Vom Traum, das gesamte Wissen zu erfassen

Die Universität hütet einen Schatz, den kaum jemand kennt: Der Ort der Wissenschaft besitzt eine Sammlung von 6000 Enzyklopädien und Lexika aus sechs Jahrhunderten. Dieser Fundus wurde in den vergangenen Jahren mit Fingerspitzengefühl und enormem Aufwand restauriert, viele Bücher waren in miserablem Zustand und mussten vom Schimmel befreit werden. Nun zeigt die Zentralbibliothek eine Auswahl dieser Kostbarkeiten. Und vermittelt die Erkenntnisse eines Forschungsprojektes angehender Historiker, das sich mit dem gesammelten Wissen der Vergangenheit auseinandersetzt.

Heute ist das Wissen der Welt ist ein kaum zu fassendes Universum aus Erkenntnis und Sprache, zu umfangreich, um es zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Meist füllen Nachschlagewerk einen Meter Buchregal und mehr. Außerdem: Wenn ein Lexikon fertig wird, ist es schon nicht mehr aktuell und erfordert eine nächste Ausgabe. Aber mit dieser Herausforderung lebten auch schon die Autoren der frühen Nachschlagewerke. Für sie wurde die Arbeit an einem Lexikon zur Lebensaufgabe – oft über Jahrzehnte. Ihr größter Feind schon damals: das galoppierende Wissen. Eines der berühmtesten Werke, entstanden über 20 Jahre, ist das „Grosse Vollständige Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste“ vom Verlag Zedler aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. 64 Bände prall gefüllt mit den Erkenntnissen jener Zeit.

Dabei stellten die Studierenden fest, dass schon damals hemmungslos zitiert wurde (ohne Quellen zu nennen) und die Autoren gern voneinander abschrieben. „Außerdem wird klar, dass auch ein Lexikon keineswegs objektiv ist“, meint Professor Achim Landwehr, der das Projekt leitete. Da schildert „Achenbachs Allgemeines Kirchenlexikon“ von 1850 die Kirchenreformen von Papst Leo IX. mit positivem Unterton, kritisiert aber seine weltlichen Feldzüge: „Nie gelang recht eine Unternehmung, wo sich Päpste selbst an die Spitze vor Armeen stellen.“

Und in der berühmten Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert (in der zweiten Auflage von 1780), einem Bestseller seiner Zeit, lassen sich kleine, böse Hiebe finden, die eine Geisteshaltung spiegeln: Da wird unter dem Stichwort „Abendmahl“ der christliche Umgang mit der Hostie erläutert. Ein Querverweis schickt die Leser zur „Menschenfresserei.“ Kein Wunder, dass das Werk immer wieder zensiert werden sollte, „nur seine Popularität bewahrte es davor“, so Landwehr.

Viele Erkenntnisse, die die alten Enzyklopädien noch als neuestes Wissen wiedergeben, wurden schon bald von der fortschreitenden Wissenschaft überholt. So schildern alte Medizin-Lexika, dass der Körper von vier Säften beherrscht wird, ab Mitte des 18. Jahrhunderts wusste man es dann besser. Zur gleichen Zeit glaubte man noch, dass die Erdatmosphäre aus einem Stoff bestand, der Phlogiston genannt wurde – bis zur Entdeckung des Sauerstoffs. Schon mussten die Nachschlagewerke wieder umgeschrieben werden.

Ein Ergebnis des Projekts: Wie das Wissen für Lexika gesammelt, gefiltert, wiedergegeben oder auch weggelassen wurde, erzählt viel darüber, was Menschen in einer bestimmten Epoche wichtig war. So berichtet die „Encyclopedia Britannica“ über Madagaskar kaum etwas von Landschaft und Fauna, umso mehr über eine spezielle Metallverarbeitung, die der europäischen wohl überlegen war. Und von den Menschen, die mit „schwachem Geist“ und großer Muskelkraft geschildert werden.

Die Uni-Bibliothek zeigt im Foyer 15 Enzyklopädien vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die kostbaren Bücher liegen in Vitrinen, begleitet von den Ergebnissen eines Projektseminars von angehenden Historikern Zeiten Die Ausstellung ist bis zum 25. Januar 2015 während der Öffnungszeiten der Bibliothek zu sehen, Montag bis Freitag von 8 bis 24 Uhr, am Wochenende von 9 bis 24 Uhr.