So erlebte Alois Corzilius das Kriegsende in Düsseldorf

Die Fotos vom Einmarsch der Amerikaner und die Sprengung der Oberkasseler Brücke in der NRZ haben mich sehr berührt. Deswegen möchte ich mir hier einfach etwas von der Seele schreiben.

Mein Mann Alois war Jahrgang 1928, er ist vor 20 Jahren gestorben. Er hatte zweimal seine Lehrstelle als Schriftsetzer durch Bombeneinwirkung verloren, in Düsseldorf und Schlingen wurde er als Flakhelfer eingezogen. Zuerst war er in Belgien und dann war seine Stellung in Hubbelrath. Bei ihren Einsätzen auf freiem Feld einen feindlichen Flieger vom Himmel zu holen, hatten einige die Hose nass vor Angst. Manche waren eben noch halbe Kinder.

An dem Tag, als mein Mann hörte, dass die Oberkasseler Brücke gesprengt wurde (Anmerkung der Redaktion: Die Brücke, damals Skagerrak-Brücke, wurde am 3. März durch die Wehrmacht gesprengt, damit die US-Truppen von Oberkassel nicht einmarschieren konnten), fasste er den todesmutigen Entschluss abzuhauen. Nachts lief er zu Fuß durch das schwer zerstörte Düsseldorf nach Hause. Die Wohnung seiner war total abgebrannt. Ihre erste Wohnung war schon 1944 durch eine Luftmine zerstört worden. Da war absolut alles platt. Da sein Vater „unabkömmlich“ gestellt war bei der Firma Mannesmann, die zu der Zeit nur Waffen produzierte, übrigens fast nur mit russischen Frauen, die überwiegend an Hunger und Krankheit starben, wollte seine Frau mit vier Kindern ihn nicht alleine lassen.

Aber der Vater gab keine Ruhe und brachte seine Familie, die Abend für Abend in den Bunker zum Schlafen ging, in die Eifel. Er fuhr aber wieder zurück ins Werk, kurze Zeit später war ein schwerer Angriff auf dasselbe. Bei Aufräumungsarbeiten trat der Vater versehentlich in glühende Eisen-Asche. Er hatte schwere Verletzungen. Als er soweit hergestellt war schickte der Arzt ihn zur Erholung zu seiner Familie in die Eifel.

Mein Mann wusste von dem allerdings nichts. Als er zuhause ankam, der Keller war noch da, ging er zuerst nach etwas Essbarem suchen. Durch Zufall entdeckte er auf einem nahen Trümmerhaufen ein altes noch fahrbares Fahrrad. Trotz des ganzen Chaos schaffte er es bis zum Rhein. Wegen der Wachen an der Brücke musste er ein Stück Rheinaufwärts gehen. Er schnappte sich ein Boot, schmiss ein Fahrrad darauf und paddelte auf die linke Rheinseite, Richtung Eifel. Er musste natürlich die Dörfer vorsichtig umfahren, wegen den amerikanischen Kontrollen. Einige Bauern ließen ihn in der Scheune übernachten und gaben ihm auch zu essen. Der Krieg war ja nun links des Rheins vorbei. Nach zwei Tagen war mein Mann dann bei seiner Familie.

Wir lernten uns später erst kennen. Da das Dorf aber auch nach einem Bombenangriff und achttägigem Beschuss sehr zerstört war, fing das Aufräumen an. Der Vater packte überall mit an, als es ihm besser ging. Er half mit die Decken zu reparieren. Dabei löste sich ein Haken. Er stürzte runter und war sofort tot.

Eine einzige Tragödie.