Uni Düsseldorf untersucht die Macht des Internets
01.04.2011 | 17:01 Uhr 2011-04-01T17:01:00+0200
Düsseldorf.Von Guttenberg bis zur Arabischen Welt - das Internt spielt bei vielen Ereignissen eine Hauptrolle. Die Düsseldorfer Heine-Uni organisiert ein internationales Forschungsprojekt.
In Japan suchen verzweifelte Menschen nach vermissten Angehörigen. In China rufen Oppositionelle zu Demonstrationen auf, die sie „Sonntagsspaziergänge“ nennen. In der Arabischen Welt entzünden sich Revolutionen, die Regierungen stürzen. In Deutschland tritt ein Minister zurück, der öffentlich ein „Betrüger“ genannt wird. Schlagzeilen der letzten Wochen – eine Dynamik verbindet diese völlig unterschiedlichen Ereignisse: „Bei allen spielt das Internet eine große Rolle“, meint Gerhard Vowe, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Uni.
Die Welt verändert sich per Mausklick. Den Düsseldorfer Wissenschaftlern beschert diese Veränderung große Aufgaben: Soeben hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft 2,4 Millionen Euro für ein internationales Projekt bewilligt, das die Heine-Uni koordiniert und das herausfinden will, wie das weltweite Netz unseren Alltag verändert – und die Politik. Wissenschaftler aus der Schweiz und von verschiedenen deutschen Unis arbeiten daran in den nächsten sechs Jahren.
Auch Diktaturen nutzen die Online-Welt für ihre Zwecke
„Das Internet ermöglicht Menschen sich zu vernetzen, die das sonst nicht könnten, weil sie keinen Zugang zu freier Presse haben“, sagt Vowe mit Fernblick auf die Arabische Welt. Demokratische Entwicklungen könnten sich so leichter organisieren. Also das Internet als Brandbeschleuniger, wenn es eh schon rumort? „Von Tunesien bis Ägypten entzündeten sich die Proteste durch eine junge, perspektivlose Bevölkerung. Da gab’s ein Pulverfass, an dem sich die Lunte entzündete. Das Internet übernimmt die Funktion der Lunte.“
Und im Fall Guttenberg? Da hatte ein Bayreuther Professor den Minister in einem Fernsehinterview „Betrüger“ genannt, das Gespräch wurde am Tag darauf zehntausend Mal über Facebook verlinkt und die Süddeutsche Zeitung kommentierte: „So etwas verändert die Debattenkultur. An ein Totschweigen jedenfalls ist nicht mehr zu denken.“ Auch Vowe glaubt: „Guttenberg hätte wohl kaum so schnell die Konsequenzen gezogen, ohne den täglich stärker werdenden Druck der empörten Wissenschaftler im Netz.“ Und man hätte ihm wohl kaum in so kurzer Zeit sein Plagiat nachweisen können.
Doch der Medienwissenschaftler sieht nicht nur die positiven Aspekte, längst würden auch Diktaturen die Online-Welt für ihre Zwecke nutzen, um eigene Propaganda unters Volk zu bringen oder ihre Gegner besser zu kontrollieren. Vowe: „Die lernen schnell.“
Heute sei ein Fernsehsender für einen Politiker noch wichtiger als ein Online-Medium
Die Düsseldorfer Wissenschaftler sind in den nächsten drei Jahren der öffentlichen Meinung auf der Spur. Sie suchen Antworten darauf, wie wichtig die Online-Medien tatsächlich sind. In Revolutionen, aber auch im deutschen Wahlkampf. Heute sei ein Fernsehsender für einen Politiker noch wichtiger als ein Online-Medium – „aber das rutscht“, so Vowe.
Nach drei Jahren wollen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vergleichen: Wie zum Beispiel denken Franzosen und Briten über die Macht des Netzes? Und wie bildet sich überhaupt eine öffentliche Meinung, wenn immer mehr Menschen nur noch Blogs lesen, aber keine Zeitungen mehr? Einen entscheidenden Unterschied sieht Vowe bereits heute: „Bei einer Zeitung kann ich den Inhalt sofort analysieren, das Gedruckte bleibt bestehen, es wird archiviert.“ Im Internet aber würde sich alles ständig verändern, „nichts bleibt.“ Deshalb sei ein Ziel der Forschungsarbeit auch, den Methoden des Internet auf die Schliche zu kommen. Das brauche Zeit, es lässt sich eben nicht alles per Mausklick erledigen.
0mitdiskutieren