Warum die Düsseldorfer Oper eine Akte bei der Polizei hat

Die Langwaffen muss Georg Winterholler während der Vorstellung an die Schauspieler übergeben.
Die Langwaffen muss Georg Winterholler während der Vorstellung an die Schauspieler übergeben.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Waffenmeister Georg Winterholler sorgt in den Vorstellungen für die Soundeffekte – mit echten Gewehren. Und die müssen offiziell registriert sein.

Düsseldorf..  Das Blut darf keine Sekunde zu früh fließen, der Schuss aus der Waffe keinen Moment zu früh knallen. Was sich vor den Augen der Zuschauer in der Düsseldorfer Oper mühelos abzuspielen scheint, ist für Georg Winterholler harte Arbeit. Vor allem bei einer Aufführung voller Effekte wie der „Carmen“. Jede Menge Leidenschaft ist im Spiel. Es wird geliebt, gekämpft und gestorben. Mit Ohrschützern ausgestattet steht der Waffenmeister während der Vorstellung an der Bühnenseite und muss im richtigen Moment den Schuss abgeben. Die Sänger halten die ungeladenen Waffen und tun nur so als ob.

„Das sieht im Publikum kein Mensch“, sagt Winterholler. Den Zünder für das aus der Wunde klaffende Filmblut betätigt er auch aus seinem „Versteck“ hinter dem Vorhang heraus. Der zierliche Mann federte jahrelang selbst als Ballett-Tänzer über die Düsseldorfer Bühne, bevor er sich nach einem mehrtägigen Lehrgang Waffenmeister nennen durfte. Gemeinsam mit seinem Kollegen Rolf Pietzsch hat der 51-Jährige die Verantwortung für alle echten Waffen des Opernhauses. Beide sind auf der Waffenbesitzkarte eingetragen.

Die potenziellen Mordinstrumente lagern 15 Meter tief unter der Oper, gleich neben den U-Bahn-Schächten. Dass sich dort ein mittelgroßes Waffenarsenal befindet, wissen in Düsseldorf nur wenige. 40 Pistolen und 60 Langwaffen, ein Großteil stammt aus den 70er und 80er Jahren. Rund 150 Degen gibt es, zwei Dutzend Karabiner sind noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Einige wären funktionstüchtig, bei anderen ist der Lauf verschlossen.

Wer in die Kammer mit den Panzerschränken gelangen will, muss erst den riesigen Fundus mit mehr als 40 000 Kostümen durchqueren. Die schwere Eisentür zum Waffenraum liegt versteckt hinter einem Ständer mit alten Roben. Immer wieder hört man die Züge vorbeirumpeln. In dem kleinen Kämmerchen mit flackernder Neonbeleuchtung lagern außerdem Hirschfänger, Macheten, Degen und Florette - allesamt stumpf gemacht.

„Auch das gehört zu den Aufgaben der Waffenmeister“, sagt Winterholler und fährt mit einer spitz aussehenden Klinge an seinem Arm entlang. Nicht mal eine weiße Kratzspur bleibt auf der Haut zurück. Wenn Waffen auf der Bühne benötigt werden und sei es auch nur für die Proben, muss einer der Waffenmeister dabei sein. So sehen es die Sicherheitsvorschriften der Oper vor.

Requisite legt Wert auf Echtheit

Im Arsenal hinter dem Kostümfundus lädt Winterholler die Gewehre und Pistolen auf einen Wagen, sichert sie mit einem dicken Schloss und bringt sie zur Bühne. Erst nach einer Kontrolle dürfen sie an die Sänger ausgehändigt werden. Wer von den Brettern runter will, muss die Waffe sofort wieder abgeben. „Mal kurz ein Päuschen machen und irgendwo abstellen, ist nicht erlaubt. Und rumalbern damit schon gar nicht“, da muss Winterholler streng sein.

Bei der Polizei in Düsseldorf hat die Oper eine eigene Akte – das verwundert dort auch langjährige Mitarbeiter immer wieder, wenn ihnen der Vorgang im Ablagesystem in die Hände fällt. „Die Oper könnte ja auch mit Attrappen arbeiten“, meint ein Polizeisprecher. So aber ist die Behörde verpflichtet, in regelmäßigen Abständen zu überprüfen, ob Pietzsch und Winterholler noch eine „weiße Weste“ haben und die Waffen sicher aufbewahrt werden.

Nachbildungen wie Handgranatenfälschungen oder Messer, in denen die Fake-Klinge verschwindet, kommen in der Oper zwar auch zum Einsatz, dennoch legt die Requisite Wert auf viel Echtheit. „Den Unterschied bei Pistolen oder Gewehren würden die Zuschauer erkennen“, ist Winterholler sicher. „Schon allein vom Geräusch her, wenn die Sänger mit der Waffe auf den Bühnen-Boden stampfen, oder auch vom Umgang mit dem Gewicht.“ Dennoch betont er: „Wir sind definitiv keine Waffennarren.“