Tafeln in NRW - "Entweder hungern oder hier hin gehen"

Pensionär Eduard Krüssel verteilt in Düsseldorf während der Lebensmittel-Ausgabe in der Derendorfer Zionskirche Gemüse.
Pensionär Eduard Krüssel verteilt in Düsseldorf während der Lebensmittel-Ausgabe in der Derendorfer Zionskirche Gemüse.
Foto: Caroline Seidel/dpa
Was wir bereits wissen
Der Gang zur Tafel ist für viele mit Selbstüberwindung verbunden. Mit Hartz IV, kleiner Rente oder als Alleinerziehende geht es oft aber nicht anders.

Düsseldorf.. Kurz vor 13 Uhr, Nervosität kommt auf: "Das ist wirklich wenig", sagt Bruni Stolz (69) und schaut skeptisch an der U-förmig aufgestellten Tafel der Düsseldorfer Diakonie entlang: Körbeweise Brot stehen da, Kisten voller Obst und Gemüse. Nur Milchprodukte sucht Stolz vergeblich. Die Lücken werden kurzerhand mit Weihnachtsschokolade aufgefüllt - und dann brummt es doch noch in der Einfahrt: "Es kommt noch ein Wagen", ruft Sozialarbeiterin Andrea Schmitz, Organisatorin der Lebensmittel-Ausgabe, in den Vorraum der Kirche. Erleichterung.

Eigentlich sollte es jetzt losgehen. Seit 12 Uhr schon stehen einige Bedürftige vor der Tür der Lebensmittel-Ausgabe. Heute verzögert sich die Prozedur allerdings - die gerade gelieferten Lebensmittel müssen noch ausgeräumt und sortiert werden. Palettenweise tragen die Mitarbeiter Joghurt, Obst und Gemüse hinein. "Es ist ganz schön viel zu schleppen", sagt Bruni Stolz. Gut 180 Haushalte aus dem Düsseldorfer Norden versorgt die Ausgabestelle jeden Donnerstag.

"Manche könnte auf der Kö spazieren gehen"

Gegen 13.30 Uhr dürfen die Kunden endlich hinein, gehen Meter für Meter an der Tafel entlang, halten dankbar ihre mitgebrachten Plastiktüten, Jutebeutel und Rollwagen auf. Erst Familien, dann Alleinstehende - so ist die Regel. "Manche könnten genauso gut auf der Königsallee spazieren gehen - und würden nicht mal auffallen", sagt Marius Hansmann (19). Er ist der einzige Jugendliche in einem Team, das sonst ausschließlich aus Rentnern besteht, trägt schwarzen Kapuzenpullover und absolviert Bundesfreiwilligendienst in einem Obdachlosen-Café.

Hilfsorganisation Eduard Krüssel (73), der ebenfalls hilft, ist nicht Rentner, sondern Pensionär. "Ich habe viel Gutes von der Gesellschaft bekommen", sagt der ehemalige Landesbeamte. Davon wolle er etwas zurückgeben. "Obdachlose kommen nicht hier her", sagt Krüssel. Die hätten keine Möglichkeit, die Lebensmittel zuzubereiten. Stattdessen: Hartz-IV-Empfänger, Asylbewerber, Alleinerziehende und Rentner.

Scham baut sich ab

Eine von ihnen ist Sandra Schulze (41): alleinerziehend, Mutter zweier Söhne (19, 17), Großmutter einer Enkelin (2). Stolz zeigt sie ein Foto ihrer "Maus" - es ist das Hintergrundbild ihres Smartphones. Trotz halber Stelle bei der Stadtbücherei reicht das Geld nicht, Schulze ist Aufstockerin. "Ich bin froh um jedes Teil, das ich nicht kaufen muss." Anfangs, vor zwölf Jahren, habe sie sich geschämt, zu kommen. Heute weiß sie: "Entweder hungern oder hier her gehen." Gerade kam die Nebenkostenabrechnung: 630 Euro Nachzahlung.

Foodsharing Neben ihr steht Frührentnerin Beate Staude (56): modische Kurzhaarfrisur, ausdrucksstarke Brille, offenes Lachen. Sie kommt - mit Unterbrechungen - seit zehn Jahren zur Ausgabestelle der Diakonie, hat mehrere Krebserkrankungen hinter sich und kann deshalb nicht mehr arbeiten. Die kleine Rente plus Grundsicherung würde zum Leben nicht reichen. Ohne Tafel, sagt Staude, käme sie mit ihrer 16-jährigen Tochter nicht über den Monat. Scham? Nicht mehr. "Es ist ja nicht so, dass ich nicht arbeiten will - ich kann nicht." Die Krankheit.

Rentner, Flüchtlinge und Alleinerziehende in Not

"Es gibt in unserem Land sehr viele Verlierer", sagt der Vorsitzende des "Bundesverbands Deutsche Tafeln", Jochen Brühl. Und nennt die Tafeln einen "Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen". Aktuell schlägt der Seismograph Brühl zufolge besonders bei Rentnern, Flüchtlingen und Alleinerziehenden aus. Es sei bezeichnend, dass Kinder mit dem Thema Armutsrisiko verbunden sind. Brühl wünscht sich, dass an politischen Ursachen gearbeitet wird. Bildungschancen dürften nicht abhängig vom Bildungsgrad der Eltern sein, Menschen müssten von ihrer Arbeit leben können.

Ernährung 919 Tafeln sind derzeit im Bundesverband zusammengeschlossen, 60.000 Helfer engagieren sich ehrenamtlich. Sie versorgen regelmäßig etwa 1,5 Millionen Menschen, von denen knapp ein Drittel Kinder und Jugendliche sind. Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet.

Zwölf Tonnen Lebensmittel pro Tag

Mit 166 Tafeln herrscht in NRW eine verhältnismäßig hohe Dichte. "Nordrhein-Westfalen ist ein Ballungsraum - hier gibt es viele Menschen, die sich engagieren, aber auch viele Menschen, die von Armut betroffen sind", erklärt Brühl. Allein die "Düsseldorfer Tafel" beliefert wöchentlich neun Ausgabestellen mit rund zwölf Tonnen Lebensmitteln.

In der Derendorfer Kirche ist jeder einzelne dankbar. Wünschen versuchen die Ehrenamtler gerecht zu werden. "Bitte Herz-Salat", sagt eine junge Frau. Marius Hansmann, der junge Helfer in Kapuzenpulli, wühlt kurz im Korb und fischt zwei Salatherzen hervor. "Danke sehr", sagt die Frau - und lächelt verlegen. (dpa)