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Wenn Pilze explodieren

29.10.2012 | 19:03 Uhr
Wenn Pilze explodieren
SCHMELA HAUS: 26.10.2012 - 10.03.2013: Katarzyna Kozyra. Master of PuppetsFoto: nn

Düsseldorf. Sie liebt es, Grenzen zu sprengen, in skurrile (Märchen-)Welten zu entführen: Katarzyna Kozyra. Die polnische Künstlerin stellt im Schmela Haus der Kunstsammlung aus.

Das Peitschen der Schüsse, das Stakkato der Maschinengewehre, die Explosionen sind bereits draußen vor der Tür zu hören. Eine Videoinstallation um Bestrafung und Verbrechen taucht die große Frontscheibe des Schmela Hauses in flackernde Aktion. Und auch der riesige weiße Pilz, der sich im Eingang der Kunstsammlungs-Dependance an der Mutter-Ey-Straße 3 breit macht, droht gleich zu detonieren. Grenzensprengende Wirkung haben die Arbeiten von Katarzyna Kozyra allemal.

Heimlich im Männerbad

In Polen ist die 1963 in Warschau geborene Künstlerin ein Star. Und würde man sie fragen: Was darf die Kunst? antwortet sie vermutlich: Alles!

Spätestens seit der 47. Biennale in Venedig 1999 ist Katarzyna Kozyra auch international bekannt, als sie im Polnischen Pavillon ihre mit versteckter Kamera im Frauen- wie im Männerbad aufgenommenen Videos präsentierte.

Dass sie dabei mehr im Sinn hat als banale Provokation, offenbart sich jedem, der in ihren wildwuchernden Kosmos aus Fotografie, Video, Theater-Requisite, Bildhauerei, Performance und Opernarien einsteigt. Kunst und Leben, Privates und Öffentliches, skurriler Humor und kritische Befragung, Paukenschlag und Sensibilität gehen hier nahtlos ineinander über.

Trotziger Charme

Ihre Schau im Rahmen des Kulturaustauschprogramms „Klopsztanga. Polen grenzenlos NRW“ (die Kunstsammlung zeigte Wolfgang Tillmans bei den Nachbarn) war zunächst in der Zacheta Kunstgalerie in Warschau zu sehen, dem wichtigsten Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst in Polen. In Düsseldorf kommt der umfassende Einblick in das Werk der 49-jährigen Katarzyna Kozyra als eigene Variation daher. „Master of Puppets“. „Eine Diskussion mit verschiedenen Räumen“, nennt es die Künstlerin, die lange in Wien gelebt hat. Dabei macht ihr die dominante, trutzige Beton-Architektur des Schmela Hauses das Ausbreiten nicht leicht.

Doch mit trotzigem Charme, zum Teil auf Puppengröße reduziert, behaupten sich ihre um Körperverständnis, Rollenspiele, Metamorphosen, Märchen und den Kunstbetrieb kreisenden Arbeiten. Im dunklen Untergeschoss steigt der Besucher mit Katarzyna Kozyra ins berühmte Budapester Gellert Bad. Als Mann verkleidet, mit Brusthaar und Penis, die Kamera filmte durch ein Loch in einem Plastikbeutel, fing sie zufällige Bilder der im Jugendstilbad wandelnden und sich waschenden Männer ein. Auf vier Bildschirmen des kleinen Pavillons treffen die Blicke jetzt überwiegend auf Beine, Waden, Unterkörper. Fasziniert hatte es Katarzyna Kozyra bereits bei ihrem heimlichen Dreh im Frauenbad, „dass sich die Frauen dort so natürlich verhielten, so zufrieden mit ihren Körpern!“ Zeigen, wie die Menschen wirklich aussehen, das steckt hinter den Dampfbad-Videos. Allerdings hat die Künstlerin die Gefilmten nicht um ihre Einwilligung gebeten. Zur Schau stellt sie sie jedoch nicht. Die Szenen wirken einfach selbstverständlich.

Die Körper der Anderen

Und gleich nebenan wächst ein enormer Fliegenpilz aus dem Galerieboden. Ein Requisit aus einem Video, das in eine schräge Märchenwelt entführt. Kleinwüchsige sorgen hier für die Zwergenperspektive. Auch Kozyras Gesangslehrer und eine Drag Queen zählen zum Verfremdungs-Personal. Immer wieder schlüpft die Künstlerin in die Körper der Anderen, probiert verschiedene Leben aus. mal als Diva in üppiger Hauthülle im Käfig, mal als Kastratensänger in einer erfundenen Oper. Amüsant ist das Stöbern im Ausstattungsreich ihrer Video-Performances. Ein schriller Kunst-Fundus - vom Zwergenkleidchen bis zu den Hundekostümen Nietzsche und Rilke.

Küche und Kunstmesse

Wie Katarzyna Kozyra schließlich mit ihrem mobilen Performance-Projekt „The Midget Gallery“ die Kunstmessen unterwandert, dafür lohnt es sich, in der Küche des Schmela Hauses Platz zu nehmen. Um zwischen Video und Wandbild das Schmunzeln der Erkenntnis zu genießen.

Ulrike Merten

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