Auch nach 40 Jahren Eingemeindung noch Proteste in Duisburg

Homberg, die Stadt im Grünen: So nannte sich Homberg einst.
Homberg, die Stadt im Grünen: So nannte sich Homberg einst.
Foto: Stephan Eickershoff/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Am 1. Januar 1975 wurden Rheinhausen, Homberg, Baerl und Walsum zu Duisburg eingemeindet. Vorausgegangen waren viele Bürgerproteste, die bis heute nicht ganz verstummt sind.

Duisburg.. „Die aufgerissenen Wunden werden sehr schnell verheilen.“ Wie sehr irrte doch vor 40 Jahren Ernst Ermert in einem Interview in der Silvesterausgabe der NRZ. Er damals einer von zwei eingesetzten „Staatskommissaren“, die die kommunale Neugliederung in Duisburg bis zu den nächsten Wahlen am 4. Mai 1975 im neuen Groß-Duisburg leiten sollten. Zum 1. Januar 1975 wurden Rheinhausen, Homberg, Rumeln-Kaldenhausen, Baerl und Walsum in die Stadt Duisburg eingemeindet. Ein Schritt, den so mancher Nord- und Westduisburger bis heute nicht richtig verknust hat.

Nein, von einer Liebesheirat konnte vor 40 Jahren nicht gesprochen werden, weder im Westen noch im Norden. Die Walsumer, die Rheinhauser, die Homberger kamen sich eher zwangsverheiratet vor. Da mochte die Landespolitik in Düsseldorf ihre Pläne noch so schmackhaft machen, die Menschen vor Ort wollten schlicht und ergreifend keine Duisburger werden. Walsum fühlte sich traditionell mit Dinslaken verbunden, war mit seinen 40.000 Einwohnern sogar zur Stadt erhoben worden. Und dann das, diese seltsamen Pläne aus Düsseldorf.

Gemeindestrukturen nicht mehr zeitgemäß

Wie in allen anderen Bundesländern der Bundesrepublik mit Ausnahme der Stadtstaaten setzte sich auch in Nordrhein-Westfalen in den 1960er-Jahren die Erkenntnis durch, dass die überkommenen Gemeindestrukturen nicht mehr zeitgemäß waren. Sie gingen im Wesentlichen noch auf das 19. Jahrhundert zurück und hatten letztmals im Jahr 1929 eine größere Reform erfahren. Damals war übrigens Hamborn zu Duisburg gekommen.

Größere, den Zielen der Raumordnung angepasste Strukturen sollten geschaffen werden. Vor Beginn der Reform bestanden in Nordrhein-Westfalen sechs Regierungsbezirke, 38 kreisfreie Städte, 57 Landkreise, 294 Ämter mit 1.877 amtsangehörigen Gemeinden sowie 450 amtsfreie kreisangehörige Gemeinden. In zwei Wellen setzte das Land von 1966 bis 1975 die Gebietsreformen in ganz NRW durch.

In vielen Teilen des Landes durchaus geräuschlos. Nicht so im Ruhrgebiet. Wattenscheid wollte partout nicht nach Bochum, Kettwig fand Essen doof. Und die Menschen in Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen, die sich in einem Kreis zusammenschließen sollten, der im Volksmund als „Glabotki“ verschrien war, verstanden die Welt nicht mehr. In diese Phalanx des Widerstands reihten sich auch Rheinhausen, Homberg und vor allem Walsum ein. Keiner wollte Duisburger werden.

Bei einer Wahlbeteiligung von 77,6 Prozent stimmten beispielsweise 1972 98 Prozent der Walsumer gegen die, wie es hieß, „drohende Bedeutungslosigkeit als Randbezirk des Duisburger Nordens“, im Folgejahr gründete sich die Interessengemeinschaft „Anti-DU“. Genutzt hat der Widerstand nichts, auch eine Verfassungsbeschwerde der Stadt Walsum gegen die Eingliederung scheiterte. Linksrheinisch sah die Lage nicht anders aus. Duisburger werden? Nein danke! Rheinhausen wehrte sich ebenso erbittert wie Walsum, gehörte zu den Initiatoren der „Aktion Bürgerwille“, deren Volksbegehren allerdings auf Landesebene erfolglos blieb.

Facebook-Seite „Für ein unabhängiges Rheinhausen“

Und heute? Hat Duisburg sieben Stadtbezirke und 46 Stadtteile. Doch die Menschen in den sieben Bezirken halten sich beileibe nicht alle für Duisburger. Rheinhauser fahren bis heute nach Duisburg, wenn sie den Rhein überqueren, aber niemals in die Innenstadt. Ein Sprachgebrauch, den sie mit vielen anderen eingemeindeten Stadtteilen gemein haben. Dazu zählen sogar viele Hamborner, deren Heimat ja bereits 1929 eingemeindet worden war. Nein, der Duisburger ist in der Mehrzahl erst einmal stolz auf seinen Stadtteil, dann erst auf die Gesamtstadt. Und die Forderungen, Duisburg wieder verlassen zu dürfen, tauchen immer wieder mal auf.

Zuletzt wollten einige Homberger Kommunalpolitiker lieber zu Moers. Seit Jahresanfang gibt es die Facebook-Seite „Für ein unabhängiges Rheinhausen“ und so ein linksrheinische Urgestein wie Rudi Lisken forderte noch Mitte Dezember eine Verwaltungseinheit „der einst starken, selbstständigen Städte Rheinhausen/Homberg mit über 100 000 Einwohner“ als starker Partner innerhalb der Gesamtstadt.

Fazit: Ernst Ermert, der zum 1. Januar 1975 als „Staatsdirektor“ eingesetzt worden und lange Jahre der Fraktionsführer der SPD im Duisburger Stadtrat war, irrte als er ein rasches Heilen der Wunden prognostizierte. Nirgendwo in den Ruhrgebietsstädten trauern so viele Menschen ihrer einstigen Selbstständigkeit derart hinterher wie in Walsum, Rheinhausen und Homberg. Planerisch mag die kommunale Neuordnung ein Erfolg gewesen sein. In den Herzen der Menschen ist sie auch 40 Jahre später nicht angekommen.