Bremsen ist die hohe Kunst

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Über 1500 PS und stolze 90 Tonnen Gewicht: Für Lokbegeisterte ist das der Jugendtraum schlechthin, und Florian Kampen hat ihn sich erfüllt. Der 19-Jährige ist einer von sechs Auszubildenden, die dieses Jahr ihre IHK-Prüfung zum Eisenbahner im Betriebsdienst bei Thyssen-Krupp Steel absolvieren.

Konzentriert steuert er die gelb-rote Lok mit der Nummer 523 über das Werksgelände im Duisburger Norden mit rund 500 Kilometer Schienen – die Entfernung von Duisburg nach Paris. Mit rund 90 Loks ist der Stahlhersteller Deutschlands größter Werkbahnbetreiber. Bei über 55 000 Rangierfahrten pro Monat muss alles wie am Schnürchen laufen.

„Die wichtigste Eigenschaft des Eisenbahners? Verantwortungsbewusstsein! Die wichtigste Fähigkeit? Reaktionsvermögen!“, sagt Ausbildungsbeauftragter Dieter Ilgner zu den Anforderungen an die Bewerber. Er steht im Führerhaus neben Kampen und kann über die Fahrschulanlage jederzeit in das Tun seines Schülers eingreifen. Der hat gerade den Werkbahnhof erreicht, wo 46 Gleise zusammenlaufen und das Drehkreuz der Transportwege zu Häfen und den einzelnen Produktionsstätten bilden. Hier bedeutet Rangieren mehr als Einparken für Fortgeschrittene, denn voll ausgelastet erreichen Lok und Wagen bis zu 600 Meter Länge. „Zügig fahren habe ich schnell gelernt“, sagt Kampen, der im Verbundnetz der Deutschen Bahn mit bis zu 90 Kilometer pro Stunde Auslieferungsfahrten zum Kunden geübt hat. „Die wahre Königsdisziplin des Eisenbahners ist allerdings das Bremsen“, so Ilgner. Der Azubi macht es vor: Zwei leichte Hebelbewegungen reichen aus, um die Lok zum Zischen, Brummen und flott in Bewegung zu bringen. Das Bremsen bis zum vollständigen Stillstand dauert länger. Nicht nur bei rot-glühendem, flüssigem Roheisen, das vom Hochofen zum Stahlwerk gefahren wird, ist Achtsamkeit gefragt.

„Adrenalin pur“ sei die erste Fahrt mit der über eine Million Euro teuren Lok, auch ohne Fracht, für den Lokführer-Nachwuchs, „aber das ist auch richtig so, der Respekt bleibt ein Berufsleben lang“, sagt Ilgner. Sicherheit hat immer Vorfahrt: Zweifaches Überprüfen eines jeden Fahrbefehls ist Standard; ohne die bewusste Bestätigung durch den Lokführer bewegt sich die Maschine keinen Millimeter. Eine weitere Sicherung: Kampen klopft auf die schuhkarton-große Funkfernsteuerung, mit der er die Lok auch außerhalb des Führerhauses steuern kann. Kippt das Gerät, etwa wenn der Lokführer ohnmächtig wird, folgt die sofortige Notbremsung und ein automatischer Notruf.

Kampen hat inzwischen Lok 523 souverän zur Tankanlage zurückgesteuert und weiß: Lokführer sind die Kapitäne der Gleise.