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Loveparade-Drama

An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama

24.08.2010 | 21:16 Uhr
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Duisburg.Es war am späten Nachmittag, als am 24. Juli die Loveparade zum tödlichen Alptraum wurde. Seitdem herrscht an der Karl-Lehr-Straße in Duisburg Trauer. Ein Besuch am Unglücksort – genau einen Monat nach der Tragödie.

Der Rollstuhlfahrer hat den Blick gesenkt, die Augen halb geschlossen. Es scheint gerade so, als bete der Mann. Hier, vor dem Zaun, der die Rampe verschließt, die von der Karl-Lehr-Straße aufs Gelände des früheren Güterbahnhofes führt. Hier, wo tausende Grablichter stehen, verwelkte Blumen, vertrocknete Kränze und vergilbte Zettel ans Drama erinnern. Hier, wo vor genau einem Monat die Loveparade 2010 zur Katastrophe wurde.

Es ist Dienstagnachmittag, 24. August, 17 Uhr. Rund 20 Menschen befinden sich vor der Rampe. 20 Menschen – dort, wo sich am Partytag vor vier Wochen Zehntausende drängelten. Dort, wo Hunderte verletzt wurden. Dort, wo es Tote gab. Schlussendlich 21 an der Zahl.

Die Sonne scheint, im Wind flattern Fahnen, T-Shirts, bemalte Bettlaken, Briefe –Trauergaben, die zahllose Menschen hier niederlegten. Die Besucher sind über den Platz verstreut, stehen zu zweit, zu dritt, lesen Briefe, betrachten zerzauste Kuscheltiere, diskutieren („…so offensichtlich zu eng“). Ein Junge entzündet ein Grablicht, der Vater formt einen Windschutz mit den Händen. Drei Radler queren den Platz, nehmen nicht groß Notiz. Ein junger Mann geht vorbei Richtung Düsseldorfer Straße, das Handy am Ohr: „Mann, das war heut ein Tag, du, suuuper stressig…“. Das Bild der Trauer – für manche Duisburger scheint es Alltag geworden zu sein.

„Hier lag ein toter Mensch“

17.12 Uhr: Ein Polizeihubschrauber fliegt über die Rampe, die meisten Anwesenden blicken auf. Zwei Runden dreht er, bevor er verschwindet. Auf dem Bordstein vor dem Container, in dem am Partytag ein Crowdmanager die Rampe überwachte, sitzt eine blonde Frau. Sie sieht nicht auf. Starrt vor sich hin. Gedankenverloren.

17.15 Uhr: Ein Mädchen im rot-weißen Hemd bricht in Tränen aus. Sie schluchzt, zieht die Schultern zusammen, fasst sich wieder, wischt die Tränen weg, nimmt einen Zug aus der Zigarette. Ob sie dabei war? Vor vier Wochen um diese Uhrzeit war die Situation an der Rampe vollends eskaliert, trafen die Sanitäter ein. Es drängten zu viele Menschen zu der Steintreppe, die etwa 50 Meter vom Standort des Mädchens entfernt nach oben führt. Zur Treppe, die ein Entkommen verhieß aus der qualvollen Enge der Massen. Zur Treppe, vor der mehr als zehn Menschen den Tod fanden. Gefallen. Zertrampelt. Zerquetscht.

Einen Moment verharrt das Mädchen in der Mitte des Platzes, dann geht sie in Richtung Tunnel. Ein älterer Mann tritt hinzu, weist mit seiner Hand auf eine Bank am Rand. „Warst du dabei?“, will er wissen. Das Mädchen macht einen Schritt zur Seite, wendet sich ab, geht weg. Dort, wo sie gerade noch stand, fällt der Blick auf einen Ziegelstein. Aufschrift: „Hier lag ein toter Mensch“.

Ein Mann in Schwarz

Spezial zur Loveparade 2010
Loveparade und OB-Abwahl

Artikel, Fotos, Videos und ausgewählte Beiträge zur Loveparade in Duisburg und den Folgen – etwa zur Abwahl von Adolf Sauerland als OB und dem politischen Neuanfang in Duisburg – finden Sie auf unseren fünf Spezialseiten.

17.36 Uhr: Oberhalb der Rampe, auf der Brücke, erscheint ein Mann. Schwarze Kleidung. Funkgerät am Hosenbund. Security. Er bleibt stehen, beugt sich über das Geländer, wirft einen Blick auf den Platz. 17 Sekunden. Dann geht er weg. Zu diesem Zeitpunkt vor einem Monat interviewte Comedian Oliver Pocher gerade Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Ein lustiges Interview. Keine Rede von dem Drama, das sich zeitgleich ein paar hundert Meter weiter zutrug.

17.44 Uhr: Drei Besucher diskutieren vor der Rampe die Schuldfrage. Bemängeln fehlende Hinweise auf die Notausgänge. Verteufeln den luxuriösen VIP-Zugang am anderen Ende des Geländes. Man hätte können, wäre doch nur, man hätte sollen…

17.57 Uhr: Ein grauhaariger Mann bleibt stehen, blickt aufs Grablichtermeer, faltet die Hände. Innehalten. Genau um 17.57 Uhr am Partytag, am 24. Juli, schickte die Duisburger Polizei jene Pressemitteilung heraus, die im Nachhinein noch vielfach ergänzt werden sollte. Jene Pressemitteilung, die Deutschlands größte Katastrophe seit etlichen Jahren im Amtsdeutsch beschrieb. Jene Pressemitteilung, die Duisburg für lange Zeit verändern sollte. Originaltext: „Im Verlauf einer Massen-Panik im Tunnel der Karl-Lehr-Straße sind nach bisherigen Erkenntnissen offenbar zehn Personen getötet, zehn Personen reanimiert und etwa 15 Personen verletzt worden.“ Innehalten.

Christian Gerstenberger

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Kommentare
29.08.2010
11:33
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von dutsche | #41

Wer denkt heute noch an den Tunnel in Paris und Lady Di? Langsam ist es genug. Das Leben geht weiter.

26.08.2010
20:38
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von Reiner52 | #40

@ 31 von Tom009 Deiner Meinung ist durchaus zuzustimmen, doch kann man die sonstigen Schicksale, die in der Welt und in unserem Staat passieren nicht mit Duisburg vergleichen, finde ich.
.
Ich persönlich finde, das Thema Lp darf erst dann aus den Medien verschwinden, wenn endlich mal die Aufklärung komplett da ist und alles an die Öffentlichkeit kommt, was bisher noch vielfach verborgen ist.
.
Insofern begrüsse ich, das die WAZ- Gruppe weiterhin berichtet.
.
Ich habe nun beruflich bedingt knapp 14 Tg die einzelnen Berichte hier nicht weiter verfolgt, einiges auch nur flüchtig gelesen, aber das, was ich las,
bringt bei mir langsam das Blut in Wallung.
.
Die Politik muss lernen und begreifen, dass sie ein ganzes Volk eine Weile für dumm erklären kann, dass aber irgendwann das Volk aufbegehrt. Schlimmers hoffe ich, wird nicht passieren.
.
Aus dem Bauch heraus, vieles in den letzen Tagen nur mit halben Verstand gelesen - meine Meinung dazu : Jeder einzelne Duisburger der in irgendeiner Weise Anteil an dem Ereignis nimmt, fühlt sich doch inzwischen hoffnungslos verarscht. Viele andere Bürger in NRW im übrigen auch.
.
Der Punkt ist ganz einfach : Ein Mensch begeht einen Mord, wird angeklagt und verurteilt und sühnt seine Strafe.
.
Hier, will ich nun nicht von Mord sprechen, das wäre überzogen und auch so nicht richtig, ich wählte das nur als Beispiel.
.
Aber, hier sind 21 Menschen durch. m.E. , Fahrlässigkeit zu Tode gekommen und der Bürger in Duisburg, der Bürger in NRW, gewinnt immer mehr den Eindruck, jene die das versaut haben kommen am Ende mit dem erhobenen Zeigefinger davon und damit durch. .
.
Der kl Bürger hingegen der z.B. seine Steuererklärung nicht ordnungsgemäss abgeliefert hat, dem droht die gesamte Härte der entsprechenden Gesetze.
.
DAS DARF NICHT SEIN !!!!!
.
Obwohl es bedauerlicherweise genau so kommen wir.

26.08.2010
11:30
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von anni2010 | #39

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26.08.2010
09:08
Blockierter Kommentar.
von anni2010 | #38

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26.08.2010
08:46
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von Ravergirl | #37

Was für Sicherheitsmaßnahmen. Der Tunnel ist von anno dritenepiff Ist da bisher jemals was passiert? Und wenn ja, warum wurden da keine Vorkerhrungen getroffen. Ich bin nicht aus Duisburg, aber der Tunnel am Bahnhof ist z.B. gesperrt während der Stoßzeiten. Ansonsten wird es wirklich Zeit zur Normalität (so weit es geht ) zurückzukehren. Die die nicht direkt betroffen waren, können das Brimborium eh nicht verstehen. Nur selbst ich meine es reicht und eine Gedenkstätte an geeignetem Ort tut den Rest dazu. Nur bitte nicht im Tunnel. Dort will ich nicht trauern!!!

26.08.2010
00:29
Blockierter Kommentar.
von anni2010 | #36

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25.08.2010
17:41
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von FlyingEagle | #35

Hmmm...

Ich kann natürlich schon irgendwie verstehen, das manche Autofahrer, die den Tunnel regelmässig benutzt haben, es ärgerlich finden, dass der Tunnel gesperrt ist.

Andererseits hat da ja nicht mal eben nur nen kleiner Unfall stattgefunden, sondern wirklich eine ganz entzetzlich schreckliche Katastrophe.

Und kann da auch Stimmen verstehen, die sagen, das eine Gedenkstätte wichtiger ist als der Straßenverkehr.

Eine Gedenkstätte an einem anderen Ort würde der Tragödie nicht gerecht werden.

Vielleicht wäre es ein Kompromiss den Tunnel zwar grundsätzlich wieder für den Autoverkehr frei zu geben, aber erst nachdem entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sind.

Ich meine wegen fehlender Sicherheitsvorkehrungen sind dort 21 Menschen getötet und unendlich viele schwer verletzt worden. Da sollte man schon besondere Vorsicht und Sensibilität walten lassen.

Zum Tagesgeschäft übergehen wird der Karl-Lehr-Tunnel eh nie mehr.

25.08.2010
15:00
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von berti62 | #34

@30
Ich rege mich nicht auf, wozu auch, die Straße wird wieder geöffnet.
Wenn die Ecke für eine Gedenkstätte zu gefährlich sein sollte, kann die Konsequenz nur sein, die Gedenkstätte zu verlegen, nicht aber eine Durchgangsstraße dauerhaft zu sperren.

@33

Warum Verdrängung?
Sie haben wohl immer noch nicht verstanden, dass nicht alle Menschen auf der Welt durch die LP traumatisiert worden sind! Es hat nicht jeder was aufzuarbeiten und nur wenige können sich wochenlanges Selbstmitleid leisten.
Wenn es Ihnen nutzt, schreiben sie was sie wollen. Aber nehmen sie auch zur Kenntnis, dass es anderen auf die Nerven geht.

25.08.2010
13:59
An der Todesrampe – einen Monat nach dem Drama
von taosnm | #33

#31 Tom 009

So wie Sie, haben wahrscheinliche viele Duisburger immer noch nicht verstanden, welche Dimensionen dieses Unglück hat.

Und Verdrängung hat auch noch nie geholfen, irgendwann bricht das auf, und dann mit geballter Kraft. Engagieren Sie sich für das Aufarbeiten dieses Traumas.

25.08.2010
13:58
Blockierter Kommentar.
von Der_D | #32

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Woran soll in Duisburg nicht gespart werden?
82 Millionen Euro soll Duisburg sparen. Das bedeutet viele Einschnitte im städtischen Leben. Welche der Sparmaßnahmen/Erhöhungen sollte Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden? Die Zahl in den Klammern ist übrigens die Haushaltsentlastung, die sich die Stadt dadurch erhofft.

82 Millionen Euro soll Duisburg sparen. Das bedeutet viele Einschnitte im städtischen Leben. Welche der Sparmaßnahmen/Erhöhungen sollte Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden? Die Zahl in den Klammern ist übrigens die Haushaltsentlastung, die sich die Stadt dadurch erhofft.

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