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Verlorene Kindheit

11.03.2010 | 08:01 Uhr
Verlorene Kindheit

Düsseldorf. Hans-Joachim Krappen ist ein Mann, der Schlimmes durchgemacht hat und der nicht vergessen kann.

Als er die jüngsten Berichte über Misshandlungen von betreuten Kindern las, „kam bei mir alles wieder hoch.“ Seine Erinnerungen, sein Leben in Heimen für Schwererziehbare, die Entwürdigungen, die harte Männerarbeit, die er als Bub verrichten musste, die Schläge, das Einsperren, der sexuelle Missbrauch. Hans-Joachim Krappen ist 59 Jahre alt, Düsseldorfer, Hartz-IV-Bezieher. Ein ehemaliges Heimkind. Wenn er heute davon erzählt, kommen ihm die Tränen, erstickt fast seine Stimme, als wäre es erst gestern passiert. Die Kindheit, die ist ihm gestohlen worden.

Als er sieben Jahre alt war, 1957, starb seine Mutter an Krebs. Der Junge wurde von einem Heim ins andere geschickt - nach Hamburg, Wolf an die Mosel, Solingen, Köln, Düsseldorf - quer durch die halbe Republik.

„Ich bin abgehauen, es
war nicht zu ertragen“

„Ich bin überall abgehauen, es war nicht zu ertragen. Misshandlungen und Prügel mit dem Rohrstock waren an der Tagesordnung. Körperliche Züchtigungen gehörten zur Routine“, berichtet der Arbeitslose.

Auch das Graf-Recke-Stift in Einbrungen hat er in schlechter Erinnerung. 1965 wurde der Ausreißer am Hauptbahnhof von der Polizei aufgegriffen und zum Heim an die Einbrunger Straße gebracht. „Die haben mich weggesperrt. Die Erzieher haben die Zöglinge aufeinander gehetzt. Da galt das Faustrecht.“ Und wenn man sich den Rücken krumm machte und den Fußboden blitzblank wienerte, „dann hieß es: Gut gemacht und jetzt noch einmal von vorne.“

Die furchtbarsten Erfahrungen machte der Junge im Don Bosco Heim in Köln. „Abends wurden wir vom Erzieher im Bett zum Oralverkehr gezwungen. Wir mussten unseren Popo hinhalten, damit er sein Vergnügen hatte. Wir konnten uns nicht wehren.“ Auch im Don Bosco Heim an der Schützenstraße in Düsseldorf sei er sexuell missbraucht worden. Heute sind diese Straftaten längst verjährt. Und damals? „Da hätte uns keiner geglaubt. Auch das Landesjugendamt nicht. Weil nicht sein sollte, was nicht sein durfte.“

Eine Chance für die Zukunft, die sah er nicht. An der Mosel wollte er aufs Gymnasium. Wozu?“, hatte ihm der Erzieher geantwortet. „Du kommst eh’ in den Knast.“ Wie die meisten Heimzöglinge. Er musste mit seinen Kinderhänden schwer schuften. Bis zu zwölf Stunden am Tag auf dem Weinberg, in einer Gießerei, an der Werkbank. „1800 Kugelschreiber setzten wir pro Tag zusammen. Die haben richtig Geld mit uns verdient. Und was bekamen wir? Zwei Dosen Cola!“ Manchmal sei er Tage, gar wochenlang eingesperrt worden.Einmal habe er drei Tage nichts zu essen bekommen, in seiner Verzweiflung nahm er eine Dose Hundefutter.

„Endlich waren Menschen,
da die wirklich halfen“

Als er 1971 als junger Mann ein eigenständiges Leben aufbauen sollte, geschah, was ihm prognostiziert wurde. „Ich hatte Hunger. Ich wurde ein Dieb, ein Räuber. Die haben mich zum Verbrecher gemacht.“ Eine kriminelle Karriere quer durch das Strafgesetzbuch. Zwölf Jahre lang. „Bis endlich Menschen für mich da waren, die wirklich helfen wollten.“ In der JVA Gelsenkirchen bemühten sich ein Sozialarbeiter und ein Therapeut intensiv um ihn. Mit Erfolg. In Düsseldorf wagte er ein neues Leben, wurde Trockenbauer. „Eine schöne Zeit“, bis er arbeitslos wurde. Heute lebt er in einer Dachwohnung in Unterbilk mit seiner Lebensgefährtin, die stets an seiner Seite steht und gerade dann zuhört, wenn es um seine tragische Kindheit geht.

„Ich kann dieses Kapitel nicht abschließen. Ich habe schon nach früheren Kameraden gesucht“, erzählt er. „Man müsste einen Aufruf machen, damit sich die früheren Heimkinder melden, damit bekannt wird, was geschehen ist.“

Jans-Jochim Krappen gehört zu denjenigen, die schließlich den Petitionsausschuss des Bundestages anriefen, die Entschädigung , vor allem Aufklärung verlangen.

Der Ausschuss „bedauert
das zutiefst“

Im Jahre 2008 erhielt er Antwort aus Berlin. Der wichtigste Satz: „Der Petitionsausschuss sieht und erkennt erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen in der alten Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1945 und 1970 widerfahren ist und bedauert das zutiefst.“

Die Graf-Recke-Stiftung in Einbrungen hat übrigens zwei Mitarbeiter abgestellt, die sich den Ehemaligen annehmen. „Jeder kann sich an uns wenden“, versichert Sprecher Roelf Bleeker-Dohmen.

Michael Mücke

Kommentare
15.03.2010
23:01
Verlorene Kindheit
von Hendrik Ba | #2

Sehr geehrter Herr Michael B.

bitte schreiben Sie mir an hendrik.bachmann@schreib-doch-mal-wieder.de Sie werden mit Herrn krappen Kontakt aufnehmen...
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2010-03-11 08:01
Düsseldorf