VRE-Keim in Frühchenstation - Tückische Lücke bei Bekämpfung

In einem Düsseldorfer Krankenhaus hat sich der VRE-Keim auf einer Frühchenstation ausgebreitet. Die Ausbreitung sei mittlerweile im Griff, sagt die Klinik. Eltern sind jedoch verunsichert. Das Foto ist ein Symbolbild.
In einem Düsseldorfer Krankenhaus hat sich der VRE-Keim auf einer Frühchenstation ausgebreitet. Die Ausbreitung sei mittlerweile im Griff, sagt die Klinik. Eltern sind jedoch verunsichert. Das Foto ist ein Symbolbild.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Nach dem Ausbruch von VRE-Keimen an einer Frühchenstation in Düsseldorf ist die Ursache noch nicht gefunden. Das macht auch der Klinik Sorgen.

Düsseldorf.. Der Ausbruch eines VRE-Keims in der Kinderintensivstation des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf-Kaiserswerth bereitet an der Klinik weiter Kopfzerbrechen:

  1. Weil die Ursache der Ausbreitung auch einen Monat nach dem ersten Befund über den VRE-Keim noch nicht fest steht.
  2. Weil noch nicht klar ist, ob es sich bei den "besiedelten" Frühchen tatsächlich um den genetisch gleichen Keim handelt.
  3. Und weil manche Eltern, deren Kinder an der Klinik behandelt werden, sich nun nachträglich große Sorgen machen.

Eine Mutter, die kurz nach dem Auftauchen des Keims in der Klinik entbunden hat, wirft der Krankenhaus nun gar Körperverletzung vor. "Hätte ich gewusst, dass in der Station der Keim ist, hätte ich dort nicht entbunden", sagt die junge Frau aus Düsseldorf, die ungenannt bleiben will.

Am 5. März hatte die Klinik den Befund, dass der Keim bei einem der Kleinstkinder eine Infektion ausgelöst hatte und ein weiteres Frühchen den VRE-Keim im Darm trug. Wenige Tage danach wurde die Düsseldorferin in der Klinik entbunden. "Wir hatten uns nach einer Kreißsaalbesichtigung dieses Krankenhaus ausgesucht, weil wir uns dort gut aufgehoben fühlten". Die Geburt kam jedoch überstürzt, per Not-Kaiserschnitt. Acht Tage später wurden auch in ihrem Kind VRE-Keime festgestellt. "Wir möchten uns nun rechtlichen Beistand holen", sagt die Mutter. Weil die Klinik es nicht verhindert habe, dass der Keim auch auf ihr Kind überspringt. Und weil sie glaubt, dass auch sie sich mit dem Keim hätte anstecken können.

VRE-Keim - "Infektionsausbruch" oder nur Kolonisation?

Es geht um eine Lücke von ungefähr eineinhalb Wochen zwischen dem ersten Nachweis des VRE-Keims an zwei Frühchen und der Erkenntnis an der Klinik, dass es sich tatsächlich um einen "Infektions-Ausbruch" handelte, wie ihn das Infektionsschutzgesetz in Deutschland definiert. Hätte die Klinik bereits ab dem 5. März keine Patienten mehr neu aufnehmen dürfen, wie sie es erst Mitte März für ein paar Tage tat? Hätten die umgehend eingeleiteten Hygiene-Maßnahmen gleich auf die gesamte Station ausgeweitet werden sollen und nicht nur auf die anfangs zwei betroffenen Frühchen?

Hygiene "Das ist eine schwierige Abwägung", sagt Prof. Alexander Friedrich, Hygiene-Experte an der Universität Groningen in den Niederlanden. Dass der Keim letztlich auf insgesamt 13 Frühchen übergetreten ist, hätte sich aus seiner Sicht und nach den vorhandenen Informationen aus Medienberichten wohl kaum verhindern lassen, meint er. Zudem hatte die Klinik das zuständige Gesundheitsamt der Stadt Düsseldorf schneller als sie gesetzlich musste informiert. Unter Aufsicht der Behörde ging man dann gegen den Keim vor, wie Amtsleiter Klaus Göbels bestätigt und ausdrücklich lobt.

Viele Fragen sind jedoch noch offen:

Ist VRE-Keim bei den Frühchen genetisch identisch?

VRE-Keime sind schwer nachzuweisen, sagt Friedrich - jedenfalls mit den herkömmlichen Screenings, wie sie an hiesigen Krankenhäusern üblich sind: "Die Auswertung solcher Standardtests dauert bis zu fünf Tage", sagt Friedrich. Da kann sich ein Keim längst auch auf andere Patienten ausgebreitet haben. Bis man das an einer Klinik jedoch bemerke, können ein bis zwei Wochen vergehen, weil sich der Darmkeim erst langsam im Darm etabliert und sich nicht zwingend Infektionen zeigen müssen. Die sind heikel, könnten jedoch mit speziellen Antibiotika behandelt werden. Bei geschwächten Personen oder Frühchen, deren Immunsystem noch nicht ausgereift ist, können Infektionen risikoreich sein.

Wichtig sei nun auch zu klären, ob es sich um den genetisch identischen VRE-Keim handelt, der bei den 13 Frühchen festgestellt wurde, meint Friedrich. Laut Klinik laufen diese Untersuchungen noch.

Krankenhauskeim "Wenn es unterschiedliche Subtypen der Keime sind, ist die Wahrscheinlichkein hoch, dass der Keim nicht im Krankenhaus übertragen wurde". Dagegen könne sich keine Klinik schützen. Friedrich: "Bei Erwachsenen kann es auch sein, dass jeder einen anderen VRE-Keim in sich trägt". Auch bei einer Entbindung zum Beispiel könnte der Darmkeim dann übertragen werden. Wenn er sich mal im Darm eines Frühchens angesiedelt hat, kann man ihn wiederum durch Kontakt, etwa beim Wickeln und Pflegen weitertragen.

VRE-Keime sind hartnäckig

Bisher gibt es nur Vermutungen, wie der VRE-Keim sich in der Station einnisten konnte. Laut Klinik habe sich der Keim seit Ende März nicht mehr weiter ausgebreitet. Alle in Frage kommenden Kontaktflächen seien untersucht worden - "ohne Befund", sagt Oberarzt Michael Berghäuser. Dazu gehörten etwa Katheter, Milchpumpen, Wickelauflageflächen, Ultraschallgeräte oder auch Computermonitore. Für Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige der betroffenen Frühchen seien die Hygienemaßnahmen verschärft worden; die betroffenen Kleinstkinder dürfen seitdem nur in Schutzanzug und mit Einweghandschuhen besucht werden; sie seien in gesonderten Räumen untergebracht worden, sagt die Klinik.

VRE-Keime sind hartnäckig, sie können sich bis zu 150 Tage auf Oberflächen halten. Für Stations-Oberarzt Berghäuser ist es deshalb "sehr unbefriedigend, dass wir die Usache der Ausbreitung nach wie vor nicht kennen: Ich könnte besser mit einem Fehler umgehen, weil wir dann wissen, was wir korrigieren müssen", sagt er. So stehe nun im Raum, "dass wir irgendwo in den Abläufen eine Lücke hatten. Die dann eingeleiteten Maßnahme zeigten mittlerweile jedoch Erfolg, sagt er: "Der Keim hat sich seit Ende März nicht mehr weiter verbreitet".

Klinik hat Telefon-Hotline für Eltern eingerichtet

Dass Eltern der Klinik vorhalten, sie seien nach dem Keim-Befund vom Personal auf der Station nicht informiert sondern vertröstet oder ihrem Empfinden nach zu Unrecht beruhigt worden, hat bei einigen den Verdacht beflügelt, die Klinik hätte den Keim-Ausbruch lange vertuscht. Gesundheitsamts-Leiter Göbels weist diese Vorwürfe zurück. Die Klinik hat deshalb jüngst eine Telefon-Hotline eingerichtet, um besorgte Eltern zu informieren. Zu erreichen ist sie unter der Düsseldorfer Telefonnummer: 0211/409-3555.

Für Unbehagen gesorgt hat auch die Angabe der Stadt Düsseldorf, die Klinik hätte das städtische Gesundheitsamt erst vier Wochen nach dem ersten Keim-Befund informiert. Amt und Klinik betonen nachdrücklich, die Behörde sei bereits am 5. März von der Situation in Kenntnis gesetzt worden und man daraufhin hätte alle notwendigen Schritte eingeleitet. Stations-Oberarzt Berghäuser räumt jedoch ein, es sei wohl ein Fehler gewesen, nur die direkt betroffenen Eltern über den Keim zu informieren. Hier aber sah man sich in der Klinik "auf einem schmalen Grat", wie Sprecherin Melanie Bodeck erklärt: "Eltern bei uns sind ohnehin schon sehr belastet" - durch ihre Frühgeburt und in Sorge um ihre Frühchen. Man habe Panik vermeiden wollen.

Wie sieht die Situation jetzt aus?

Verschärfte Hygiene an Klinik wohl noch über Wochen

Aktuell sind noch fünf Frühchen auf der Station, vier haben den Keim im Darm, aber keine Krankheitszeichen. "Patienten ohne Antibiotika sind besser gegen VRE-Keime geschützt", sagt Hygiene-Experte Prof. Alexander Friedrich: Weil sich die VRE-Keime gegen andere Keime in ihrer Darmflora durchsetzen müssten. In den meisten Fällen würden sie zu keinen Erkrankungen führen; der Keim kann sich auf Dauer im Körper halten, werde mitunter aber auch nach einiger Zeit nicht mehr nachweisbar. Gefährlich sei es, wenn der VRE-Keim in die Blutbahn komme und etwa eine Blutvergiftung auslöse, sagt Friedrich.

Unterdessen versichert man an der Klinik, die verschärften Hygieneauflagen würden so lange aufrecht erhalten, bis der Keim sicher nicht mehr nachgewiesen sei. Das könne noch mehrere Wochen dauern. Dazu würden nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Institus folgend wöchentlich Abstriche gemacht - an verschiedenen Körperstellen von Patienten, beim Personal und auch an technischen Geräten. Analysiert werden die Ergebnisse in einem externen Labor in Köln.

Gesetzgeber muss Infektionsschutzgesetz verschärfen

Den Zwang zu Konsequenzen aus dem VRE-Ausbruch an der Frühchenstation in Düsseldorf-Kaiserswerth sieht Prof. Alexander Friedrich indes beim zuständigen Gesetzgeber: "Das Infektionsschutzgesetz muss in diesem Punkt angepasst werden". Bereits ein Ausbruch mit einer Besiedlung ("Kolonisation") durch gefährliche Keime müsse meldepflichtig sein, nicht erst ein Ausbruch von Infektionen, meint er: "Ansonsten kommt man immer zu spät".

Am Florence-Nightingale-Krankenhaus habe man deshalb gut daran getan, schneller als vorgeschrieben das Gesundheitsamt zu informieren. Dass sich der Keim danach noch auf weitere Kinder ausgebreitet hat, sei wohl auch "unglücklichen Umständen zuzuschreiben", meint Friedrich: "Es ist wohl genau in der zeitlichen Grauzone passiert, in der man an der Klinik noch nicht wusste, ob es sich wirklich um einen echten VRE-Ausbruch handelt".