Konzert
Willkommen in Jochen Distelmeyers Welt
07.02.2010 | 16:11 Uhr 2010-02-07T16:11:00+0100Düsseldorf. Irgendwann ging es nicht mehr. Da hatte Jochen Distelmeyer aus Hamburg keine Lust mehr, als Chef seiner Band Blumfeld unterwegs zu sein. Bei den Abschiedskonzerten waren die größeren Hallen ausverkauft, es flossen Tränen.
Der Neustart, eigentlich mehr die Fortsetzung als Solokünstler, scheint schwierig: Die Clubs sind wieder kleiner, ein neuer Markenname nach Blumfeld muss erst wieder aufgebaut werden.
Der Zakk-Club allerdings ist ausverkauft, ein paar stehen draußen und hoffen noch auf Karten. Drinnen herrscht drangvolle Enge, man kann es auch intime Atmosphäre nennen. Und gleich zu Beginn seines bemerkenswerten zweistündigen Konzerts zeigt Distelmeyer, im T-Shirt, das Haar mehr als halblang, zwei Facetten seiner Kunst. Da ist in „Schnee” die ziselierte Naturbeschreibung und da sind die eingeflochtenen Popzitate, „Only the Lonely” und ein kleiner Beatles-Schlenker.
Dabei ist Jochens Welt keineswegs purer Pop. Jede Geste, die hochgereckte Faust, das „Go, go” bei „Hiob” im Alan Vega-Sound, die Aufforderung zum Mitsingen, „Sagt es allen, wir sind frei”, stets wird die populäre Geste mit einer gewissen Ironie dargestellt, man darf sich freuen, aber mit Rückversicherung, schließlich sind die Gesten alle aufgebracht. Die Texte aber keineswegs, auch auf seinem Soloalbum „Heavy” (schon wieder Ironie?) gibt es so schöne Zeilen wie in „Regen”: „Heller Wind, und silbern fällt der Regen auf die Welt.” Vieles geschieht scheinbar „Einfach so”, hat aber oft doppelten Boden. „Bleiben oder gehen” wird da zur existenziellen Frage, und neben die vielen Liebeslieder stellt Distelmeyer „Viel zu früh und immer wieder - Liebeslieder.”
"Ich habe dich vermisst"
Seine vierköpfige Band spielt kompakt und schnörkellos, kann sich aber auch wie bei „Schmetterlings Gang” in psychedelische Höhen schrauben. Und auch die Kommunikation mit dem Publikum, das sich immer mehr erwärmt, was nicht nur der Temperatur liegt, wird intensiver. „Ich habe dich vermisst!”, ruft eine Frau. „Jetzt machst du mich aber verlegen”, entgegnet der Sänger. Und der hat bei den vielen Zugaben noch ein wunderschönes Cover im Repertoire. „Dancing Barefoot” von Patti Smith mit seinem mystischen Grundton und der gesprochenen Lyrik kommt Distelmeyer sehr entgegen.
„Oh god, I melt for you”, singen die Fans und zerschmelzen dabei für einen 42-jährigen, sehr speziellen Popstar. Ein schönes Konzert, der Übergang vom Bandsänger zum Solokünstler ist gelungen. Nur „Verstärker” fehlt am Ende, es kann ja nicht alles gleich bleiben. Jetzt heißt der letzte Song „Murmel” und handelt von uns allen.
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