Abitur-Geschenk an Duisburger Gymnasium erregt die Gemüter

Authentische Texte enthält das Steinbart-Buch. Darauf wird im Vorwort hingewiesen.
Authentische Texte enthält das Steinbart-Buch. Darauf wird im Vorwort hingewiesen.
Foto: Stephan Eickershoff
Was wir bereits wissen
Jedes Jahr verteilt der Verein der Ehemaligen des Steinbart-Gymnasiums ein Buch samt Anstecknadel an die Abiturienten. Doch die Schüler des diesjährigen Jahrgangs sind entsetzt über die teils unkommentierten Zeitdokumente aus der NS-Zeit und werfen dem Verein Geschichtsverfälschung vor.

Duisburg.. Geschichtsverfälschung werfen Abiturienten des diesjährigen Jahrgangs dem Steinbart-Gymnasium bzw. dem Verein der Ehemaligen vor. Hintergrund ist die Verteilung eines Buches, das jeder Steinbart-Abiturient seit vielen Jahren samt einer Anstecknadel, der „Albertina“, erhält.

Leon Wystrychowski hat es gemeinsam mit einem anderen Abiturienten gelesen und war schockiert, weil es unkommentierte Zeitdokumente ehemaliger Steinbart-Schüler enthält, die man so für sich nicht stehen lassen könne.

Er nahm etwa Kontakt mit dem Duisburger Netzwerk gegen Rechts, der Jüdischen Gemeinde und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) auf.

In einem gemeinsamen Schreiben, das auch an die Schule ging, äußerten die Beteiligten ihren Unmut über die unkommentierten Texte: „Von den ermordeten und deportierten jüdischen SchülerInnen war keine Rede, dafür aber von der ,nationalsozialistischen Revolution’, dem alliierten ,Terrorangriff vom 13. Mai 1943’, einem ,Bekenntnis zum deutschen Osten’ - mit dem Gebiete in Polen und Russland gemeint sind - seitens des Steinbart-Gymnasiums." Das Kriegsende werde als ,Katastrophe von 1945’ mit ,unglücklichem Ausgang’ bezeichnet.

Verein der Ehemaligen verteilt jährlich Bücher

Den Widerstandsaktionen des Steinbart-Abiturienten Harro Schulze-Boysen, den sein Engagement sein Leben kostete, werde in der Publikation ein „landesverräterischer Charakter“ unterstellt und behauptet, seine Verurteilung zum Tode durch die NS-Richter sei Ergebnis eines „in einwandfreier Form“ durchgeführten Prozesses gewesen.

Verantwortlich für das Buch ist allerdings nicht die Schule selbst, sondern der Verein der Ehemaligen, der Buch und Erinnerungsnadel jährlich an die Abiturienten bei der Zeugnisvergabe verteilt. Vom Verein gibt es bislang keine offizielle Stellungnahme zu den Vorwürfen.

Im Vorwort des Buches heißt es zwar, dass dieses Buch die Geschichte des Steinbart-Gymnasiums nachzeichne und es sich jeweils um „authentische Zeitdokumente“ handele, sie also aus dem jeweiligen geschichtlichen Kontext gesehen würden müssten. Doch für Leon Wystrychowski reicht dieser Hinweis nicht: „Dieses Buch unkommentiert zu verteilen ist unverantwortlich.“

Buch wird überarbeitet

Von der Schulleitung des Steinbart-Gymnasiums wird nun eine Distanzierung vom Inhalt des Buches sowie dessen kritische Überarbeitung verlangt – was auch geschehen soll.

Schulleiter Ralf Buchthal: „Wir nehmen das sehr ernst. Das Buch über die Geschichte der Schule befindet sich bereits in der Revision und wird so auch nicht mehr verteilt werden. Nach den Ferien werden wir uns mit dem VVN zu einem konstruktiven Dialog treffen.“ Man habe eine „Tradition über die Jahre unreflektiert mitgeschleppt.“ Auch die Anstecknadel werde nächstes Jahr nicht mehr verteilt.

Dass man Harro Schulz-Boysen und seinen Widerstand aber nicht ausreichend würdige, weist Ralf Buchthal zurück und verweist auf die Statue in der Schule und die Internetseite des Gymnasiums. „Noch im letzten Jahr ist die Schule bei einer Gedenkveranstaltung für Harro Schulze-Boysen anlässlich seines 70. Todestages gewesen.“ Die Veranstaltung habe in Walsum auf der nach Schulze-Boysen benannten Straße stattgefunden.