Schwarzfahrer erscheint blau vor Gericht

Die Justitia.
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Foto: dpa
Was wir bereits wissen
„Seit über 30 Jahren brauche ich Alkohol, um klar zu kommen“, sagte der 43-Jährige, der angetrunken zum Prozess erschien. Es kam zum Abbruch der Verhandlung.

Abbrechen musste das Amtsgericht gestern einen Schwarzfahrer-Prozess gegen einen 43-jährigen Angeklagten. Vor fast anderthalb Jahren soll er in zwei Regionalzügen ohne Ticket erwischt worden sein. „Sagt mir gar nichts“, tönte er sichtlich schwankend auf der Anklagebank. Die Frage der Richterin, wieviel Alkohol er bis zur Verhandlung um 9.20 Uhr bereits getrunken hatte, konterte er: „Das wollen Sie gar nicht wissen.“ Als sie nicht locker ließ, gab er an, zur morgendlichen Uhrzeit bereits zehn Bier getrunken zu haben. Zweifel an seiner Verhandlungsfähigkeit führten dann zum Abbruch der Verhandlung.

Nüchtern, das machte der Angeklagte deutlich, hätte er es bis in die erste Etage des Amtsgericht vermutlich nicht geschafft: „Seit über 30 Jahren brauche ich Alkohol, um klar zu kommen. Weil sonst könnte ich nicht geradeaus laufen.“

23 Vorstrafen

Dabei war er aber auf dem Weg in den Gerichtssaal gerade durch seine schwankenden, weit ausholenden Schritte aufgefallen. Therapie? „Werde ich nicht tun. Ich therapier‘ mich selber. Wenn ich will!“ Kinder? „Bin ich denn verrückt? Kann ich mir gar nicht leisten“, schnappte er nun gereizt in Richtung Richtertisch. Eine Grundschulklasse im Zuschauerraum kicherte los.

Immerhin korrigierte der Angeklagte dann seinen aktuellen Alkoholstatus: Statt zehn Bier könne er an diesem Morgen auch nur sechs Flaschen getrunken haben. Was denn seine übliche Tagesdosis sei? „Ochnaja, üblicherweise drei bis vier Flaschen Wodka. Und zwei Kästen Bier“, kam es von der Anklagebank. Ganz sicher war der 43-Jährige nur in einem Punkt: Ob er wirklich ohne Ticket in zwei Zügen erwischt worden war - das könne er sicher nicht sagen. „Er hat keine Erinnerung an eine solche Tat“, formulierte seine Anwältin.

Dass der Angeklagte nach 23 Vorstrafen, die er bisher bereits angesammelt hat, gestern keineswegs verhandlungsfähig war, musste die Richterin nicht erst durch einen Amtsarzt klären lassen. Sie will die Anklage und weitere, parallel noch laufende Verfahren gegen den 43-Jährigen demnächst also in einem neuen Prozess verhandeln. „Da komme ich aber nicht mehr“, winkte der Angeklagte ab. „Das war mein letzter Prozess, jetzt hab‘ ich da keinen Bock mehr drauf“, rief er quer durch den Saal, stapfte grußlos davon. Ob die Richterin ihm das durchgehen lässt oder ob er zum nächsten Prozess von der Polizei vorgeführt wird, ist noch nicht entschiede.