Wie ein Facebook-Profil half, Geisel zum OB zu machen

Wie stellt man sich jemanden vor, der einen großen Teil seines Lebens online verbringt? Jeans und Kapuzenpulli? Dicke Hornbrille? Es ist ein Donnerstag im Dezember. Mittagszeit. Das „Café a GoGo“ an der Schwerinstraße in Pempelfort hat noch zu. Draußen scheppern Getränkekisten in den Kellerschacht. Es hängt der Geruch geschlossener Eckkneipen in der Luft. Auf der Bank an der Wand sitzt Bea Kallen, die eigentlich Beate heißt, vor sich ein Netbook. Wo waren doch gleich noch die Fotos aus der „Titanic“-Bar auf Mallorca? Oder vielmehr vom Revival der Stammgäste, das sie im Sommer dort organisiert hat?

Die 54-Jährige ist das Gegenteil von einem Nerd: schwarze Haare, schwarze Kleidung, breites Lächeln von knallrot geschminkten Lippen. „Wenn ich lache, habe ich keine Augen“, sagt sie dem Fotografen. Lacht, und sitzt im nächsten Moment wieder vor dem Gerät, das sie mit der virtuellen Welt verbindet. Mehrere Facebook-Profile muss Bea Kallen im Blick behalten, mit Posts, Kommentaren und Statements bestücken. Eins heißt Bea Kallen, ihr bekanntestes ist aber „Unser Veedel für Thomas Geisel“. Es hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Düsseldorf seit dem 15. Juni 2014 einen neuen, einen SPD-Oberbürgermeister hat. Erst zwei Wochen vor der Stichwahl hat Kallen, damals kein Parteimitglied, aber tief bewegt von der politischen Wechselstimmung in ihrer Heimatstadt, quasi in einer Nachtaktion mit dem Pantomimen Nemo (Wolfgang Neuhausen) „Unser Veedel“ gegründet.

Die Bilanz: Fast 700 Freunde, potenzielle Geisel-Wähler, haben in der heißen Endphase des Wahlkampfs tausende Male die Seite geklickt – und in der realen Welt ihr Kreuz beim SPD-Kandidaten gemacht. Zwischen der OB-Wahl am 25. Mai und der Stichwahl drei Wochen später hatte Geisel mehr als 30 000 Stimmen gut gemacht und mit knapp 60 Prozent deutlich gewonnen. „Politik muss Social Media nutzen“, ist Kallen überzeugt. „Bea hat Thomas Geisel zum Wahlsieg geschrieben“, hat später ein führender Sozialdemokrat gesagt. Geisel wohnt mit seiner Familie – Ehefrau Vera und vieren der fünf Töchtern – nur 200 Meter Luftlinie entfernt von Bea Kallen und ihrem Mann Peter Kallen, dem das Café gehört, ein versierter Live-Musiker, der Jazz und Blues spielt und den sie vor einigen Jahren geheiratet hat.

Geboren in Heerdt, aufgewachsen an der Schillerstraße, ausgebildet als Bankkaufmann (ja, so hieß das damals noch), Inhaberin des Restaurants „Markt 33“ in Benrath, Mutter einer Tochter, entschied sich Kallen 1998 für Mallorca. 14 Jahre lebte sie dort, eine rasante Zeit mit Sonne, Luxus und ihrem „Titanic“. Zweimal suchte sie den extremen Kontrast – auf dem Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela. 800 Kilometer im feuchtkalten Spätherbst. Aus der Wegbeschreibung machte sie ein Buch. Als ihr Vater schwer erkrankte, verließ Bea Kallen die Insel, kehrte zurück nach Düsseldorf. Der Vater starb, sie hatten einige Monate Abschied nehmen können.

Facebook ist für Bea Kallen dasselbe wie ihr Tresen in der Kneipe: ein öffentliches Tagebuch, Bühne für Statements, Meinungen. „Ungeschönt, denn ich bin niemandem etwas schuldig!“ Oder einfach nur Kontaktbörse für echte Freunde. Der donnerstägliche Mädels-Stammtisch, die Live-Konzerte ihres Mannes, der Nachtbus für Obdachlose, für den sie Kleider- und Lebensmittelspenden entgegennimmt, die Armenküche der Franziskaner, die Mobilisierung zur Pegida-Gegendemo, Artikel aus Online-Portalen wichtiger Medien – Bea Kallen ist präsent in den sozialen Netzwerken, positioniert und präsentiert sich. Noch immer als „Unser Veedel für Thomas Geisel“.

Damals, im Wahlkampf hat sie mit Nemo die Aktion „Auf ein Alt mit Thomas Geisel – oder eine Erdbeerbowle“ organisiert. Damals traf sie Geisel, den sie bereits unterstützte, zum ersten Mal persönlich. Fotos in ihrem Facebook-Profil zeigen die beiden. Bea Kallen strahlt auf dem Foto rotlippig – und sogar mit Augen. Am Wahlabend war sie im Rathaus, „wildfremde Leute sprachen mich dort an“, später wurde sie mit anderen Wahlkampfhelfern aus Düsseldorf von SPD-Chef Andreas Rimkus, der auch Bundestagsabgeordneter ist, nach Berlin eingeladen. „Im Willy-Brandt-Haus habe ich gemerkt: hier bist du zu Hause“, sagt Kallen. Der SPD stand sie als Wählerin schon immer nahe. Eingetreten ist sie erst fünf Wochen nach der Stichwahl: „Ich kann doch nicht immer nur meckern, ohne mich einzubringen.“ Den Alltag an der Parteibasis kennt sie noch nicht. Zu wenig Zeit – das Internet, das Texten für Kunden, das sie bisher als Freie macht und am liebsten fest angestellt täte, die Kneipe, die Mädels. Jetzt hat Kallen auch einen Blog gestartet (www.beakallen.blogspot.de): „Das ist noch mal ein neues Format, mich und die Dinge, die mich bewegen, mitzuteilen.“