Auf Achse seit 1868

Fürst Sumbatoff aus Georgien muss ein wichtiger Mann gewesen sein. 1918 nämlich empfingen ihn sowohl August Thyssen, der große Industrielle von kleiner Statur, als auch sein Sohn Fritz und fuhren mit ihm im Salonwagen durchs Duisburger Werk. Ein Foto davon ist im Konzernarchiv erhalten, auch wohl ein Film aus den 60er Jahren mit Frankreichs De Gaulle auf Achse. Ansonsten sind historische Zeugnisse relativ rar zu einem Eisenbahnfahrzeug, das eines der ältesten weltweit sein dürfte.

1868 wurde der Eisenbahnwaggon mit seinen zwei Achsen und Speichenrädern in Hannover gebaut. Wer Auftraggeber war, weiß man nicht genau. 1905 jedenfalls kommt August Thyssen, der Gründer des Montankonzerns, ins Spiel und kauft den Waggon, der fortan als „Bereisungswagen“ auf dem Werksgelände dient, vorbehalten hochrangigen Gästen und Unternehmenvorständen.

Eine Notwendigkeit zu diesen Zeiten. Mit den Werksstraßen damals war es noch nicht weit her, ein Automobil eher selten. Doch war der Salonwagen nie so spektakulär, wie der Name vermuten lässt, auch wenn er vielleicht in früheren Jahren einmal mit Sesseln statt dem späteren Konferenzmobiliar ausgestattet war. Vom Ausstattungskomfort des legendären Orient-Express oder ähnlicher Luxuszüge jedenfalls war Thyssens „Salon“ auf Rädern weit entfernt, schließlich galt der Firmenpatriarch stets als etwas zurückhaltend, wenn’s ums Geldausgeben ging.

Aber immerhin hatte er in erstaunliche Nachhaltigkeit investiert. „Es ist einer der ältesten betriebsfähigen Eisenbahnwagen der Welt“, sagt Jan Schirling vom Bahnbetrieb bei Thyssen-Krupp Steel Europe. Auch den Bombenkrieg habe er offenbar wohlbehalten überstanden.

In den 80er Jahren wurde der Salonwagen zuletzt aufgearbeitet, wurden die holzverkleideten Innenwände aufgemöbelt, äußere Blechbeplankung und Fenster erneuert.

Nach wie vor dient der Salonwagen mit seinen 16 Sitzplätzen am langen Konferenztisch unter anderem dem Vorstand als Transportmittel. Mit Fahrgästen verkehren darf der Schienen-Oldtimer allerdings nur auf dem Werksgelände. Wobei „nur“ relativ ist.

470 Kilometer misst das Gleisnetz bei Thyssen-Krupp im Duisburger Norden. 400 Lokführer bewegen mit 100 Lokomotiven 3000 Eisenbahnwaggons und transportieren Kohle, Koks, Erze, Kalk und Brammen zwischen Hafen, Hochofen, Stahl- und Veredelungswerken. Rund 1000 Mitarbeiter sind in der Werks-Logistik tätig.

Und die kümmern sich auch um einen zweiten Nostalgie-Waggon, der einem breiten Publikum bekannt ist. Gebaut wurde er nach 1918, und er bietet auf normalen Eisenbahnsitzen Platz für 36 Fahrgäste. Der Dreiachser gehört alljährlich zu den Hauptattraktionen der Mai-Feier im Landschaftspark, wo Eisenbahn-Fans Schlange stehen für eine Park-Pendelfahrt.