Wo ein Tilly, ist auch ein Team

Der Besuch der Wagenbauhalle auf dem Gelände des ehemaligen Rheinbahn-Depots Am Steinberg gleicht ein bisschen dem Besuch eines Hochsicherheitstrakts. Auch der Besitz eines Presseausweises hilft nur bedingt. Der ehemalige Wagenbauleiter Wolfgang Becker wacht in seiner erhabenen Hallenwarte streng über den Eingang der rund 4000 Quadratmeter großen Schatz- und Überraschungskiste für Karnevalisten, denn hier entstehen sie, die mitunter streng geheimen Karnevalswagen der aktuellen Session. Hier ist das Reich von Jacques Tilly.

Während die meisten Vereinswagen einfach wunderschön anzusehen sind, prägen die bissigen Mottowagen seit vielen Jahren bundesweit den politischen Karneval. Putin, Papst und Salafisten: Wenn die Karnevalswagen aus dem Hause Tilly auf die Strecke gehen, wird keine politische Debatte ausgelassen, erhitzen sich die Gemüter bisweilen weltweit.

Doch um die satirischen Ideen Tillys plastisch werden zu lassen, arbeitet hinter verschlossenen Türen und in der heißen Phase vor Karneval ein bis zu 15-köpfiges Team am Bau und der Ausgestaltung der Karnevals- und Mottowagen. Bildhauerin Svenja Heweling übernimmt dabei die Funktion der Teamleiterin, ist Ansprechpartnerin für gestalterische Fragen und hält den Kontakt zu Mitgliedern der Karnevalsvereine, die in der Wagenbauhalle in Bilk ihre bestellten Werke abholen wollen.

Modelle mit Kaninchendraht

Für Heweling begann alles mit einem vierwöchigen Schülerpraktikum in der Wagenbauhalle. Während ihrer Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin arbeitete sie das erste Mal mit Kaninchendraht und Kaschur, fertigte ihre ersten eigenen Modelle.

Nach Beenden ihrer Ausbildung machte sich Heweling selbstständig und wechselte für eine Mitarbeit in Tillys Team sogar ihren Wohnort: Die gebürtige Weselerin zog nach Düsseldorf-Lierenfeld und arbeitet seit 2010 in Bilk.

Weil viele Wagen parallel zueinander gebaut werden müssen, arbeitet das Team an unterschiedlichen Orten der gigantischen Halle. Um den regelmäßigen Austausch über Fertigstellung der Wagen und bei kniffligen technischen und gestalterischen Herausforderungen dennoch zu gewährleisten, frühstückt das Team morgens gemeinsam. Das Frühstück dient somit auch einer Teambesprechung. Ein weiterer Austausch findet beim Mittagessen statt, das ebenfalls gemeinsam eingenommen wird. Dabei geht es reihum, ein „Küchenplan“ verzeichnet, wer wann das Essen zubereitet.

Während in den Sommermonaten nur drei bis fünf Personen in der Halle Auftragsarbeiten für Messestände oder Bühnendekoration anfertigen und Workshops anbieten, werden die Wochen vor dem Rosenmontagszug stressiger, das Privatleben schmilzt auf ein Minimum. Gerade die Mottowagen sind tagesaktuell. Tilly, Heweling und das gesamte Team arbeiten dann in Schichten – mitunter jeder bis zu 18 Stunden am Tag.

Es ist die enorme Vielfalt, die für Svenja Heweling Herausforderung und Ansporn zugleich ist: „Ich kann mich bei der künstlerischen Gestaltung der Wagen richtig austoben“, sagt Heweling und verweist auf die verschiedenen Arbeitsschritte beim Bau eines Wagens. Während bei Gerüstbau und Projektion zunächst nach Tillys Zeichnungen maßstabsgetreu ein Gestell entsteht, beginnt mit dem Drahten die eigentliche plastische Ausgestaltung der Figuren. In einem dritten Schritt wird das Drahtgestell mit Leim und nassfestem Blumenpapier kaschiert. Die noch weißen Plastiken werden abschließend zunächst mit einer Sprühpistole, später mit einem Pinsel lackiert. So erhalten sie ihr charakteristisches Aussehen. Und natürlich ihren Platz in den Nachrichten weltweit. Dann, wenn das Team wieder Putin, Papst und Co. satirisch und karnevalistisch aufs Korn genommen hat.