Ungarn das Camp der dortigen Militär-Polizei mit Strom versorgen.

Zuletzt habe man sich auch mit der UN in Kopenhagen unterhalten. Doch es sei „wahnsinnig langwierig“, bis solche Gespräche fruchten.

Potenzial im Amazonas-Regenwald

Überhaupt stehe die Vermarktung der Entwicklung aus Duisburg noch ganz am Anfang, bisher sind nur zwei der großen Container gefertigt worden: Einen testet die Bundeswehr derzeit in Trier, später soll er in Mali zum Einsatz kommen. Und die erste Anlage aus der Serienproduktion, die Multicon vor einem Jahr auf der Solar-Messe in Casablanca zeigte und die dann ein 300-Seelen-Dorf am Amazonas versorgen sollte, sitzt bis heute im Zolllager in Brasilien fest. Man habe den Eindruck, bei diesem Auftrag „über’s Ohr gehauen“ worden zu sein, sagt Leinardi.

Jedenfalls versprach das WM-Land jede Menge Potenzial: Laut einer Studie der brasilianischen Regierung liegt der Bedarf für autarke Mini-Kraftwerke allein im Amazonasgebiet bei über 25.000 Anlagen. Der weltweite Bedarf wird auf eine Million solcher Anlagen geschätzt, da immer noch rund 1,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom haben. So hatte das Duisburger Unternehmen anfangs auch gar nicht die Rüstungsindustrie im Blick.

Eine Anlage pro Tag

„Wir haben den Container für den zivilen Bereich entwickelt“, sagt Manager Leinardi. In Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, könne der Container auch im unwegsamen Gelände eingesetzt werden. Die Module ein- oder auszuklappen soll weniger als eine Stunde dauern, bei Sandstürmen und Unwettern seien die Solarpaneele im Container sicher verstaut.

Aber auch in den Flüchtlingslagern und Zeltstädten in der Türkei sieht das Unternehmen Einsatzmöglichkeiten. Anfragen gebe es auch von Minenbetrieben in Chile. „Die Treibstoffbeschaffung ist dort teuer, wir können den Strom dort für ein Fünftel anbieten.“ Der Markt für die Anlagen entwickele sich „rasend schnell“, so Sven Leinardi. Das Unternehmen sei darauf jedenfalls vorbereitet: Während der Zusammenbau des ersten Containers noch sechs Wochen gedauert habe, könne Multicon jetzt eine Anlage pro Tag fertigen.