Albtraum einer Odyssee

Die Vergangenheit holt ihn ein, oft nachts, wenn er schläft. Es sind Erlebnisse, die ihn nicht loslassen, die sich in seinen Kopf gebrannt haben, damals, als Werner Reitz 15 Jahre alt war. „Ich träume davon und will darüber reden, weil ich hoffe, mich dadurch befreien zu können“, sagt er. Werner Reitz, der heute mit seiner Ehefrau in Wehofen wohnt, erzählt die Geschichte eines Jungen, der keine Wahl hatte. Es ist die Geschichte einer Odyssee durch Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Geschichte einer Kriegsgefangenschaft.

Wie es dazu kam, weiß der heute 85-Jährige noch ganz genau: Nur wenige Tage bevor die Alliierten am 28. März 1945 Hamborn besetzten, hatte er seine Heimat an der Mathildenstraße verlassen müssen, weil Adolf Hitler in der Endphase des Krieges, als Deutschland schon fast in Trümmern lag, noch sein letztes Aufgebot mobilisierte.

„Wir mussten mit dem Zug nach Kassel fahren, wurden unterwegs noch beschossen“, sagt Werner Reitz. In Kassel wurden er und neun andere Jungen, alle in seinem Alter, vom Militär ausgebildet, „an der Panzerfaust und am Karabiner“, einem Gewehr der deutschen Wehrmacht. Die Jugendlichen sollten die Soldaten beim Kampf gegen die Alliierten unterstützen.

„Wir sollten Panzer beschießen“, sagt Werner Reitz. „Da waren schon Bodenlöcher, in die wir kriechen sollten. Das haben wir aber nicht gemacht, weil wir wussten, dass die Panzer da einfach drüber fahren, damit man nicht mehr rauskommt und es dann vorbei ist.“ Sie seien einfach weggelaufen, dann jedoch von einem Lkw-Fahrer mitgenommen worden, „weil wir ja quasi führerlos waren“.

Zu Fuß von Dorf zu Dorf

Nächste Station war eine Kaserne. „Da habe ich zum ersten Mal eine lange Hose gekriegt, es war schon sehr kalt.“ Von dort aus marschierten sie jeden Tag mit einem Feldwebel zu Fuß von Dorf zu Dorf, wurden dabei beschossen. versteckten sich hinter Häusern. „Die Kugeln flogen uns um die Ohren.“ Am Abend des 14. April 1945 kam die Gruppe in Hohegeiss, einem Dorf im Harz an, wo am selben Tag die US-Truppen einmarschierten. „Nur ein Haus brannte, ansonsten war alles friedlich“, blickt Werner Reitz zurück.

„Wir saßen im Keller eines Gebäudes, als plötzlich ein Amerikaner vor uns stand und auf Englisch sagte: ‘Hände hoch‘“. Der US-Soldat sperrte sie in einem anderen Haus in der Küche ein. Werner Reitz geriet mit den anderen Jugendlichen in Kriegsgefangenschaft.

Am nächsten Morgen kamen Lkw. „Wir sind mit deutschen Soldaten verladen worden, die uns immer sagten, dass wir Jungen es Schuld seien, dass wir alle in dieser Situation sind.“ Sie fuhren in den kommenden Wochen von Lager zu Lager, unter anderem auch nach Nordhausen in Thüringen. „Wir waren dort eingezäunt, wurden ständig bewacht, lagen nachts so dicht aneinander, dass wir kaum Platz hatten.“ Sie schliefen immer unter freiem Himmel, ohne Dach über dem Kopf, ohne Decken, auch wenn es regnete.

Oft mangelte es am Nötigsten. „Manchmal gab es mehrere Tage nichts zu essen. Wenn wir ein Brot bekamen, haben wir es mit 20 Leuten in Scheiben geschnitten.“ Die deutschen Soldaten hätten ihre Portionen „pingelig“ abgewogen, „damit nicht einer mehr bekam als der andere“. Doch die Alliierten hätten manchmal vor allem die SS-Leute leiden lassen, „teilweise zu Recht“, sagt Werner Reitz. Nachts hörte er oft laute Schreie. „Bei jemandem sollen die Magenwände vor Hunger zusammengekommen sein. Und dann war es vorbei.“

Ohne Zeitgefühl

Einige Soldaten starben, die Jugendlichen dagegen überlebten. „Wir waren zu jung, um Angst zu haben, sonst wären wir auch vor Angst gestorben.“ Das Zeitgefühl ging in diesen Wochen völlig verloren: „Wir wussten nicht, ob Samstag, Sonntag oder ein Feiertag ist.“

Die letzte Station der Kriegsgefangenschaft war Wickrath in Mönchengladbach. Am 7. Juli 1945 war Werner Reitz frei, wie es seine Dokumente belegen. Er wurde angewiesen, nach Duisburg-Hamborn zu seinem Elternhaus zurückzukehren. Doch als er dort ankam, war niemand da.

Er fuhr mit dem Fahrrad nach Wesel-Lackhausen, wo seine Eltern zwischenzeitlich in einem Haus viele Möbel untergebracht hatten, um diese vor dem Krieg zu schützen. Die Familie fand erst einige Tage später in Hamborn zusammen, als sein Vater wieder nach Hause kam. „Er war nie Soldat, weil er Panzerstahl hergestellt hat, musste am Ende aber für die Engländer bei einem Bauern in Holland arbeiten.“

Sein Vater sei ein Nazi-Gegner gewesen. Werner Reitz selbst sagt: „Adolf Hitler war der größte Verbrecher, den es je gab.“ Seit dem 7. Juli 1945 ist Werner Reitz zwar ein freier Mann. Die Erinnerungen an diese Vergangenheit halten ihn aber noch heute gefangen.