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Von Publikumslieblingen und Plagegeistern

22.01.2015 | 00:12 Uhr

Stadtmitte. Die Natur hört ebenso wenig am Waldrand auf, wie sie am Zaun eines Kleingartens beginnt. Sie ist Teil der ganzen Stadt, die Stadt ist Natur, und das nicht nur in Form von Pflanzkübeln, Rasenflächen und konzipierten Parkanlagen. Man braucht sich nur umzublicken, um zu erkennen, dass Düsseldorf selbst ein gewaltiger und differenzierter Lebensraum ist, den nicht nur Menschen, sondern auch Wildtiere mit Selbstverständlichkeit nutzen.

Wir sind nie allein, noch nicht einmal „unter uns“, auch nicht dann, wenn wir als vermeintlich einsame Jogger unsere Runden durch den nächtlichen Volksgarten ziehen oder als Fußgänger im ersten Morgenlicht unter S-Bahn-Brücken hindurch zur Arbeit gehen. Der ohrenbetäubende Lärm der leeren Güterzüge auf den Schienen stört die in den Nischen unter der Brücke brütenden Tauben nämlich nicht im Geringsten. „Die Wildart unserer Stadttaube ist ein Felsenbrüter“, erklärt Tobias Krause, Ornithologie-Experte des Gartenamtes. „Sie brütet in Felshöhlen in mediterranen Meeresbuchten. Dort herrscht permanent ein Geräuschpegel, den man mit Fluglärm vergleichen kann.“ Die Tiere hätten gelernt, dass sie in der Stadt kaum Feinde haben und ihre Brut dort nicht gestört wird. Dass Tauben vor den Imbissbuden der Innenstadt genügend zu fressen finden, ist sicher auch keine Überraschung.

Düsseldorf kann aber auch exotisch: Mittlerweile gibt es in der Stadt etwa sechs Wanderfalkenpaare, die unter den Rheinbrücken, an Schornsteinen und in Kirchtürmen ihre Jungen aufziehen. Wo genau, darf Krause nicht verraten, zu groß ist das Risiko von menschlichen Eierdieben, die das Gelege an Jagdfalkenzüchter aus Saudi-Arabien verkaufen.

Ein präsenterer Bewohner der Stadt ist das Kaninchen, das sich im Volks- und Hofgarten zum Publikumsliebling entwickelt hat, an den Rheinwiesen aber schon zur Plage wurde und aus den Höhlen gejagt werden musste. Sein größter Feind ist weder Mensch, Fuchs, noch Hund, sondern ein Virus, dass sich in den mehrere tausend Tiere umfassenden Populationen in der Stadt besonders schnell ausbreiten kann. „Das gibt es aber nicht nur in der Stadt“, sagt Krause. Allerdings werden die krankheitsbedingten Tode durch die hohe Konzentration der Tiere hier besonders deutlich. „Natur ist immer Leben und Tod“, sagt Gartenamtsleiterin Doris Törkel. Der Mensch habe durch seine emotionale Sichtweise auf die biologischen Grundprinzipien mit dem Tod aber seine Probleme. Klaus Meyer vom Amt für Verbraucherschutz kennt das Thema: „Viele Leute glauben zum Beispiel, sie tun Igeln etwas Gutes, wenn sie ein krankes Tier zu Hause hochpäppeln. Man muss aber unterscheiden zwischen Tierschutz und Artenschutz.“

Für Arten wie das Kaninchen gebe es durch extensive Landwirtschaft laut Krause außerhalb der Stadt immer weniger Lebensräume. „Die Tierdichte in der Stadt ist weit höher als auf dem Land“, so der Biologe. „Ebenso ist es mit der Elster. Die verdrängt ihrerseits übrigens keine Singvogelarten, Ökologen ist das seit Langem bekannt.“ Die Räuber-Beute-Beziehung zwischen dem Rabenvogel und Singvögeln bedeute keinen Schaden für Letztere, sondern sei ein ganz normales Naturprinzip, das den Kleingärtner aber oft schockiere, der es aus nächster Nähe beobachten muss. Kanadagänsen, Kaninchen und sogar Rehen ist der urbane Lebensraum nicht neu. Ungewohnt dürfte für uns aber der Gedanke sein, dass einige dieser Arten in den Häuserschluchten „unserer“ Stadt eine Bleibe gefunden haben, die nicht nur eine kurzzeitige Zuflucht oder ein ökologisches Kuriosum ist, sondern ein neues Zuhause.

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