Wo Düsseldorf noch bunter wird

Marianne Windisch (86) und ihre Tochter Susanne im Schminklädchen.
Marianne Windisch (86) und ihre Tochter Susanne im Schminklädchen.
Im „Schminklädchen“ in Düsseldorf-unterbilk arbeitet die 86-jährige Marianne Windisch mit ihrer Tochter Susanne an den Gesichtern des Karnevals. Doch sie helfen auch, Narben oder Feuermale zu verdecken. Und manchmal machen sie Männer zu Frauen.

Düsseldorf..  In den Boxen mit Aufschriften wie „Ägyptisch“, „Rocker“ oder „Pirat“ stapeln sich die entsprechenden Utensilien, auf der Ladentheke liegen dutzende falsche Wimpern aus, in den Regalen stehen unzählige Styropor-Köpfe, bedeckt von den unterschiedlichsten Perücken.

Wer das „Schminklädchen“ an der Bilker Allee in Düsseldorf betritt, macht eine Reise in die bunte Welt des Karnevals, des Theaters, aber auch in die Vergangenheit. Im Hinterzimmer steht noch ein alter Apothekerschrank, in dem heute die Schminke sortiert ist, auf der Fensterbank die historische Kasse. Viel haben Marianne und Susanne Windisch an dem Erscheinungsbild des Ladens nicht geändert – und ihm trotzdem immer wieder neues Leben eingehaucht.

An der Bilker Allee 24 eröffnete Marianne Windischs Vater 1926 eine Drogerie. Nachdem das Haus im Krieg ausgebombt wurde, baute er sein Geschäft ein paar Häuser weiter in Nummer 46 wieder auf. Marianne wuchs mit dem Laden auf, machte eine Lehre zur Drogistin, übernahm nach dem Tod ihres Vaters das Geschäft.

Doch die Zeiten waren nicht immer einfach. Die neuen Einzelhandelsketten machten der kleinen Drogerie Konkurrenz, die Existenz war bedroht. Also wagte Marianne mit 50 Jahren einen Neuanfang, lernte erst Fußpflegerin, dann Kosmetikerin und legte noch eine Ausbildung als Make-up-Artist am Berliner Maskenbildnerseminar oben drauf. Die Idee zum Schminkladen war geboren. Heute, mit 86 Jahren, ist sie immer noch jeden Tag gemeinsam mit ihrer Tochter Susanne im Geschäft.

Karneval ist Hochsaison für die beiden. Für die großen Sitzungen verwandeln sie abends die Kunden in Leoparden oder Mickey Mäuse, für Altweiber ist der erste Termin bereits um 5.30 Uhr am Morgen vergeben. Sie fragen schon bei der Terminvergabe, als was die Kunden sich verkleiden wollen, bitten, Fotos als Vorlage mitzubringen oder entwickeln selbst einen passenden Entwurf. „Selbstverständlich gibt es Klassiker, die wir immer wieder schminken, aber das aktuelle Geschehen in der Stadt spiegelt sich durchaus in den Kostümen wieder“, erzählt Susanne Windisch. „Dieses Jahr liegen zum Beispiel durch den Sturm Baummotive und die grünen Papageien von der Kö im Trend.“

Doch auch den Rest des Jahres lehnen sich die Windischs nicht zurück: Sie bieten Schminkseminare für Laien und Profis an, egal ob für besondere Anlässe oder als Alltags-Make-up.

Vor vielen Jahren kam der erste Kunde, der sich von ihnen in eine Frau verwandeln lassen wollte, heute gehören Transsexuelle, Transvestiten und Crossdresser aus Deutschland, den Niederlanden und sogar der Schweiz zu ihren Stammkunden. „Die Altersspanne ist groß, die Motive sehr unterschiedlich. Einige wollen öffentlich als Frau leben, aber wir hatten auch schon einen Kunden, der sich noch im Laden wieder abgeschminkt hat.

Er war einfach mal neugierig, wie er als Frau aussehen würde“, sagt Susanne Windisch. Nicht nur zu diesen Männern bauen die Frauen oft einen engen Kontakt auf. „Wenn wir Kindern mit Tumoren oder Feuermalen im Gesicht oder Menschen mit Narben nach einer Herz-OP zeigen, wie sie mit Camouflage und den richtigen Schattierungen die unschönen Stellen abdecken, erfahren wir immer wieder deren Lebensgeschichten.“

Zu Halloween wird es dann wieder umgekehrt sein. Statt die Narben abzudecken, wünschen sich die Kunden aufgemalte, offene Wunden. Und auch diese Wünsche bedienen der Laden, der die Illusion auf die Haut zaubert.