Von der Kinokarte bis zum Flugticket

Flingern..  Wer das Antiquariat von Christoph Wilde an der Birkenstraße betritt, könnte den Eindruck haben, es handele sich bei der Einrichtung des Ladens um ein künstlerisches Experiment: Wie viele Bücher passen auf 40 Quadratmeter – aber so, dass man sich in dem Raum noch bewegen kann? Christoph Wilde sitzt hinter dem Schaufenster und arbeitet am Computer hinter einem Wall von gestapelten Büchern und Bananenkisten voll mit Büchern. Seit er vor fünf Jahren in das Ladenlokal gezogen ist, sind die Bücher immer mehr geworden.

„Es kommen viel mehr Bücher rein als rausgehen“, sagt der 45-Jährige. Manchmal versucht er, welche wegzuwerfen. Bei einigen klappt es dann, bei anderen schreckt er dann doch davor zurück. Spricht man ihn darauf an, dass er so etwas wie ein leidenschaftlicher Sammler ist, findet er eine bessere, humorvollere Formulierung: Er sei eben „im Nachhaltigkeitsbusiness unterwegs“.

Christoph Wilde ist eben auch ein Mann des Wortes. Als studierter Literaturwissenschaftler lebte er zunächst von Übersetzungen. Irgendwann hatte er davon genug und begann einen Versandhandel mit antiquarischen Büchern. „Ich habe meine private Bibliomanie ins Berufliche verlagert“, erklärt Wilde. Weil er nicht nur alleine im Kämmerlein arbeiten wollte, bezog er den Laden. „Den Großteil des Umsatzes mache ich mit dem Versand über das Internet“, sagt er.

Aber das Ladenlokal mache Sinn, weil es ihm andere Möglichkeiten eröffne, beispielsweise bekomme er mehr Bücher und ganze private Bibliotheken angeboten. Wenn Kunden in den Laden kommen, fragen sie häufig nach einem speziellen Titel wie Hermann Hesses Siddhartha. Eher selten passiert es, dass jemand einfach nur zum Stöbern kommt, um ein Buch zu entdecken, von dem er vorher noch nie gehört hat.

Das bedauert Wilde, der früher oft selbst gerne in Antiquariaten auf der Suche war. An die 20 000 Titel gehen im Jahr durch seine Hände, schätzt er. Entscheidet er sich für den Kauf, dann entnimmt er den Büchern die Lesezeichen, die noch darin stecken und sammelt sie in einem großen Karton.

„Das ist ein tolles Grundmaterial, um damit künstlerisch etwas zu machen“, sagt er. Beispielsweise hatten vor einiger Zeit Andrea Knobloch und Oliver Gather, die das Kunstprojekt „Gasthof Worringer Platz“ betreiben, eine Ausstellung mit Schautafeln von ausgewählten Lesezeichen organisiert.

Damals hatte Wilde den Künstlern zwei große Umzugskartons mit Lesezeichen übergeben. Insofern sind seine Vorräte gerade auf den Karton mit hunderten und aberhunderten Zetteln und Pappen zusammengeschrumpft. Wer den Deckel öffnet, der findet Alltagsgegenstände aus den vergangenen Jahrzehnten.

Platt gepresstes Bonbonpapier mit kyrillischer Schrift und dem Bild von Erdbeeren. Eine Postkarte von einer Hildegard, die eine „gute Fahrt und anregende Urlaubstage im Süden Deutschlands“ wünscht. Eine andere Karte geht an eine Dorle, die die Schreiberin im Umzugsstress wähnt.

Das Ticket von einem Hapag Lloyd Flug mit unbekanntem Ziel aber Sitzplatz 13C diente ebenso als Lesezeichen wie eine Lochstreifenkarte, auf der Termine für Prüfungen vermerkt wurden. Und zwischendrin dann ein Bild von Greta Garbo, das für ein Sammelalbum von Filmstars vorgesehen, das für 0,75 Reichsmarkt zu kaufen war. So könnte man Stunden und Aberstunden damit verbringen, die Zettel und Bildchen anzuschauen, die Leser in den Bücher hinterlassen haben.

Und der Nachschub reist nicht ab. In der Ackerstraße hat Wilde nach ein Lager mit anderen Büchern. „Das ist teilweise noch Terra incognita.“

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE