Auf dem Fahrrad an einem Tag von Duisburg an die Nordsee

Flott unterwegs: Die Spitzengruppe bei der Pause nach 150 Kilometern in Georgsdorf im Emsland.
Flott unterwegs: Die Spitzengruppe bei der Pause nach 150 Kilometern in Georgsdorf im Emsland.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Bei der "Ruhr2NorthSea-Challenge" radelten 101 Starter an einem Tag nach Bensersiel. Beim Fitness-Test über 300 Kilometer kamen alle wohlbehalten an.

Duisburg/Bensersiel.. Kurz vor vier Uhr morgens wird’s hektisch auf dem Vorplatz der Schauinsland-Reisen-Arena. Gepäcktaschen fliegen in den Transporter, Startkarten werden verteilt, Proviant verstaut. „Los geht’s“, ruft Organisator Thomas Kaiser. An einem Tag mit dem Fahrrad von Duisburg bis Bensersiel am Nordsee-Strand: Das muss nicht sein, aber es geht. Beweisen wollen sich das 101 Radler bei der ersten Auflage der „Ruhr2NorthSea-Challenge“ am längsten Tag des Jahres.

Zu viel Adrenalin. Gleich am Anfang wird vorn im Feld Tempo gemacht. Riskant auf noch nassen Straßen, wo gleichzeitig die Rücklichter der Vorderleute blenden. Auf den ersten Kilometern bilden sich die Gruppen. Das entscheidet über das Ausmaß des späteren Leidens. Im geschlossenen Trupp fahren nur zwei gegen den Wind aus Nordwest, der Rest kurbelt entspannt im Windschatten.

Sündhaft teure Carbonfelgen werden fast zum Verhängnis

In Aurich gibt’s keine Straßenbahn. Den vier ostfriesischen Gästen und ihren sündhaft teuren Carbonfelgen wird das in Meiderich fast zum Verhängnis. „Achtuuuung“, brüllt noch einer, da hängen sie schon fast in den Schienen. Nochmal gut gegangen – ein Glück für das Quartett und das Dutzend Rennradler, das bis zum Schluss an ihren Hinterrädern „lutschen“ wird. Und dann ist da noch Christian mit seinem Mountain-Bike. „Der ist entweder total fit oder total verrückt“, denken wir alle. Als der 1,90-Hüne nach den ersten 100 Kilometern immer noch fröhlich schwatzend an der Spitze radelt, sind alle Zweifel beseitigt.

Das Wichtigste überhaupt: kein Regen. Zwischen 10 und 17 Stunden durchnässt treten – das wäre bloße Quälerei. So radelt mit guter Vorbereitung entspannt, wer mit seinem Tempo in der Gruppe unterwegs ist. Alle 50 Kilometer eine Pause. Bananen, Riegel, Iso-Drinks, Traubenzucker – Brennstoff für müde Muskeln. In Georgsdorf, nach halber Distanz, lugt sogar die Sonne zwischen den Wolken durch. Das hebt die Stimmung wie das Mittagessen bei Kilometer 200. Selten schmecken Hühnersuppe und Spagetti Bolognese so gut.

Die wahren Helden fahren weiter hinten

Im letzten Drittel, die Ems bei Leer ist überquert, wird es stiller. Jeder scheint nun mit sich selbst beschäftigt, duckt sich noch tiefer vor dem Wind weg in den schützenden Schatten des Vordermanns. Gleichzeitig schwindet die Konzentration – das macht’s gefährlich. Wenn vorn gebremst wird, müssen die Letzten der Gruppe in Sekundenbruchteilen reagieren. Mehrmals geht’s gerade noch gut, dann lotet Jürgen mit einem filmreifen Salto die Tiefe eines ostfriesischen Straßengrabens aus. Mit einer Macke an der Nase und einem geprellten Oberschenkel krabbelt er heraus, kann die Fahrt fortsetzen: ein Riesenglück.

Die wahren Helden dieser Tour fahren weiter hinten. Als nach knapp zehn Stunden Fahrtzeit die Ersten den Hafen Bensersiel ansteuern, steigt Paule gerade in den „Besenwagen“. 200 Kilometer hat der Neudorfer durchgehalten auf seinem skurrilen Drahtesel ohne Gangschaltung. „Damit würd’ ich nicht mal zum Bäcker fahren“, bemerkt ein Rennradler anerkennend. Thomas Kaiser trinkt mit seiner Gruppe das letzte Bier, das im Bootshaus gezapft wird. Als sie die Küste erreichen, ist die kürzeste Nacht des Jahres angebrochen. Per Rad kamen 98 von 101 Radlern ins Ziel. Als Sieger. Ausnahmslos.

Kommentar von Martin Ahlers: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr

300 Kilometer an einem Tag – die Distanz nötigt auch geübten Radlern Respekt ab. Doch die flache Strecke ist mit überschaubarer Vorbereitung für Hobbyradler gut zu bewältigen. Ein dickes Lob gilt Petra und Thomas Kaiser für die tolle Organisation – kleine Holprigkeiten sind bei einer Premiere normal. Auch im Abschiedsgruß der Radler steckte viel Anerkennung: „Bis zum nächsten Jahr.“