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Porträt

Zurück im Leben

12.02.2010 | 18:22 Uhr

Düsseldorf. Zwischen Bernhard Blume und Marina Abramovic liegen Welten, obwohl sie an der Wand des Ateliers in Mörsenbroich nur wenige Meter trennen. Da ist zum einen das Selbstporträt als Hommage an den Fotografen Blume und seine Ehefrau: Es zeigt Inken Boje frontal von vorn, puppenlustig.

Sie strahlt über das ganze Gesicht, in die Ohren hat sie zwei Kerzen gesteckt. Daneben ein zweites Motiv der selben Fotoreihe. Hier posiert Boje in der Rolle der serbischen Bildhauerin Abramovic; eine schöne, sehr ernste Frau, um den Hals hat sie zwei Schlangen gelegt. Damals war auch die reale Bedrohung ganz nah. Inken Boje hat das Bild einen Tag vor ihrer Operation aufgenommen, kurz vor dem Wendepunkt zu ihrem zweiten Leben.

Fast zwei Jahre ist das alles her. Heute ist Montag, und Inken Boje ist gut drauf. Die Augen blitzen, die Sonne scheint zum Atelierfenster hinein. In diesem langen frostigen Winter denkt Boje wieder viel über ihren Unfall nach. Es begann vor einigen Jahren mit einem Sturz auf dem Eis. Damals fiel Boje auf den Hinterkopf, ein Ereignis, das schmerzhaft war, dem sie jedoch keine große Bedeutung beimaß. Die Folgen zeigten sich viel später, gipfelten in jenem Frühjahr 2008. Erste Koordinationsprobleme, leichte Sehstörungen, irgendwann ging Boje dann doch zum Arzt. Die Diagnose: eine Hirnblutung, die vermutlich auf den Sturz auf dem Glatteis zurückzuführen ist. Es hatte sich eine Verwucherung im Gehirn gebildet, eine Wunde im Inneren des Schädels entstand. Die begann zu bluten. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Aber eigentlich geht es an diesem Tag im Atelierhaus an der Max-Halbe-Straße nicht mehr um die Krankheit. Eigentlich geht es um das Leben, um das Weitermachen und um die Kunst als Motor. Kraft ist ein Wort, das in diesem Zusammenhang Bedeutung hat, Mut ein weiteres und Disziplin. Disziplin sagt Boje oft, wenn sie von den Jahren der Genesung spricht.

Vier Tage, um alles zu regeln

Am 25. April 2008 wurde sie in einer Duisburger Spezialklinik am Gehirn operiert. Schlaganfall, lautete die Diagnose. Vier Tage blieben Boje zwischen dem Befund und der OP, vier kurze Tage, um alles für die Nachwelt vorsorglich zu regeln. 48 Jahre alt war sie zu diesem Zeitpunkt und Mutter eines kleinen Jungen. „Sterben”, denkt sie laut nach, „ist ja vor allem schlimm für die, die übrig bleiben.”

Um sie herum blühen die Kunst und das Leben. Damals, 2008, schoben sie Freunde aus dem Krankenhaus gradewegs ins Atelier. Dort setzte Boje ihre Arbeit fort, entstand gleich wieder ein Selbstporträt: Boje als Paul Gauguin. Heute ist die Reihe „In guter Gesellschaft” abgeschlossen: Boje als Joseph Beuys mit Hut. Boje als Hanne Darboven, als Frida Kahlo. Immer wieder neue Menschen, immer wieder neue Rollen. Und immer eine neue Inken Boje. 45 Aufnahmen sind es insgesamt geworden, fünf erwarb das museum kunst palast im vorigen Jahr. Derzeit entsteht der Katalog. Außerdem ist Bojes Videoinstallation „Haare” jetzt fertig und bald öffentlich zu sehen. Am 27. Februar wird sie als Loop im Rahmen der langen Museumsnacht in der Johanneskirche präsentiert. Drei Monitore, drei Videos, Mann, Frau und Kind werden die Haare geschnitten. „Ein normaler Prozess und doch eine einschneidende Veränderung”, überlegt Boje. Auch hier liegt der Bezug zur Krankheit auf der Hand. Damals musste auch Boje selbst ihre Haare abschneiden lassen.

Noch immer kämpft die Künstlerin gegen die Folgen. „Man sagt ja, das Gehirn ist gefühllos, aber es nimmt einem die Dinge lange übel.” Zwei Reha-Aufenthalte und Physiotherapie haben ihr zurück ins Leben geholfen. Boje hat das Gehen neu erlernt, auf den Rollstuhl ist sie schon lange nicht mehr angewiesen. Und sie spricht wieder so gut wie vorher.

„Es liegt an dir, wie du das hinkriegst”

Probleme bereitet ihr noch das räumliche Sehen. Das Lesen fällt schwer, es ist mühsam, die Augen auf Kleingedrucktes einzustellen. „Der Blick springt bei jedem Herzschlag einmal nach oben”, so Boje. Die Ärzte machen ihr zurzeit wenig Hoffnung, dass sich ihre Situation grundlegend bessert, erzählt sie nüchtern. „Alles, was jetzt noch eintritt, ist Kompensation. Es liegt an dir allein, wie du das hinkriegst, an deiner Offenheit, deinem Lebenswillen.”

Inken Boje ist gerade 50 geworden. Sie nutzt heute bewusst jeden Tag, „wenn die Sonne scheint, gehe ich raus.” Unten auf dem Hof spielen die Kinder der benachbarten Grundschule. Ihr Lachen schallt bis hoch ins Atelier. Die Künstlerin sieht rundherum zufrieden aus. Ihr Sohn ist heute zwölf. „Das Wichtigste ist doch: Ich bin noch da.”

Petra Kuiper

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