Anne-Marie Flammersfeld - die härteste Frau der Welt

Anne-Marie Flammersfeld ist als erste Deutsche vier Wüsten mit den strengsten Klimazonen der Welt im gleichen Jahr durchlaufen.
Anne-Marie Flammersfeld ist als erste Deutsche vier Wüsten mit den strengsten Klimazonen der Welt im gleichen Jahr durchlaufen.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
1000 Kilometer bei extremen Witterungsbedingungen - Anne-Marie Flammersfeld ist als erste Deutsche im gleichen Jahr durch die trockenste, die heißeste, die windigste und die kälteste Wüste gelaufen. Im Interview spricht die "Desert Queen" über ihre Leidenschaft, Psycho-Tricks und die "Wüstenrennsemmel".

Duisburg.. Sie läuft und läuft und läuft… - durch Sand, über Steine, bei starkem Wind und in tiefstem Schnee. Vier Wüsten hat Anne-Marie Flammersfeld beim "4 Deserts Race" im vergangenen Jahr im Laufschritt durchquert – als erste Deutsche überhaupt. Dabei meisterte sie insgesamt 1000 Kilometer durch die trockenste (Atacama), die steinigste (Gobi), die heißeste (Sahara) und die kälteste Wüste (Antarktis) der Erde. Die 34-Jährige hat nicht nur als erste Frau der Welt alle vier Rennen in einem Jahr gewonnen, sondern konnte gar jede einzelne Etappe für sich entscheiden – und hat dabei manchen Männern mit ihrem Tempo ordentlich eingeheizt. Damit erlief sich die gebürtige Duisburgerin in Extremsport-Kreisen den Spitznamen „Desert Queen“.

Was für Anne-Marie Flammersfeld ihre Leidenschaft ist, mögen Hobby-Sportler aus der Entfernung als „puren Wahnsinn“ bezeichnen. Welche Motivation steckt hinter so einem außergewöhnlichen Vorhaben? „In mir steckt das Entdecker- und Abenteurer-Gen, wie es einst auch Christoph Kolumbus in sich trug“, sagt die Extremsportlerin im Gespräch mit der WAZ Mediengruppe. Für sie sei der Sport keine Sucht oder Droge, sondern schlicht Gewohnheit.

Als erste Deutsche beim "4 Desert Race" durchhalten

Zum Laufen kam die Diplom-Sportwissenschaftlerin, nachdem es sie vor einigen Jahren beruflich in die Schweiz nach St. Moritz gezogen hatte. Dort leitet sie als Fitness-Trainerin ihr eigenes Unternehmen namens "All Mountain Fitness". „In St. Moritz gibt es keine Handball-Vereine, also musste ich mir einen neuen Sport suchen“, erzählt die Personal Trainerin. Dass sie Talent als Läuferin hat, merkte sie spätestens, als sie ihren zweiten Marathon in nur 3 Stunden und 13 Minuten absolvierte.

2010 kam es dann in Argentinien zu einer wegweisenden Begegnung: „Dort traf ich einen Extremsportler, der wenig später am 4 Deserts Race teilnahm“. Als sie las, dass noch keine deutsche Frau die Wüstenlaufe in einem Jahr absolviert hatte, nahm Anne-Marie Flammersfeld die Herausforderung an. „Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, der große Freude daran hat, sich Ziele zu setzen“ – eine Eigenschaft, die ihr in mancher Etappe noch sehr helfen sollte.

Training mit dem Stepper in der Sauna

Extremsport Ein Jahr lang bereitete sie sich auf die Wüstenläufe vor. Ihren Trainingsumfang steigerte sie auf 160 Wochenkilometer durch die Schweizer Berge. Jede Einheit gestaltete sie unterschiedlich mit einer Länge von 20 bis 40 Kilometern – mal mit harten Tempo-Läufen, mal als lockere Ausdauer-Übung.

Stets dabei hatte sie einen mehrere Kilo schweren Rucksack, an den sie sich früh gewöhnen wollte. Der Veranstalter verpflichtet jeden Teilnehmer dazu, 30 verschiedene Dinge während der Rennen bei sich zu tragen: Erste-Hilfe-Paket, Schlafsack, genügend Essen, Wechselwäsche, Kompass usw. Während der Wüstenläufe war eine spezielle Ernährung wichtig - oft bestand sie aus Energie-Riegeln, Gels, Gummibärchen und Cashewnüssen. "Wir mussten mindestens 2000 Kalorien im Gepäck zu haben", erzählt Anne-Marie Flammersfeld.

Die besonderen Begebenheiten wie das Laufen in Sand und Schnee konnte sie in den verschneiten Bergen von St. Moritz im Training gut simulieren. Einen gehörigen Respekt hatte sie vor der Hitze. „Deshalb habe ich einen Stepper in die Sauna gestellt, aber im Nachhinein hat das dann doch nicht so viel gebracht.“

Mindestens so wichtig wie die physische Fitness war für Anne-Marie der psychologische Aspekt: „Jeder Wettkampf wird im Kopf entschieden. Wenn der Wille stark genug ist, dann tragen dich deine Beine auch ins Ziel.“ Deshalb hat sie sich mit einer Mental-Trainerin speziell vorbereitet: „Ich habe mir im Kopf eine Kommode mit Schubladen geschaffen, in die ich Geschichten hinein gepackt habe“. Diese sollten ihr bei Tiefpunkten in den Rennen helfen: „Beim Lachen werden positive Stoffe im Hirn freigesetzt.“ Solche Tricks hatte sie auch bitter nötig, wie sie noch feststellen sollte.

In der Atacama-Wüste zwischen Glücksgefühl und Jod, dass sich in die Haut frisst

Das erste Rennen der Reihe „4 Deserts Race“ - sechs Etappen über insgesamt 250 Kilometer - führte sie in die Atacama-Wüste in Chile, die trockenste Wüste der Welt. Elf Kilo wog Anne-Maries Rucksack für die erste Etappe – eine große Last, noch bevor der erste Meter gelaufen war. Der Start für die 160 Läufer lag auf 3300 Metern über dem Meeresspiegel.

Auf dem Weg dorthin spielte das Wetter den Läufern einen Streich: Ein heftiges Gewitter mit Sturm und Regen zog auf – in der „trockensten Wüste der Welt“, erinnert sie sich heute mit einem Schmunzeln.

Voll motiviert sprintete Anne-Marie Flammersfeld auf der ersten Etappe über die salzverkrustete Strecke direkt los – und hatte am Ende satte 32 Minuten Vorsprung auf die nächste Frau. „Es war eine überwältigende Erfahrung, durch diese fantastischen Landschaften mit ihren endlosen Flächen, langegezogenen Sanddünen und ausgetrockneten Flussbetten zu laufen."

Während aller vier Wüsten-Rennen wird die Extremsportlerin jede Etappe für sich entscheiden. Zu Beginn noch kaum vorstellbar: „Als ich das „gelbe Trikot“ als Führende überreicht bekam, musste ich erstmal mit dem Druck klarkommen.“

Je nach Leistungsstärke suchte sie sich einige männliche Teilnehmer, mit denen sie Tempo machen konnte. Dabei spielte sie im hügeligen Terrain ihre große Stärke durch ihr Training in den Engerdinger Bergen aus: „Ich fegte über den Grat nach unten, so dass die anderen nur staunten“, berichtet sie in ihrem Blog.

Das Glücksgefühl, das Ziel der einzelnen Etappen erreicht zu haben, wich oft nur kurzzeitig, wenn es zur Blasen-Behandlung ging: Nach dem Aufstechen der Blasen wurde der Bereich mit Jod beträufelt: „Dieses Jod hat sich so richtig schön in die Haut gefressen und dort jegliches Bakterium abgetötet – von wegen ,Indianer kennen keinen Schmerz’“.

An vielen Stellen ihres Erlebnis-Blogs über die vier Rennen berichtet Anne-Marie Flammersfeld von den Psycho-Tricks, mit denen sie ihre Motivation hochhielt. Etwa, als es in der Atacama-Wüste auf einen braunen, teils matschigen, teils extrem trockenen Boden ging, fühlte sie sich an einen Schokoladenkuchen erinnert und plapperte mit einem Weggefährten pausenlos über Kuchenvariationen und Torten.

Der Lauf durch die Sahara mit der "Wüstenrennsemmel"

Landschaftlich sehr schön war die zweite Station von "4 Deserts Race" - die Wüste Gobi in China. "Wir sind dort durch kleine Dörfer gelaufen, wo die Leute nur gestaunt haben". Manchmal habe man Dutzende Kilometer weit sehen können. Nur wenn der Wind in der stürmischsten Wüste der Welt messerscharf ins Gesicht blies, wurde es ungemütlich. Und als sie während eines Laufs ein "Magen-Darm-Virus" erwischte: "Ich hatte 25 Kilometer vor dem Ziel Durchfall und Übelkeit und befand mich zudem in einem Sandsturm - da habe ich mich echt gefragt, was ich hier eigentlich mache".

Trotzdem lag sie in der Gesamtwertung des Gobi-Laufes über 25 Kilometer 3,5 Stunden vor der Zweitplatzierten. Zudem waren nur drei Männer schneller als sie.

Auf der dritten Station der Renn-Serie machte Anne-Marie Flammersfeld in der Sahara Bekanntschaft mit einer "Wüstenrennsemmel": "Die hatte Arme und lief auf Zahnstochern vor mir her - da hab ich mich völlig kaputtgelacht". Was sich oberflächlich leicht "irre" anhört, gehört zu dem mentalen Training der Läuferin. Zu dem Zeitpunkt hatte sie mit einer schweren Krise auf der sandigen Strecke zu kämpfen: "Ich dachte, ich hätte Honig an den Füßen".

Das Selbstgespräch mit der "Wüstenrennsemmel" habe sie dann dermaßen zum Lachen gebracht, dass so viele positive Botenstoffe in ihrem Kopf freigesetzt wurden, dass sie die letzten der diesmal 38 Kilometer noch gut ins Ziel schaffte. Während so eines Rennens trank sie 12 bis 13 Liter Wasser, ohne einmal auf Toilette zu müssen. "Alles wieder ausgeschwitzt", erzählt Anne-Marie Flammersfeld.

Aus der Hitze ging es nur drei Wochen später in die Kälte: Den Abschluss machte die Wüste in der Antarktis. "Dort sind wir auf einer Etappe mal zwölf Stunden im Kreis gelaufen, weil es dort kaum lange Strecken gibt." Und schon die aktuelle Route war nicht einfach für die Läufer. "Da sackte man auch mal knietief in den Schnee", erinnert sich die Extremsportlerin. Aber selbst Minus zehn Grad brachte sie nicht vom Kurs ab.

Das plant die "härteste Frau der Welt" 2013

Und was bleibt nach dieser herausragenden Leistung mit dem Sieg in Wüstenrennen auf vier Kontinenten? "Als ich zuhause war, haben mich erstmal meine Gefühle überrannt. Ich fiel in eine 'Post Race Depression'-Phase und wusste gar nichts mit mir anzufangen". Das sei aber schnell einer neuen Aufbruchstimmung gewichen: "2013 würde ich gerne mal am Himalaya in Nepal laufen und herausfinden, wie mein Körper auf große Höhen reagiert".

Zudem werde sie ein Erlebnis- und Fachbuch über ihre Erfahrungen beim "4 Deserts Race" schreiben. Und sonst? "Reiswaffel mit weißer Schokolade ist sehr lecker - und nie wieder Müsli mit Milchpulver", sagt sie mit einem Augenzwinkern über ihre kulinarischen Erfahrungen rund um die Rennen.

Einen ausführlichen Bericht über die Wüstenläufe und ihr Training hat Anne-Marie Flammersfeld in einem Blog ins Internet gestellt.