„Wir spüren, wie zerbrechlich unsere Wirklichkeit ist“

Superintententin Henrike Tetz gedachte am Freitagabend der Opfer von Flug 4U9525.
Superintententin Henrike Tetz gedachte am Freitagabend der Opfer von Flug 4U9525.
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Was wir bereits wissen
In einem Gottesdienst gedachten die Düsseldorfer am Dienstag der 150 Toten des Flugzeugabsturzes. Superintendentin Henrike Tetz fand passende Worte.

In einem Gottesdienst in der St.-Lambertus-Kirche hat Superintendentin Henrike Tetz am Dienstagabend der Oper des Flugzeugabsturzes vom vergangenen Dienstag gedacht. Die komplette Rede im Wortlaut:

„Liebe Gemeinde, es ist ein sehr trauriger Anlass, der uns hier zusammenführt. 150 Menschen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene sind tot, aus dem Leben gerissen. Einige von ihnen haben in unserer Stadt gelebt und gearbeitet, waren unsere Freunde, Kollegen, Nachbarn. Sie standen uns nahe und waren uns vertraut. Wir versuchen uns vorzustellen, was sich zugetragen hat, was genau passiert ist an Bord des Fluges. Wir suchen nach Ursachen und Gründen. Das hilft uns in unserem Schrecken. Doch bei allen Erklärungen und Erklärungsversuchen ist es doch so: Wir sind erschüttert darüber, wie schnell Menschen schuldlos in den Tod gerissen werden. Wir fassen es nicht, dass jemand den Tod sucht und nicht nur sein Leben, sondern auch das Leben vieler anderer zerstört. Wir sind voll Trauer um die Toten. Wir sind voll Mitgefühl für ihre Verwandten und Freunde. Wir spüren, wie gefährdet unser Leben ist und wie zerbrechlich unsere Wirklichkeit. Unser Zutrauen in das Leben ist erschüttert.

Was hilft? Wer hilft? Es tut gut, hier zu sein. Geborgen im Haus Gottes unsere Hilflosigkeit zuzulassen. Uns tragen zu lassen von Musik. Zusammen zu singen oder, wenn wir selbst keinen Ton herausbringen, uns durch den Gesang der anderen tragen zu lassen. Gemeinsam nach Worten zu tasten, die unsere Gedanken und Empfindungen ausdrücken. Gemeinsam vor Gott an die zu denken, die beim Absturz des Flugzeugs ihr Leben verloren. Gemeinsam zu beten. So strecken wir uns aus nach ihm, dem Schöpfer allen Lebens. Denn in all unserer Fassungslosigkeit wollen wir auch hoffen können: dass es Antworten geben wird, die uns helfen mit dem Geschehenen umzugehen. Dass sich Trost finden wird für die Hinterbliebenen, für die Verstörten, für uns alle. Vertrauen möchten wir, dass die beim Absturz gewaltsam Gestorbenen bei Gott geborgen sind. Dass auch wir bei ihm Geborgenheit finden. Nach Zutrauen suchen wir: dass Gott alle bei sich birgt, die durch den Tod jäh getrennt wurden: die Menschen, um die wir jetzt trauern und auch uns in unserer Ohnmacht.

Womit können wir uns trösten? Es gibt Worte, die sprechen von Hoffnung mit ansteckender Gewissheit. Wir finden sie in der Bibel:

‘Liebe Schwestern und Brüder, ich bin gewiss: Nichts gibt es, Tod nicht noch Leben, nicht Himmelsgeister und nicht Herrscher der Welt, nicht das Heute und nicht das Morgen, nicht die Mächte hoch oben und in der Tiefe, nichts gibt es, was immer auch geschaffen ist, das uns trennen kann von der Liebe Gottes, in Christus Jesus unserm Herrn.’ (Römer 8, 38f.)

Der Tod kann uns von geliebten Menschen trennen - von heute auf morgen. Der Tod kann uns unerwartet treffen. Das ist uns erschreckend deutlich. Auch gibt es Untiefen in Menschen, die sie dazu bringen Leben zu zerstören. Untiefen, die wir nicht begreifen. Diese Wahrheit hat uns erneut eingeholt. All das erschreckt uns und macht uns hilflos. Wer kann für sich sagen, auf so eine Situation vorbereitet zu sein? Dennoch gibt es Kundige, die Wege kennen, mit Hilflosigkeit und Schrecken umzugehen. Sie kennen tröstende Worte. Sie sprechen aus Erfahrung, weil sie selbst Bedrückendes erlebt haben. Deshalb sind sie behutsam. ‘Liebe Schwestern und Brüder, ich bin gewiss, nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.’ Solche Glaubensgewissheit darf und kann man nur anbieten. Man kann sie anderen zur Verfügung stellen. Auf diesem Weg haben viele dieser Gewissheit Raum in ihrem Leben gegeben und die Erfahrung gemacht, dass sie trägt.

‘Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.’ Diese Worte der Gewissheit dürfen auch wir uns borgen in den gegenwärtigen Tagen der Trauer und Verunsicherung. Wir können uns in sie hinein bergen. Wir dürfen uns an ihnen festhalten und aufrichten, und schauen, welchen Halt sie uns geben.

‘Liebe Schwestern und Brüder, ich bin gewiss, nichts, nicht Tod, nicht Leben kann uns trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus.’ Amen.“

Die Welt nimmt Anteil

Oberbürgermeister Thomas Geisel erhielt zahlreiche Kondolenzschreiben aus aller Welt. „Ich danke allen, die mit uns um die Menschen trauern, die durch den Absturz ihre Leben verloren haben“, sagte Geisel: „Bei all dem Kummer ist es tröstlich zu wissen, wie viele Menschen mit ihren Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen sind.“